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Energie

Digitale Autopiloten für schwankende Netze

Strom aus erneuerbaren Energien ist grün, aber nicht immer verfügbar. Das Angebot an Wind- und Solarstrom schwankt, was die Stabilität des Stromnetzes gefährdet. Horrorvision - oder Teil des Geschäfts?

Hat die Firma in den deutschen TecDax geführt:
Vorstand Harald Schrimpf
Quelle: Richard Fuchs

Hat die PSI AG in den deutschen TecDax geführt: Vorstand Harald Schrimpf

Stromnetzschwankungen sind für Harald Schrimpf das Salz in der Suppe. Denn was für die einen die größte Gefahr für eine sichere Stromversorgung darstellt, das ist für den Manager der PSI Software AG in Berlin Grundlage seines Geschäfts. "Je komplizierter die Dinge werden, desto mehr braucht man Software, um die Komplexität überschaubar zu halten", sagt Schrimpf, der seit 2002 die Geschäfte des 1500-Mitarbeiter-Unternehmens führt.

Seitdem hat sich der Konzern vornehmlich auf die Programmierung von Spezialsoftware für Großkunden aus dem Energie- und Rohstoffsektor spezialisiert. Ganz gleich, ob es Strom, Gas, Wärme, Öl oder Wasser durch Netze zu transportieren gilt: Die Software des Konzerns verarbeitet Daten aus weit verzweigten Netzen, auf die Kontrolleure dann von einer zentralen Leitwarte aus zugreifen können. "Unsere Software lohnt sich genau dann, wenn sie im großen Maßstab Energie verteilen, Energie einsetzen oder Rohstoffe produzieren."

Prognose-Software steigert Netzstabilität

Deutschlands Energiewende hat vor allem das Geschäft bei der Überwachung der Stromnetze kräftig durcheinander gewirbelt. Weg von der Stromproduktion durch Atomenergie, hin zur Produktion mit Windkraft und Solaranlagen, das schafft neue Probleme für die Stabilität der Netze. Schon heute stammen in Deutschland mehr als 20 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne oder Biomasse. An Spitzentagen schwirren in einigen Regionen sogar bis zu 60 Prozent grünen Stroms durch die Leitungen.

Spezialisiert auf die Überwachung von Netzen und Industrieprozessen: Leitwarte mit Software
Quelle: PSI AG

Spezialisiert auf die Überwachung von Netzen und Industrieprozessen: Leitwarte mit Software

Das produziert mal Stromknappheit, mal Stromüberschüsse, je nachdem wann der Wind weht oder die Sonne scheint. Am 6. und 7. Februar diesen Jahres wurde eine von der PSI AG entwickelte Software zur Überwachung von Stromautobahnen so einem Härtetest unterzogen: Eiseskälte, stillstehende Windräder und stockende Gaslieferungen - nur um ein Haar konnte vermieden werden, dass dieser gefährliche Mix einen Blackout verursachte.

Kein Wunder, dass der studierte Elektrotechnik-Ingenieur Schrimpf inzwischen von dem am schwersten kontrollierbaren Netz der Welt spricht, wenn er im Ausland über das deutsche Stromnetz referiert. Dabei schwingt Ehrfurcht mit, aber eben auch Freude über das dadurch stetig steigende Interesse an seinen Produkten. "Die Schwankungen sorgen dafür, dass das, was man noch von Hand steuern kann, immer weiter zurückgeht und stattdessen immer mehr an Automatik und Software bereitgestellt werden muss", erklärt Schrimpf.

Energiewende verspricht Wachstumspotential

Erst seit einigen Jahren hat sich das Unternehmen auf das Datenmanagement der Stromnetzautobahnen spezialisiert. Trotzdem überwachen inzwischen beinahe alle deutschen Netzbetreiber im Hoch- und Höchstspannungsbereich ihre Leitungen mit der Software des Berliner Mittelständlers. Als besonders wichtig für die Stabilisierung der Netze habe sich dabei die eigens für die Energiewende entwickelte Prognose-Software entpuppt, sagt Schrimpf.

Ausgeklügelte mathematische Rechenoperationen ermöglichen einen Blick in die Zukunft. Was passiert in zehn Minuten bei veränderten Wetterbedingungen, wenn eine Station im Stromnetz aus Wartungsgründen abgeschalten wird. Solche Fragen werden simuliert und es wird berechnet, ob das Netz dann noch stabil ist. Dabei sammelt die Software bis zu 100.000 Messdaten pro Sekunde aus dem gesamten Stromnetz ein, um den Operateuren in der Leitwarte ein möglichst genaues Bild zu vermitteln. "Unser System versorgt die Operateure im Grunde wie ein Autopilot mit Informationen". Zentral wird so das Stromnetz im Gleichgewicht gehalten, Stromladungen möglichst gleichmäßig über die Stromautobahnen verteilt.

Besonders diese für die Energiewende so wichtige Prognose-Software sei teuer in der Entwicklung gewesen, sagt Schrimpf. Geld, das die Energiewende dem Unternehmen bislang noch nicht eingespielt hat. Mehr Ökostrom in den Leitungen, das zwingt Politik und Unternehmen eigentlich zu massiven Investitionen in den Ausbau der Netze. Doch dieser Ausbau stockt derzeit. Über 1800 Kilometer Höchstspannungsnetze sollen in einem ersten Schritt neu gebaut werden. Nur rund 200 Kilometer wurden davon bis jetzt auch tatsächlich realisiert. Trotzdem verspricht sich der Konzern viel vom geplanten Ausbau der Netzinfrastruktur, den Schrimpf mit Investitionskosten von etwa 40 bis 50 Milliarden Euro beziffert. "Gut ein Prozent davon geht in Software", schätzt er, "was bedeutet, dass sich unser Geschäft in den nächsten acht bis zehn Jahren national etwa verdoppeln wird". Für 2012 erwartet der Konzern einen Jahresumsatz von 180 Millionen Euro.

Die Software zur Energiewende exportieren

Bringt Investoren und der Öffentlichkeit den heimlichen Weltmeister PSI AG näher: Karsten Pierschke
Quelle: Richard Fuchs

Bringt Investoren und der Öffentlichkeit den heimlichen Weltmeister PSI AG näher: Karsten Pierschke

Der Software-Hersteller sieht für sich also noch viel Wachstumspotential im "Energielabor Deutschland". Und dennoch fällt der Blick zunehmend ins Ausland: "Je mehr Nationen versuchen, erneuerbare Energien aufzubauen und sich dann mit den Stromnetzschwankungen herumschlagen, desto mehr Länder kommen darauf, dass diese Software helfen kann", zeigt sich Schrimpf überzeugt. Sein Kollege Karsten Pierschke, zuständig für Kundenkontakte, sieht das ähnlich. "Wir können nachweisen, dass unsere Kunden mit unserer Software Stromnetze unter extrem schwierigen Bedingungen steuern und trotzdem Deutschland noch immer unter den führenden Nationen ist was die Zuverlässigkeit der Stromversorgung angeht."

Schon 2015 will das Unternehmen mehr als 70 Prozent seiner Software-Produkte exportieren – vornehmlich nach Osteuropa, Russland, China Südostasien und die Golfregion. Derzeit teilt sich das Inlands- und Auslandsgeschäft paritätisch auf. Selbst eine Exportquote von bis zu 85 Prozent scheint für Harald Schrimpf realistisch. Das mache das Geschäft zwar nicht gerade einfacher, gibt er offen zu. Aber Komplexität gehöre ja schließlich zum Markenkern des Spezial-Softwareherstellers.   

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