Wenn ich in dieser Situation Sie wäre, dann würde ich aber doch denken: "Den läppischen 1 Euro, den die mir abgeben will, kann sie sich an den Hut stecken!"
Ja, aber das ist nicht egoistisch! Damit stoßen Sie an die Grenzen einer ganz grundlegenden Hypothese der Ökonomik: "Mehr Geld ist besser als weniger Geld". Wenn Sie sagen, "ich verzichte auf den 1 Euro", das heißt das, Sie schmeißen Geld weg. Das ist ein Verstoß gegen die Minimum-Hypothese, die eigentlich überall gilt.
Aber Ihre Intuition ist völlig richtig: Wenn wir das Ultimatum-Spiel mit echtem Geld in unserem Labor spielen, dann gibt fast nie jemand nur 1 Euro ab. Die meisten geben ungefähr die Hälfte, also 50 Euro. Wenn Sie zu wenig abgeben wollen, dann wird typischerweise abgelehnt. Das ist ein ganz robustes Verhalten – das passiert in Deutschland genauso wie in den USA oder anderen Ländern. Sie können das Spiel auch 100 Mal wiederholen, das Ergebnis ist immer dasselbe: Die Leute haben eine Unfairness-Aversion. Sie wollen den anderen dafür bestrafen, dass er unfair war.
In so einer Verhandlungssituation sollten Sie selbst als Egoist so tun, als ob Sie fair und nett sind, damit Sie nicht Gefahr laufen, bestraft zu werden. Sie sollten dem anderen die Hälfte abgeben – denn mit der hälftigen Abgabe maximieren Sie Ihren Gewinn. Wenn Sie weniger als die Hälfte abgeben würden, wäre die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung so hoch, dass Sie sich am Ende schlechter stellen. Die Theorie vom "Homo Oeconomicus" funktioniert hier also überhaupt nicht.
Die Theorie vom "Homo Oeconomicus" wurde aber nicht aus der Luft gegriffen. Kann es sein, dass die Leute vor 150 Jahren anders reagiert haben – oder hätten?
Ich glaube, die Menschen vor 150 Jahren waren nicht anders als heute. Nur die Methoden, mit denen wir ihr Verhalten testen, haben sich verfeinert. Ich glaube, es ist wirklich die Theorie, die jetzt sehr spät auf etwas reagiert, was schon seit Hunderten von Jahren Tatsache ist: dass Menschen nicht nur Egoisten sind, sondern sich eben auch nach dem Prinzip "Wie du mir, so ich dir" verhalten und auf Fairness und Status in einer Referenzgruppe achten. Das ist ganz wichtig.
Viele Entscheidungen in der realen Wirtschaftspraxis basieren aber auf "Homo Oeconomicus". Wenn die Theorie von etwas anderem ausgeht als dem, was die Leute tatsächlich tun, dann kann es aber zu Fehlentscheidungen und Kollisionen kommen …
Das ist ein guter Punkt – und deshalb glaube ich, dass die experimentelle Wirtschaftsforschung eine extrem wichtige Disziplin ist, die man auch den Studenten frühzeitig nahebringen muss. Es ist wichtig, die Theorie zu verstehen - wie man rationalerweise auf ein Marmeladenglas bietet, wie rationalerweise die Anreize in einer Verhandlungssituation sind -, aber es ist auch wichtig zu verstehen, wie sich echte Menschen verhalten.
Dann kann man die Theorie und die Empirie zusammenführen und vernünftige Schlüsse ziehen. Ich glaube, dass einige Lehrbücher, etwa in der Ökonomie, die empirisch-experimentelle Seite völlig auslassen und sich allein auf die Theorie beschränken, die man sich im Lehnstuhl im Elfenbeinturm überlegt hat. Das kann zu völlig falschen Schlüssen und Handlungsempfehlungen führen. Darin sehe ich eine große Gefahr.
Und wie wird damit umgegangen?
Es hat in den letzten 15, 20 Jahren eine Revolution in der Ökonomik stattgefunden. Es gibt, glaube ich, kein Land auf der Welt, das so viele Experimentallabors hat, wie Deutschland. Aber es wird wohl noch eine Generation von Professoren brauchen, bis es sich überall herumgesprochen hat.
Die Fragen stellte Ingun Arnold
Professor Axel Ockenfels (36) hat 2005 als erster Wirtschaftswissenschaftler seit 17 Jahren den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis erhalten. Der Preis ist mit 1,5 Millionen Euro dotiert. Ockenfels studierte in Bonn bei Professor Reinhard Selten, dem ersten und einzigen deutschen Nobelpreisträger für Ökonomie. Nach seiner Arbeit in Magdeburg und Jena lehrt Ockenfels heute an der Universität Köln.
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