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Artenschutz

Die Wisente kehren nach Deutschland zurück

Europäische Bisons waren in der Freiheit ausgestorben. Mit nur zwölf Tieren, die in Zoos überlebt hatten, rettete man die Art. Eine achtköpfige Wisent-Herde erobert nun den deutschen Wald zurück.

Bedenken gegen die Auswilderung von Wisenten, den europäischen Bisons, in Nordrhein-Westfalen gab es zunächst viele: Die Waldspaziergänger hatten Angst, demnächst von großen wilden Tieren angegriffen zu werden. Die Forstwirte fürchteten um ihre Bäume. Und die Landwirte peinigten Alpträume von freilaufenden Wisentbullen, die heimlich Milchkühe besteigen und Mischlinge zeugen.

"Alles, was neu ist, wirft eben Fragen auf", sagt Jochen Born. Er ist Wisent-Ranger in Bad Berleburg im Kreis Siegen-Wittgenstein und kümmert sich im Auftrag des Trägervereins Wisent-Welt Wittgenstein um zwei Wisent-Herden - eine von ihnen streift seit Donnerstag (11.04.2013) wieder frei in den Wäldern herum. "Ich bin guter Dinge: Die Fragen, die uns im Voraus gestellt wurden, haben wir gut beantworten können."

Wisent-Ranger Jochen Born (Foto: DW/Brigitte Osterath)

Wisent-Ranger Jochen Born betreut im Wittgensteiner Wald zwei Wisent-Herden

Denn Wisente sind von Natur aus menschenscheu und ruinieren auch keine Bäume: Am liebsten fressen sie saftiges Gras. Und obwohl sie hervorragend gemeinsam mit amerikanischen Bisons Nachwuchs zeugen können, paaren sie sich keineswegs mit europäischen Milchkühen. Der Auswilderung der achtköpfigen Wisent-Herde steht daher, nachdem auch das Land Nordrhein-Westfalen seine endgültige Zustimmung gegeben hat, nichts mehr im Wege. Damit ist es das erste Mal seit etwa einem Jahrhundert, das es wieder wildlebende Wisente in Westeuropa gibt.

Große sanfte Riesen

Wenn Jochen Born mit seinem Pickup in das Gehege seiner Schützlinge fährt, kommen die neugierigen, wolligen Vierbeiner schon immer gleich angelaufen. Zumindest bei der einen der beiden Herden ist das so: Die fünf Tiere wohnen in einem 20 Hektar großen, umzäunten Gelände, der "Wisent-Wildnis". In diesem Park in Bad Berleburg können die Besucher die seltenen Tiere beobachten.

Wer die riesigen Wisente aus der Nähe sieht, versteht wohl kurzzeitig die Ängste der Anwohner: Vor allem der Bulle Horno ist massig und wirkt mit seinem mächtigem Vorderkörper und seinen kurzen gebogenen Hörner auf den ersten Blick tatsächlich gefährlich. Der zweite Blick aber revidiert den Eindruck: Nähert man sich Horno, weicht er wie seine Artgenossen gemächlich zurück. Den Pickup von Ranger Born betrachtet der neugierige Bulle zwar gerne mal aus der Nähe - aber nur, wenn Born gerade zu Fuß unterwegs ist, um den Elektrozaun des Geheges zu untersuchen.

Wisent-Bull Horno (Foto:DW/Brigitte Osterath)

Riesig, aber friedlich: Wisent-Bulle Horno ist das größte Tier der Wittgensteiner Herde

"Der Bulle hat in der Herde sowieso nichts zu sagen", erzählt Jochen Born. Bei den Wisenten bestimmt immer die Leitkuh, wo es langgeht. Hier ist das die Wisentkuh Gutelaune, die aus einem Tierpark nahe Berlin nach Bad Berleburg gekommen ist. "Sie ist dem Menschen sehr zugewandt, daher eignet sie sich nicht für die Auswilderung", sagt Born.

Die Wildnis kann kommen

Die zweite, inzwischen achtköpfige Wisent-Herde, die Born betreut, wurde dagegen seit rund drei Jahren auf ihre Auswilderung vorbereitet. Auch diese Tiere stammen aus Zoos und Tierparks und mussten zunächst wieder vom Menschen entwöhnt werden. "Daher herrscht in unserem Auswilderungsgehege ein striktes Besuchsverbot", sagt Forstdirektor Johannes Röhl, Vorstandsvorsitzender des Trägervereins Wisent-Welt Wittgenstein. "Dort darf keiner rein, bis auf einzelne Pfleger, die die Tiere füttern."

