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USA

Die ausgehöhlte Mittelschicht

Wer es in den USA nicht zum Millionär gebracht hat, der konnte sich lange Zeit immerhin damit trösten, auch in der Mittelklasse ein gutes Auskommen zu haben. Diese Zeiten sind vorbei.

Zwangsversteigerung von Immobilien in den USA(Foto: MARK RALSTON/AFP/Getty Images)

Usa Nevada Zwangsversteigerung Haus

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Gehörten 1971 noch sechs von zehn Erwachsenen in den USA der Mittelschicht an, ist es vierzig Jahre später nur noch jeder zweite. Und die meisten von ihnen haben nach eigenem Bekunden Schwierigkeiten ihren Lebensstandard zu halten.

Kein Wunder, sind doch die Einkommen der Mittelschicht real gesunken. Eine dreiköpfige Familie verdiente 2001 im Durchschnitt 73.000 US-Dollar. 2010 waren es nur noch knapp 70.000. Das statistische Gesamtvermögen einer US-Durchschnittsfamilie nahm im gleichen Zeitraum ab: von 130.000 Dollar fiel es auf 93.000 Dollar – und damit ungefähr auf den Wert von vor dreißig Jahren. Drei Jahrzehnte Wachstum wurden zunichte gemacht.

Früher sahen sich Firmenchefs als Treuhänder aller

Die Gründe sind vielfältig. Der Einbruch der Immobilienpreise und die Rezession Ende 2007 bis Mitte 2009 sind wichtige Faktoren für den wirtschaftlichen Abstieg der Mittelklasse.

Suppenküche für Bedürftige in den USA (Foto: AP)

Die US-Mittelschicht fürchtet den sozialen Abstieg

Der New-York-Times Journalist und Pulitzer-Preis-Gewinner Hedrick Smith sieht noch einen anderen Grund. In den Blütezeiten der Mittelschicht, den 40er bis 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, hätten Firmeneigentümer und Manager einen anderen Arbeitsethos gehabt: "Das waren Geschäftsführer, die daran glaubten, dass es sinnvoll ist, Reichtum zu teilen", so Smiths These.

Charles Wilson von General Electric oder Frank Abrams von Standard Oil of New Jersey hätten sich in den 40er und 50er Jahren als Treuhänder der verschiedenen Interessengruppen verstanden. "Das waren die Aktieneigentümer, die Manager, die Arbeiter, aber auch die Zulieferer, die Kreditgeber und die Kunden bis hin zur Gemeinde, in der sie lebten." Das sei kein Altruismus gewesen, sondern "kluge Wirtschaftswissenschaft", so Smith. Letztlich profitiert auch die Firma davon, wenn es den Arbeitern und damit den Kunden gut geht. Die Folge: die Mittelklasse hatte Macht und Einfluss.

Lobbyismus und Globalisierung

Doch Ende der 70er Jahre, so Hedrick Smith, änderte sich diese Einstellung radikal. Damals entstanden die sogenannten "Political Action Committees" (PACs), die intensive Lobbyarbeit für ihre eigenen Interessen betrieben. 175 Firmen hatten damals eigene Verbindungsbüros in Washington.

Kunden in einem Einkaufscenter in New York (Foto: Joe Kohen/Getty Images for TEEN VOGUE)

Sorgenlosen Kaufrausch können sich immer weniger Menschen gönnen

Ein Jahrzehnt später waren es schon über 2.400. Heute, so Smith, tummeln sich in Washington 12.000 Firmenlobbyisten. Es herrscht eine andere Geschäftsmoral. Nicht mehr die Interessen aller sozialen Gruppen stehen im Mittelpunkt, sondern die der Aktionäre und Firmeneigentümer. Harte Arbeit zahle sich heute nicht mehr aus, so das Fazit von Hedrick Smith: "Von 1973 bis 2011 ist die Produktivität um 80 Prozent gestiegen. Der durchschnittliche Stundenlohn eines US-Amerikaners im gleichen Zeitraum nur um zehn Prozent."

