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Europa

Die Finanzkrise als Sinnkrise

Europas Finanzkrise ist auch eine kulturelle Krise. Denn sie gründet in den unterschiedlichen Mentalitäten der einzelnen Nationen und in einem Mangel an Vertrauen.

Mit Einkaufstaschen gehen Konsumenten durch eine Fußgängerzone in Köln (Archivfoto vom 12.01.2009). (Foto: dpa)

Deutschland Wirtschaft Einzelhandel Verbraucher Schatten

Die europäische Finanzkrise offenbart erschreckende Erfahrungen: Im Ringen um Finanzhilfen und Schuldenregelungen artikulieren sich nationale Vorurteile und Stereotypen, die man für längst überwunden gehalten hatte. Griechen und Italiener werfen den Deutschen Anmaßung und Arroganz vor, diese wiederum äußern Vorbehalte gegenüber dem Lebensstil ihrer südlichen Nachbarn. Denken alle Deutschen, alle Griechen und alle Italiener so? Nein, aber ein gewisser Anteil durchaus. Und dessen Überzeugungen spiegeln sich in schrillen Überschriften, Bildern, Karikaturen der Boulevardpresse – so entsteht der Eindruck, Europa schlittere in eine neue Ära des Nationalismus.

Die Schuldenkrise als Vertrauenskrise

Der Historiker Gustav Seibt (Süddeutsche Zeitung), aufgenommen am 27.06.2003. (BRL410-030703)

"Die Schuldenkrise ist eine Vertrauenskrise": Gustav Seibt

Der Euro habe das Potenzial zum Völkerhass, unken manche seiner Kritiker. Das mag polemisch gemeint sein, aber wirft doch einige grundlegende Probleme der europäischen Nationen untereinander auf. "Wir haben kein Geld- oder Schuldenproblem, wir haben ein Vertrauensproblem", erklärt Gustav Seibt, Autor mehrerer Bücher zur europäischen Kulturgeschichte. Geld gebe es in Europa genügend. Nur wisse man nicht, wo man es sicher anlegen könne. Kreditgeber fürchteten, ihr Kapital unter den gegebenen Bedingungen nicht zurückzuerhalten. So müsse man erst einmal das verloren gegangene Vertrauen wiederherstellen. "Wenn dieses Problem gelöst ist - das heißt, wenn klar ist, dass die Regeln gelten, dass sie einhaltbar und realistisch sind -  dann wird man auch das Schuldenproblem lösen."

Kulturelle Vielfalt als Herausforderung

Das sieht auch der Bonner Sozialwissenschaftler und Bestsellerautor Meinhard Miegel so. Wie Seibt ist er der Auffassung, dass man lange Zeit brauchen werde, um die Vertrauenskrise zu lösen. Denn diese sei vor allem ein Ausdruck unterschiedlicher Lebensweisen. "Wir haben noch nicht ausreichend realisiert, dass Europa ein extrem heterogener Kontinent ist, dass wir sehr unterschiedliche geschichtliche Verläufe gehabt haben, und dass sich die unterschiedlichen Geschichten und unterschiedlichen Kulturen nicht zuletzt niedergeschlagen haben in unserer Wirtschaft."

Der Wirtschafts- und Sozialforscher Meinhard Miegel, Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, (09.10.2005)

"Die Deutschen leben über ihre Verhälntnisse": Meinhard Miegel

Darum gelte es, das Problem tiefer anzugehen – letztlich über einen verstärkten Dialog der Kulturen, über weitergehende Verständigung. Werde sie nicht geleistet, griffen auch die ökonomischen Harmonisierungsversuche ins Leere. "Unsere Versuche, diese Probleme durch wirtschaftliche Angleichung zu lösen, werden aus meiner Sicht nicht erfolgreich sein, solange wir diese unterschiedlichen Kulturen haben", erklärt Miegel."Und da muss ich sofort hinzufügen: Ich bin froh, dass wir diese unterschiedlichen Kulturen haben."

Gemeinsame Symbole

Wie aber ließe sich die kulturelle Verständigung umsetzen? Im Grunde sei Europa längst auf dem richtigen Weg, meint Gustav Seibt. "Es muss natürlich über Symbole gehen, über gemeinsame Erfahrungen wie etwa Reisen. Helfen würde auch ein Austausch im Arbeitsmarkt unter Gebildeten – etwa unter Facharbeitern, die zwischen den verschiedenen Ländern wechseln und erfahren, dass das geht und sich auch anderswo verwurzeln können, ohne deshalb ihre Ursprünge zu vergessen."

Abschied vom gewohnten Lebensstandard

Allen Europäern gemeinsam ist aber eine Gewohnheit: Sie leben über ihre Verhältnisse. Schulden nehmen die Staaten auch darum auf, weil sie einen Lebensstandard finanzieren müssen, der ihre Mittel überfordert. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich in Europa ein Anspruchsdenken verbreitet, das in dieser Form nicht länger zu finanzieren ist. Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel schätzt etwa, dass die Deutschen, wollten sie ihre Schulden in den Griff kriegen, ihren Lebensstandard auf 40 Prozent des derzeitigen senken müssten – sie lebten dann wieder auf dem Standard der 1960er Jahre. Ähnlich sieht es auch in den anderen europäischen Ländern aus.

Ein Demonstrant steht in Athen einer Gruppe bewaffneter Polizisten gegenüber, 4.4. 2012.
(GREECE - Tags: CRIME LAW SOCIETY CIVIL UNREST) // Eingestellt von wa

Not gefährdet den sozialen Frieden: Unruhen in Athen

Eine solche Verzichtsleistung setzt einen großen Opferwillen voraus – und die Zuversicht, ihn meistern zu können. "Es ist eine Herausforderung, insbesondere auch eine kulturelle politische Herausforderung, nicht zu verzagen, wenn Menschen das, was sie gewöhnt sind, nicht mehr haben können. Sondern wenn sie dann sagen: Das sind Veränderungen, die wir meistern können", erklärt Miegel.

Ein neues Selbstverständnis

Auch so verstanden ist die Finanzkrise eine kulturelle Krise. Denn sie fordert die Europäer heraus, ein neues Selbstverständnis zu entwickeln. Miegel ist sich sicher: Die Schuldenkrise wird die Europäer dazu zwingen, den bisherigen Komfort nicht mehr als selbstverständlich anzusehen. Die Gesellschaft der Zukunft werde unter bescheideneren Verhältnissen leben. Für die Europäer bedeute das, sich umzustellen - und dabei ihre Zuversicht nicht zu verlieren. Sie müssten erkennen, dass die Gesellschaft auch unter den neuen Bedingungen funktioniere, erklärt Miegel. "Unsere sozialen Systeme funktionieren, wir können einer Beschäftigung nachgehen, es funktioniert all das, was wir in der Vergangenheit aufgebaut haben - wenn auch unter deutlich veränderten Rahmenbedingungen."

Die Europäer haben ein halbes Jahrhundert lang ständig wachsenden Wohlstand genossen. Dieser stößt jetzt an seine Grenze. Jetzt braucht es kulturelle Strategien, die den Veränderungen und den neuen Verhältnissen ihren Sinn geben.

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