Deutschlands größter Bierbrauer Dr. Oetker baut um. Die Berliner Kindl-Brauerei schließt nach 130 Jahren ihre Pforten. Auch bei Brinkhoff in Dortmund wird künftig nicht mehr gebraut. Was ist los auf dem Biermarkt?
Der Gerstensaft hat ein Umsatzproblem
Dem Brauereisterben in Deutschland fallen erstmals zwei Großbrauereien zum Opfer. "Der sinkende Biermarkt und erhebliche Überkapazitäten machen Einschnitte unumgänglich," sagte der Chef der Oetker-Biersparte, Ulrich Kallmeyer. Mit der Bündelung von Bierproduktion in Dortmund und in Berlin werde eine grundlegende Sanierung angegangen, so Kallmeyer. Bisher gab es an beiden Standorten je zwei Großbrauereien. Diese sind momentan aber nur zur Hälfte ausgelastet.
"Das ist eine ganz normale Entwicklung", sagt Uwe Witt, Referatsleiter Getränkewirtschaft bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Hamburg. Rund 1260 Brauereien gibt es in Deutschland – dem gegenüber steht ein sinkender Bierkonsum.
"Man muss aber auch mal sehen, wo wir herkommen", gibt Rudolf Böhlke, Branchenexperte bei der Unternehmensberatung Ernst & Young, zu bedenken. 1976 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 156 Liter Bier im Jahr – das waren damals 23 Prozent des gesamten Getränkekonsums des Durchschnitts-Bundesbürgers. "Seitdem sind wir auf dem absteigenden Ast", sagt Böhlke. Dazu kommt, dass die Getränkevielfalt heute eine ganz andere ist als noch vor 30 Jahren.
"Das deutsche Bier hat ein Imageproblem", hat Böhlke festgestellt. "Bier hat das Image eines Durstlöschers, und nicht das eines Genussmittels wie Wein oder Sekt." Das Reinheitsgebot garantiert, dass es kein wirklich schlechtes deutsches Bier gibt – wirklich unterscheiden kann man die Biere aber auch nicht. Ob die in schicken Glasflaschen oder in der Billigversion in PET-Flaschen abgefüllt sind, ändert an der Güte des Inhalts nichts.
Doch selbst wenn der Trend auf dem Getränkemarkt in Richtung Alkoholfreies und innovative Getränke geht und der Markt konsolidiert werden muss: "Das Bier hat ein Pfund, mit dem es wuchern kann", glaubt Böhlke. Bier gehöre zur deutschen Kultur und die Deutschen hätten eine starke emotionale Bindung an ihr Nationalgetränk.
GLOSSAR:
die Durststrecke – ein Zeitraum, in dem man mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat
die Pforten schließen – zumachen; aufhören zu arbeiten
einer Sache zum Opfer fallen – von etwas schwer betroffen sein; hier: schließen müssen
die Sparte – ein Bereich in einem größeren Unternehmen
etwas angehen – mit etwas beginnen
zu bedenken geben – bemerken; auffordern, etwas zu berücksichtigen
auf dem absteigenden Ast sein – sich in einer immer schlechter werdenden Situation befinden
PET-Flaschen – Plastikflaschen (PET: Abkürzung für "Polyethylenterephthalat")
die Güte – die Qualität
Das Bier hat ein Pfund, mit dem es wuchern kann. – Das Bier hat einen besonderen Vorzug, mit dem es erfolgreich sein kann.