Versuche mit Skifahrern, auflauernden Fotografen und kläffenden Hunden hätten gezeigt, dass von den Wisenten keine Gefahr ausgeht, da sie den Menschen meiden und niemals aggressiv werden.

Die Vorbereitungsphase für die Wildnis lief ganz nach Plan, ab sofort kann die menschenscheue Herde um Leitkuh Araneta ihr etwa 4400 Hektar großes Terrain in der Freiheit erobern - Zäune gibt es für diese Tiere nicht mehr. "Wir werden die Herde aber auch weiter managen müssen", erklärt Johannes Röhl. "Dazu gehört vor allem eine Fütterung im Winter." Finden die großen Tiere auch im Winter reichlich zu essen in ihrem Gebiet, sind sie extrem standorttreu und werden in ihrem angestammten Wittgensteiner Wald bleiben.

Fast für immer verschwunden

Wisente, die europäischen Bisons, bevölkerten einst den größten Teil Europas, von Deutschland bis nach Russland hinein. Aber Lebensraumverlust und Wilderei setzten ihnen stark zu. Ihr Bestand schrumpfte immer weiter, bis in den 1920er Jahren der letzte freilebende Wisent gewildert wurde. Damit war die Art eigentlich ausgestorben.

Wisentherde in Wittgenstein (Foto: Horst-Günter Siemon/Wisent-Welt-Wittgenstein)

Wisente besiedelten einst fast ganz Europa - nun kehren sie langsam zurück

Glücklicherweise hatten etwas mehr als 50 Exemplare in Zoos, Tierparks und privaten Haltungen überlebt. Man ging daran, die Tierart nachzuzüchten. Allerdings waren nur zwölf der aufgespürten Tiere auch tatsächlich geeignet, bei den anderen waren bereits amerikanische Bisons eingekreuzt worden. Alle heute lebenden Wisente, auch die in Wittgenstein, sind die Nachkommen dieser zwölf Gründertiere. Inzwischen gibt es wieder rund 4000 Wisente. Knapp 2000 leben wild, etwa im Białowieża-Nationalpark in Polen und Weißrussland.

Probleme aufgrund der niedrigen genetischen Vielfalt gibt es durchaus, sagt Röhl: "Bei den in Polen freilebenden Wisenten gibt es erhebliche Probleme mit einer Viruserkrankung, die das männliche Reproduktionsorgan befällt. Und auch andere Krankheiten sind auf eine Inzucht-Depression zurückzuführen."

Nachwuchs bei beiden Herden

Im polnischen Białowieża liegt das internationale Wisent-Zuchtbuch, dort sind alle reinblütigen Wisente und ihre Eltern eingetragen. Die Wissenschaftler dort haben die Bad Berleburger beraten, welche Tiere sie am besten in ihr Artenschutzprojekt aufnehmen können, damit die Gefahr von Inzucht möglichst gering ist. So kamen Gutelaune, Araneta, Horno und die anderen Wisente zu ihnen.

Alle in Bad Berleburg geborenen Wisente bekommen einen Namen mit "Q". Und auf Namenssuche mussten die Bad Berleburger bereits dreimal gehen. Zweimal gebar Leitkuh Araneta ein Kalb: Queen vom Rothaarsteig und Quandor. Auch die zutrauliche Gutelaune bekam schon einmal Nachwuchs. Da sie zu dem Zeitpunkt aber keine Milch geben konnte, hat Jochen Born das Kalb Quelle mit der Flasche aufgezogen. Wenn der Ranger sich im Gehege auf einen Baumstumpf setzt, kommt Quelle sofort angelaufen und lässt sich von ihm streicheln. "Ich bin eben der Wisent-Papa", schmunzelt Born.

Beide Wisent-Herden in Bad Berleburg sollen sich zunächst weiter vermehren, die im Gehege zurückgebliebene, ebenso wie die im freien Wald. Nur, wenn es irgendwann zu viele Tiere werden oder die Gefahr der Inzucht droht, sollen einige von ihnen eingefangen und in andere Zuchtprojekte gebracht werden. GPS-Sender werden den Wissenschaftlern stets verraten, wo sich die freilebende Herde gerade aufhält. Trotz der Kontrollmöglichkeit müsse auch er nun ein bisschen mehr loslassen, gibt der Ranger zu. "Das ist wie bei einem Familienvater, wenn die Kinder flügge werden. Aber die werden schon zurechtkommen."

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