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Energie

Die Krise der Energiekonzerne

Früher schwammen sie in Geld, heute sind sie angeschlagen: Deutschlands Energiekonzerne haben mit der Energiewende ihr Geschäftsmodell verloren. Und sie leiden unter den Fehlern der Vergangenheit.

Der deutsche Energiemarkt wird von vier großen Konzernen beherrscht: Eon, RWE, EnBW und Vattenfall. Der Atomausstieg in Deutschland hat die Bilanzen dieser Firmen schwer getroffen. Zuletzt musste Eon, der größte deutsche Strom- und Gaskonzern, am Mittwoch (14.03.2012) einen Verlust von mehr als zwei Milliarden Euro bekanntgeben. Es war der erste Verlust in der Unternehmensgeschichte. Auch EnBW schrieb im letzten Jahr roten Zahlen, bei RWE und Vattenfall brach der Gewinn ein.

Allerdings kam der Atomausstieg nicht ganz so plötzlich, wie die Konzerne behaupten. Schon im Jahr 2000 hatte sich die damals rot-grüne Bundesregierung mit den Versorgern auf die langfristige Abschaltung der Kernkraftwerke geeinigt. Die Energiekonzerne hätten also genug Zeit gehabt, sich auf neue Geschäftsfelder zu konzentrieren, sagt Rechtsanwalt Christian Held. Seine Kanzlei BBH ist nach eigenen Angaben die größte auf Energiefragen spezialisierte Anwaltskanzlei Europas, aber nicht beratend für die vier Versorger tätig, um die es in diesem Bericht geht.

Vertrauen auf die eigene Macht

"Mein Eindruck ist, dass die großen Energiekonzerne immer der Auffassung waren, dass dieses Projekt wieder gekippt wird und es zu einer Laufzeitverlängerung kommt", so Held gegenüber DW. Tatsächlich verlängerte die aktuelle Bundesregierung von Angela Merkel 2010 die Laufzeiten der Atomkraftwerke - machte diese Entscheidung nach der Katastrophe von Fukushima aber wieder rückgängig.

Jetzt rächte sich die langjährige Konzentration der Konzerne auf große, zentrale Atom- und Kohlekraftwerke. Von den einst 17 deutschen Kerkraftwerken sind zur Zeit nur noch neun in Betrieb. Allein die sofortige Abschaltung von zwei Reaktoren habe Eon 2,5 Milliarden Euro gekostet, teilte der Konzern mit.

Die großen Versorger haben zu lange nicht wahrhaben wollen, dass sich die Welt verändert, argumentiert Oliver Krischer, Abgeordneter der Grünen im Bundestag. Der Milliardenverlust von Eon sei das Ergebnis einer verfehlten Konzernpolitik. "Es ist die logische Konsequenz eines überholten Geschäftsmodells mit klimaschädlichen Kohlekraftwerken und gefährlichen Atomkraftwerken", so Krischer.

Ein Windrad vor dem Kohlekraftwerk Jaenschwalde (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd)

Die großen Energiekonzerne haben sich lange nur auf Kohle- und Atomkraftwerke konzentriert

Alle wollen grün sein

Die Versorger selbst sehen das freilich anders. Arnd Neuhaus, Chef der RWE Deutschland AG, betonte schon 2011 gegenüber DW, sein Unternehmen investiere seit Jahren in erneuerbare Energien und neue Netze für dezentrale Anlagen. Und Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender von Eon, schreibt im aktuellen Geschäftsbericht an seine Aktionäre: "Wie in den vergangenen Jahren werden wir auch in den nächsten fünf Jahren 7 Milliarden Euro in den Ausbau Erneuerbarer Energien investieren, darunter mehr als 2 Milliarden Euro für den Bau von drei großen Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee."

Für Kritiker wirken solche Statements, als wollten die Konzerne beweisen, dass sie die Energiewende in Deutschland nicht völlig verschlafen haben. "Große Unternehmen wie Eon und RWE investieren mittlerweise tatsächlich erhebliche Beträge in erneuerbare Energien", sagt Energieanwalt Christian Held. "Trotzdem sind die prozentualen Anteile der erneuerbaren Stromerzeugung bei den Konzernen immer noch gering."

Bei RWE beträgt der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Energieproduktion des Konzerns unter fünf Prozent. Bis 2020 soll dieser Anteil auf mindestens 20 Prozent steigen.

Dezentrale Zukunft

Unternehmenszentrale von RWE in Essen (Foto: dapd)

RWE erzeugt weniger als fünf Prozent erneuerbare Energie

Die Abhängigkeit von zentralen, konventionellen Kraftwerken könnte sich für die großen Energiekonzerne als Nachteil erweisen. Denn in Zukunft werden kleinere, dezentrale Kraftwerke und private Energieerzeugung, etwa durch Solarzellen dem Haus, eine wichtige Rolle spielen, glaubt der Energiewissenschaftler Uwe Leprich, Leiter des Instituts für ZukunftsEnergieSysteme (IZES) in Saarbrücken. "Es geht sehr viel stärker in Richtung energiewirtschaftlicher Mittelstand", so Leprich.

Auch Energieanwalt Held glaubt, dass kleinere Erzeuger erneuerbarer Energie in Zukunft eine größere Rolle spielen werden. Ganz ohne ohne große Energiekonzerne werde es aber nicht gehen. "Die Zukunft wird eine pluralistische Energiewirtschaft sein. Wir werden etwa in großem Umfang Gaskraftwerke brauchen", so Held. Gaskraftwerke können die schwankende Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen ausgleichen, indem sie überschüssigen Strom zwischenspeichern, bis er gebraucht wird. Auch die Stromnetze werden in Zukunft wohl von großen Konzernen betrieben werden, glaubt Held.

Doch Eon, RWE und Vattenfall haben sich inzwischen von ihre Höchstspannungsnetzen getrennt und sie an andere Anbieter verkauft - auch auf Druck der Europäischen Union, die damit den Wettbewerb stimulieren wollte.

Kerngeschäft dringend gesucht

Johannes Teyssen Vorstandsvorsitzender von Eon ( Foto: dpa)

Zwei Milliarden Minus: Eon-Chef Johannes Teyssen

Die Energiekonzerne sind daher auf der Suche nach neuen Geschäftsmodellen. "Wachstumsmöglichkeiten sehen wir vor allem außerhalb Europas", schreibt Eon-Chef Teyssen an die Aktionäre seines Konzerns. Als Beispiele nennt er Windparks in Nordamerika, Gaskraftwerke in Russland und ein stärkeres Engagement in Brasilien. Doch der Konzern muss sparen: weltweit will Eon 11.000 Arbeitsplätze abbauen.

Die großen Energiekonzerne suchen also händeringend nach neuen Geschäftsfeldern. Und sie werden sich wohl damit abfinden müssen, in Zukunft weniger Macht zu haben - und weniger Geld zu verdienen. "Im Hinblick auf ihr bisheriges Kerngeschäft - die Stromerzeugung in Kohle- und Atomkraftwerken - können sie tatsächlich nur den Niedergang managen", sagt Energieanwalt Christian Held. "Denn nach den richtigen politischen Weichenstellungen wird dieses Kerngeschäft in Zukunft kein Geschäft mehr sein."

Dass die Umstellung für die Konzerne ein schwieriger und schmerzhafter Prozess ist, versteht Held. "Man stelle sich vor, die Automobilindustrie dürfte keine Motoren mehr bauen – das wäre für die Branche auch nicht so einfach."

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