Hinzu kommen, darauf weist Mark Zandi, Chefökonom der Analyseabteilung der internationalen Ratingagentur Moody's hin, Globalisierung und technischer Fortschritt. Amerikanische Firmen lagern Arbeit dorthin aus, wo sie billiger ist. Bestimmte Berufe und Fertigkeiten sind auf dem US-Markt schlicht nicht mehr gefragt. Und noch etwas anderes sei hinzugekommen, "und zwar die Explosion der Verfügbarkeit von Krediten." Zwischen 1980 und 2006/7 standen Kreditkarten, Kredite für Autos, Konsum und Hauskauf in nie gekanntem Umfang zur Verfügung. Sie wurden genutzt, um schon damals sinkende Einkommen auszugleichen – ein Trend, der zur Rezession entscheidend beitrug, als die Kredite massenhaft platzten.

Bildungskurve steigt nicht mehr für alle

Bildung war der Schlüssel, der den US-Bürgern die Tür zur Mittelschicht öffnete. Nach dem ersten Weltkrieg "konnten viele 25- bis 30-Jährige einen Hochschulabschluss machen", erklärt Zandi, und ihre Einkommen stiegen. "Aber seit den frühen 80ern und 90ern hat sich die Bildungskurve unserer Bevölkerung abgeflacht." Dadurch fallen die USA auch im internationalen Vergleich zurück. Wie sehr Bildung für den sozialen Aufstieg eine Rolle spielt, zeigt sich für eine Gruppe, der es zwar insgesamt schlechter geht als dem Durchschnittsamerikaner – ihre Arbeitslosenquote liegt über dem nationalen Durchschnitt - und die von der Hauskreditkrise am massivsten betroffen wurde, die aber dennoch in den letzten Jahren Boden gutmachen konnte: Latinos.

US-Schuldenuhr am Times Square in New York (Foto: dpa)

Jede Familie in den USA ist mit über 100.000 Dollar verschuldet

Ihr Durchschnittseinkommen blieb zwischen 2010 und 2011 unverändert, während es für weiße und schwarze Haushalte im gleichen Zeitraum fiel, so eine Studie des Pew Hispanic Zentrums. Noch nie zuvor waren so viele Latinos an Universitäten eingeschrieben. "Mehr Latino-Eltern sehen die Universitätsausbildung ihrer Kinder für deren beruflichen Erfolg als wichtig an als unter der allgemeinen US-Bevölkerung", erklärt Mark Hugo Lopez, Direktor des Pew Hispanic Zentrums der DW. Latinos sind optimistischer als der Rest der Amerikaner. 73 Prozent der US-Bürger mit lateinamerikanischen Wurzeln gehen davon aus, dass ihre persönliche finanzielle Situation sich im nächsten Jahr verbessern wird. Im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung sind nur 67 Prozent so zuversichtlich.

Mobilisieren und im Staatshaushalt für Ordnung sorgen

Was also tun, um die ausgehöhlte US-Mittelklasse wieder zu stärken? Der liberale Meinungsforscher Stan Greenberg erwartet im kommenden Jahr wichtige Weichenstellungen: "Die Diskussionen um Steuererleichterungen, um die Reform der Sozialversicherungssysteme und die Steuerreform betreffen die Mittelschicht unmittelbar und werden sich langfristig auswirken." Es sei notwendig, so Greenberg, die Betroffenen zu mobilisieren, damit sie für ihre Interessen kämpfen und so ein Gegengewicht zu den Interessengruppen der Wirtschaft bilden.

Ökonom Mark Zandi betont gegenüber der DW, kurzfristig müsse das Thema bei der Lösung der Haushaltsprobleme des Landes bedacht werden: "Wir müssen überlegen, was Steuererhöhungen und die staatlichen Ausgabenkürzungen für Menschen in der niedrigen und mittleren Einkommensklasse bedeuten, denn sie sind stark von Regierungsprogrammen und der Steuerquote abhängig." Langfristig sei es vor allem wichtig, den Bildungsstand der Bevölkerung zu erhöhen. Zandi ist optimistisch, jedenfalls langfristig: "Eigentlich sind sich alle einig, dass wir die Mittelschicht stärken müssen. Es kann keine robuste Demokratie und keine florierende Wirtschaft geben, wenn nicht jeder davon profitiert. Wenn eine Gruppe zurückgelassen wird, sehe ich nicht, wie es der Wirtschaft insgesamt gut gehen kann."