1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Russland & GUS

"Der neue ukrainische Präsident wird es nicht einfach haben"

– Russischer Botschafter Wiktor Tschernomyrdin zur Lage in der Ukraine und den russisch-ukrainischen Beziehungen

Moskau, 28.12.2004, ISWESTIJA, russ., Janina Sokolowskaja

(...) Wie werden sich die russisch-ukrainischen Beziehungen nach den Wahlen gestalten? Darüber berichtet der Botschafter Russlands in der Ukraine, Wiktor Tschernomyrdin. Mit ihm spricht Janina Sokolowskaja.

Frage: Kürzlich sagten Sie "Iswestija", dass Russland gezwungen sein werde, mit dem ukrainischen Präsidenten zusammenzuarbeiten, wer immer dies auch sei. Sind Sie bereit, diese Worte zu bekräftigen?

Tschernomyrdin: (...) Wir werden mit dem Politiker zusammenarbeiten, den das ukrainische Volk wählt. Das sagte der Präsident Russlands. Daran kann sich nichts ändern.

Frage: Ukrainische Politologen behaupten, dass Janukowytsch Juschtschenko "um Arbeit gebeten habe". Vor der "dritten Wahlrunde" haben Sie mit beiden Kandidaten gesprochen. Sind die bereit, zu kooperieren?

Tschernomyrdin: Ich habe sowohl mit Juschtschenko als auch mit Janukowytsch gesprochen, bis 3 Uhr nachts. Die gehen ganz normal miteinander um, geben einander die Hand. Janukowytsch hat deutlich erklärt, dass er bereit sei, mit Juschtschenko zusammenzuarbeiten. Juschtschenko vertritt allem Anschein nach einen eigenen Standpunkt. Ob dieser jemandem gefällt oder nicht, ist eine andere Frage. Die einen stimmten für Juschtschenko, die anderen für Janukowytsch. In der ersten Runde ging es lediglich um Bruchteile eines Prozentes. Wahlen sind Wahlen, bei denen siegt immer einer. Ich verstehe, dass es bitter ist, zu verlieren, wenn man mit dem Rivalen "Schritt gehalten hat". Die Ukraine muss jedoch das Wichtigste verstehen, ihr neuer Präsident wird es nicht einfach haben. Man muss über Tapferkeit, Gesundheit, starken Willen verfügen, um die Nation auf die Beine zu bringen. Es muss sehr ernst vorgegangen werden.

Frage: Was hält man in Moskau von den Voraussagen über die Spaltung der Ukraine?

Tschernomyrdin: Wir begrüßen Separatismus nicht, er ist schädlich und gefährlich. Die Wahlen werden irgendwann vorbei sein, es wird ein normales Leben beginnen, auf das alle warten, da endlich wieder gearbeitet werden muss. Wir werden hier gefragt, wieso reiste Luschkow in die Ukraine? Hier war aber auch Walesa, es gab verschiedene Gerüchte. Wieso empört sich niemand darüber. Das, was bei den Nachbarn vor sich geht, kann uns nicht kalt lassen.

Frage: Experten behaupten, dass die ukrainische Wirtschaft während der "orangenfarbenen Revolution" auf das Niveau von 1997 gesunken sei. Wird denn solch eine Ukraine imstande sein, ein würdiger Partner Russlands und des Westens zu werden?

Tschernomyrdin: Ich bin nicht der Meinung, dass die Ukraine so weit zurück geworfen wurde. Es gibt einen bestimmten Rückgang. Das Wirtschaftswachstum beträgt in diesem Jahr 7 statt der vorgesehenen 15 Prozent. Das ist unangenehm, aber wir werden alles tun, damit die russisch-ukrainischen Beziehungen reibungslos weitergehen. Wir lassen uns von unserem Vorteil leiten – wir haben mit der Ukraine langfristige Verträge und Projekte.

Frage: Wird sich denn nach den Wahlen der Status der russischen Sprache in der Ukraine ändern? Werden deren Bürger die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten?

Tschernomyrdin: Das Thema Staatsbürgerschaft ist nicht akut, es muss in Ruhe erörtert werden. Jetzt wird entschieden, ob eine doppelte Staatsbürgerschaft besser ist oder schlechter. Ich bin der Meinung – besser. Die Ukraine ist ein Russisch sprachiges Land. Das wissen wir. Aber wir wissen auch, dass die Hauptsprache hier Ukrainisch ist. Das ist eine Frage der nationalen Sicherheit. Die Ukraine wird auch nach den Wahlen zwei Sprachen sprechen.

Frage: Bleiben Sie nach den Wahlen in Ihrem Amt?

Tschernomyrdin: Das entscheide nicht ich. Das liegt an der Führung. Ich hatte nicht die Aufgabe, die ukrainische Politik zu beeinflussen. Mein Ziel war es, die russisch-ukrainischen Beziehungen auszubauen. (lr)