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Kaum ein Polit-Skandal hat die deutsche und auch die internationale Öffentlichkeit länger beschäftigt als die zwielichtige Einrichtung mit Namen "Colonia Dignidad" in Chile. Und in kaum einem anderen vergleichbaren Fall hat es so wenig Aufklärung gegeben, obwohl die Zeit der chilenischen Militärdiktatur und damit die Hoch-Zeit der "Kolonie Würde" schon rund acht Jahre zurückliegt.

Gero Gemballa hat sein Buch im Untertitel "Ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals" genannt. Er kann die Erwartung, die dieser Untertitel vermittelt, voll einlösen, denn es handelt sich in der Tat in erster Linie um einen deutschen Skandal, über den der Fernsehreporter Gemballa im Laufe der Jahre mehrfach berichtet hat.

Sein spannend geschriebenes Buch wird so zur Reportage über die Reportagen, beleuchtet alle obskuren und skurrilen, alle banalen und grausamen Aspekte dieses weltweit einzigartigen Gebildes, das als Brückenkopf für allerlei schmutzige Geschäfte und als Folterzentrum der chilenischen Geheimpolizei Pinochets gedient hat.

Nutzen für die deutsche Seite

Das Geheimnis lüften kann aber auch Gemballa nicht. Doch wen wundert das - befindet sich doch der mit Haftbefehl gesuchte Paul Schäfer zum Zeitpunkt des Erscheinens von Gemballas Reportage noch immer auf freiem Fuß - trotz mehrfacher Durchsuchungsaktionen durch die chilenischen Carabineros. Mit diesen hatte Schäfer jahrzehntelang eng zusammengearbeitet.

Es wäre eher verwunderlich, wenn er bis heute nicht irgendwelche direkten Drähte zu den Verantwortlichen in der chilenischen Polizeiführung hätte. Der eigentliche politische Skandal der Kolonie am Fuße der Anden besteht darin, dass sie fast zwei Jahrzehnte lang wider besseres Wissen von hochrangigen deutschen Politikern und auch von der deutschen Botschaft in Santiago gedeckt worden ist.

Das aber lässt nur den Schluss zu - und Gemballas Bericht liefert dafür eine Anzahl von Indizien -, dass man sich bei einer Güterabwägung zwischen dem Nutzen der Kolonie mit ihrer ausgebauten Infrastruktur - eigenes Krankenhaus und eigene Landepiste - und der möglichen Rufschädigung durch die Zusammenarbeit mit einer deutschtümelnden kriminellen Vereinigung ganz klar für erste entschieden hat. Der tatsächliche Nutzen der Kolonie muss also auch für die deutsche Seite sehr hoch gewesen sein.

Wertvolle Reportage

Schade, dass Gemballas Bericht etliche Fehler enthält, die bei böswilliger Lektüre durchaus seine Glaubwürdigkeit infrage stellen könnten: So sind nicht nur verschiedene spanische Ausdrücke und Eigennamen falsch geschrieben, sondern die Größenangabe des Koloniegeländes schwankt zwischen 14.000 ha, was 140 Quadratkilometer wären, der "Größe des Saarlandes", das 2.570 Quadratkilometer groß ist, und 50 Quadratkilometern. Die unterschiedlichen Angaben finden sich zudem innerhalb von drei aufeinander folgenden Seiten. Kleine Schönheitsfehler, die den Wert der Reportage jedoch nicht schmälern.

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