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Duell der Damen

Fernando Caulyt/ Astrid Prange2. September 2013

So etwas gab es noch nie in Lateinamerika: Bei den kommenden Präsidentschaftswahlen in Chile und Brasilien machen Frauen das Rennen um den Einzug in den Regierungspalast unter sich aus.

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Brasiliens Staatschef Dilma Rousseff und ihre Herausforderin Marina Silva (Foto: AFP VANDERLEI ALMEIDA)
Brasilien - Dilma Dilma Rousseff und Marina SilvaBild: Getty Images

Verabschiedet sich Lateinamerika vom traditionellen Macho-Mythos? Bisher galt die Region als Hort für starke Männer und Macher. Doch ausgerechnet im konservativen Andenstaat Chile treten bei den Präsidentschaftswahlen am 17. November zwei Frauen gegeneinander an: Ex-Präsidentin Michelle Bachelet und die ehemalige Arbeitsministerin Evelyn Matthei werben um die Gunst der Wähler.

Die Lebensgeschichten der beiden Spitzenpolitikerinnen könnten unterschiedlicher nicht sein. Kandidatin Matthei von der Regierungspartei UDI (Unión Demócrata Independiente) stammt aus einer Generalsfamilie, die 1973 den Putsch des Militärchefs Augusto Pinochet gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende unterstützte. Ihr Vater Fernando Matthei Aubel diente unter der Diktatur von Pinochet (1973 - 1989) als Gesundheitsminister und Oberbefehlshaber der Luftwaffe.

Sozialdemokratin Bachelet, die in den vergangenen vier Jahren die UN-Frauenorganisation UN Women in New York anführte, leistete Widerstand gegen die Militärdiktatur. Ihr Vater, Luftwaffengeneral Alberto Bachelet, blieb beim Putsch loyal zu Allende. Zurzeit liegt Bachelet in den Umfragen weit vor ihrer Konkurrentin Matthei, die für das rechte Koalitionsbündnis "Alianza" kandidiert.

Favoritin: Bei ihrer Rückkehr nach Chile im März 2013 wird Michelle Bachelet von ihren Anhängern begeistert empfangen. (Foto: EPA/MARIO RUIZ)
Bei ihrer Rückkehr nach Chile im März 2013 wurde Michelle Bachelet von ihren Anhängern begeistert empfangen.Bild: picture-alliance/dpa

Parteigenossin und Rivalin

In Brasilien wird es bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2014 nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Datafolha aller Voraussicht nach im zweiten Wahlgang zu einem Duell zwischen der amtierenden Staatspräsidentin Dilma Rousseff und der ehemaligen Umweltministerin Marina Silva kommen. Schon beim Präsidentschaftswahlkampf 2010 traten Rousseff und Silva gegeneinander an.

Obwohl beide ihre politische Karriere der brasilianischen Arbeiterpartei PT verdanken, waren sie stets innerparteiliche Gegenspielerinnen. Während Dilma Rousseff als ehemalige Energieministerin einen wachstumsorientierten und industriefreundlichen Kurs verfolgte, kämpfte Marina Silva als Umweltministerin für den Schutz des Regenwalds. Im Mai 2008 trat sie aus Protest gegen Rousseffs Kurs von ihrem Amt zurück.

Kämpferisch: Marina Silva bei bei einem Wahlkampfauftritt in Brasilia. (Foto: PEDRO LADEIRA/AFP/Getty Images)
Kämpferisch: Marina Silva bei einem Wahlkampfauftritt in Brasilia.Bild: Getty Images/AFP

Nach ihrer gescheiterten Kandidatur 2010 für die grüne Partei Brasiliens, wagte Silva in diesem Jahr einen neuen politischen Anlauf und gründete im Februar die Nachhaltigkeitspartei "Rede Sustentabilidade". Seit den Massenprotesten während des Confed-Cups im Juni in Brasilien, bei denen Hunderttausende gegen teure WM-Stadien und Korruption protestierten, hat die 55-jährige Umweltpolitikerin in den Umfragen stark zugelegt.

Weibliche Krisenmanagerin

"Die Haltung gegenüber Frauen in Führungspositionen hat sich in Lateinamerika verändert", erklärt Politikwissenschaftlerin Ana Soliz Landivar vom GIGA-Institut in Hamburg. Ein Grund für den Wandel sei das schlechte Ansehen politischer Parteien in der Region. "Die Parteien haben angefangen, verstärkt Frauen als Kandidaten zu nominieren, weil sie ihre Macht erhalten und sich neu erfinden wollten", so Soliz Landivar.

Der Vertrauensvorschuss für Frauen ist allerdings keine Garantie für langjährige Wahlerfolge. Dies musste Argentiniens Staatschefin Cristina Kirchner erfahren, die seit 2007 regiert. Ihre Regierungspartei "Frente para la Victoria" (FPV) verlor bei den Vorwahlen Mitte August für die bevorstehenden Parlamentswahlen im Oktober knapp vier Millionen Stimmen. Die von Kirchner angestrebte dritte Amtszeit wird damit immer unwahrscheinlicher. Denn ohne eine Mehrheit im Parlament ist die dafür notwendige Verfassungsänderung nicht möglich.

Mutter der Nation

Im Gegensatz zu Europa und den USA ist der Kampf für weibliche Gleichberechtigung im katholisch geprägten Lateinamerika stark mit der traditionellen Mutterrolle verknüpft. Was während der Militärdiktatur in den 80er Jahren als Protest von Müttern und Ehefrauen gegen Folter und Entführung ihrer Angehörigen begann, entwickelte sich zu einer erfolgreichen Emanzipationsbewegung. Denn viele Frauen, die im politischen Widerstand aktiv waren und Treffen im Untergrund organisierten, wollten sich auch zu Hause nicht mehr von ihren Männern bevormunden lassen.

Krisenmanagerinnen unter Druck: Argentiniens Staatschefin Cristina Kirchner und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff. (Foto: EPA/FERNANDO BIZERRA JR)
Unter Druck: Argentiniens Staatschefin Cristina Kirchner und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff.Bild: picture-alliance/dpa

Auch heute genießen Politikerinnen, die vorgeben, sich genauso um die Sorgen ihrer Wähler zu kümmern wie Mütter um ihre Söhne, immer noch einen Sympathiebonus. "In Lateinamerika denken viele, dass eine Frau im Regierungspalast sich mehr um soziale Belange kümmert, genau wie eben eine Mutter auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingeht", meint Politikwissenschaftlerin Ana Soliz Landivar. Sie selbst glaubt allerdings nicht daran. "Regierungsprogramme sind nicht vom Geschlecht abhängig, sondern von der jeweiligen politischen Koalition und der Persönlichkeit des Kandidaten", ist sie überzeugt. Dies sieht die Marburger Soziologieprofessorin Anika Oettler genauso: "Politikerinnen vertreten oft eher den Standpunkt ihrer sozialen Schicht oder ihre religiösen Überzeugungen als die Interessen der Frauen", erklärt sie.

Auch wenn die politische Partizipation von Frauen in Lateinamerika mittlerweile selbstverständlich ist, zeigt ein Blick auf die Präsenz von Frauen im Parlament, dass noch viel zu tun ist. Nach Angaben der internationalen Organisation für Parlamente (IPU), die den weltweiten Dialog zwischen Abgeordneten fördert, liegt der Anteil weiblicher Volksvertreter in Lateinamerika im Durchschnitt bei 22 Prozent. Beim Kampf um Gleichberechtigung werden Frauen deshalb weiterhin auf die Unterstützung der "Machos" angewiesen sein.