1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Literatur

Die Brüder Grimm: Freaks oder Visionäre?

Sie sammelten nicht nur Märchen, sie erforschten auch die deutsche Sprache und legten damit den Grundstein für die heutige Germanistik. Der Ehrgeiz, den die Grimms dabei entwickelten, war für viele damals befremdlich.

'Wilhelm (links) und Jakob Grimm'

Gebrüder Grimm Jakob Grimm Wilhelm Grimm Märchen Germanist Schriftsteller

Die Brüder Grimm hatten eine Vision: Sie wollten ein Stück deutsche Kulturgeschichte bewahren, denn die drohte damals zu verfallen. Deutschland war zu Beginn des 19. Jahrhunderts zerrissen, es gab politische Unruhen, Machtkämpfe und militärische Eroberungen. Das verstörte Jacob und Wilhelm Grimm. Sie wünschten sich eine einheitliche Nation, einen Volksgeist. Sie fingen an, ihre Heimatsprache zu erforschen und alte Volkssagen und Mythen zu sammeln und begründeten damit ein Forschungsgebiet, das in ihrer Zeit so noch nicht existierte. Sie schrieben hunderte von Werken, darunter Meilensteine wie das "Deutschen Wörterbuch", die "Deutsche Mythologie" und die "Deutsche Grammatik".

Fehlende Anerkennung störte sie nicht

'Wilhelm (links) und Jacob Grimm'

Sie hatten eine Vision: Wilhelm (links) und Jacob Grimm

Was die Brüder Grimm leisteten, war zu ihrer Zeit Pionierarbeit: Es gab noch keine Germanistik-Institute, an die sie sich hätten wenden können. Es gab auch noch keine Verlage, die sich um ihre Märchen gerissen hätten. Was eines Tages aus ihren Werken werden sollte, war damals völlig unklar. "Umso bewundernswerter und wundernswerter, dass die beiden so hartnäckig an ihrer Spracherforschung festgehalten haben", sagt Professor Steffen Martus, der eine umfangreiche Doppelbiografie über die Brüder Grimm geschrieben hat. Die Grimm'sche Hartnäckigkeit hat sich gelohnt: Ihre Kinder- und Hausmärchen sind bis heute ein Welterfolg, sie selbst gelten als Gründungväter der Germanistik.

Dass sie anfangs wenig Anerkennung für ihr Schaffen bekamen, störte sie nicht. Sie hatten schon immer ihr "eigenes Ding" durchgezogen. Ihr Vater starb, als sie 10 und 11 Jahre alt waren, bald übernahmen sie die Rolle der Familienoberhäupter. Im Alter von 17 Jahren zog Jacob aus und begann ein Jurastudium in Marburg, ein Jahr später folgte sein jüngerer Bruder Wilhelm. Nach einigen Semestern brach Jacob sein Studium ab und die beiden begannen mit ihrer Forschung, waren aber nie brotlose Sprachkünstler. Im Laufe ihres Lebens hatten sie verschiedene Posten inne, verdienten ihr Geld als Bibliothekare, Journalisten, Diplomaten und später Professoren. Doch ihr Herz schlug stets für das eine: altdeutsche Studien und das Sammeln von Sagen und Märchen. Bereits im jungen Alter von 25 und 26 Jahren verlegen die beiden ihre ersten Bücher. Darunter die "Altdänischen Heldenlieder, Balladen und Märchen" von Wilhelm und "Über den altdeutschen Meistergesang" von Jacob.

Provokative Newcomer

Denkmal der Brüder Grimm

Das Denkmal in Kassel deutet es an - die beiden hielten brüderlich zusammen

Doch was für Charaktere waren diese Brüder eigentlich, die so beharrlich Sprachstudien betrieben? Das fragte sich auch Andreas Döring, Intendant des Jungen Theaters Göttingen. Er hat die Brüder Grimm dieses Jahr auf die Bühne gebracht, durchstöberte dafür historische Briefe und Dokumente, um sich ein Bild der beiden zu machen: "Sie waren sehr aneckende Charaktere, sie waren Arbeitstiere, Moralisten und Freaks." Sie seien bekannt gewesen für ihre strenge und starrköpfige Art, besonders wenn es um ihre Forschung ging. Außerdem "hatten sie eine große Lust an der Provokation" und waren den Gelehrten damals ein Dorn im Auge. Es gab harte Auseinandersetzungen, viele "schauten pikiert auf die beiden Newcomer." Denn was die beiden erforschten war neu und die alteingesessenen Gelehrten waren lange Zeit skeptisch.

Die Brüder Grimm ließen sich jedoch nicht beirren. Sie waren ein unschlagbares Team, obwohl sie sehr verschieden waren. Wilhelm soll eher charmant und gesellig gewesen sein, Jacob eher streng und zurückgezogen. Doch sie waren in allen Lebenslagen füreinander da, so Döring. "Sie akzeptierten sich, so wie sie waren, und hielten, wenn es darauf ankam, zusammen - Bruderliebe eben."

Späte Vollendung

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm in einer Vitrine

Der erste Band des "Deutschen Wörterbuchs" erschien 1854

Die Brüder Grimm arbeiteten beharrlich bis an ihre Lebensende. Wilhelm starb 1859 im Alter von 73 Jahren, Jacob 1863 im Alter von 78 Jahren. Ihr größtes Projekt aber konnten sie nicht mehr vollenden. Das "Deutsche Wörterbuch" wurde erst ein Jahrhundert später von über hundert Germanisten vervollständigt. Ein beachtliches Projekt – so beachtlich wie die Gebrüder Grimm selbst.

Audio und Video zum Thema