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Zuwanderung

Deutschland wächst dank seiner Migranten

Deutschlands Bevölkerung ist im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Ein neuer Baby-Boom? Nein, es sind die vielen Zuwanderer, die dafür verantwortlich sind. Ein Trend mit Chancen und Risiken.

Für Hunderttausende Zuwanderer aus aller Herren Länder ist Deutschland ein attraktives Ziel. Besonders aus den EU-Staaten in Süd- und Osteuropa strömen Arbeitssuchende in die Bundesrepublik. Es gab im vergangenen Jahr rund 300.000 mehr Ein- als Auswanderer. Damit stieg die Bevölkerungszahl nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf fast 82 Millionen. Die meisten der Zugezogenen siedeln sich in den boomenden Großstadtregionen wie Köln, Frankfurt/Main oder München an, in ländlichen Regionen ist kaum ein Zuwachs zu verzeichnen.

"Wir brauchen eine Willkommenskultur"

Viele Griechen, Spanier oder Bulgaren sehen in der Auswanderung nach Deutschland die einzige Chance auf ein Leben mit Arbeit. In ihren Heimatländern herrscht zum Teil extrem hohe Beschäftigungslosigkeit - ohne Aussicht auf schnelle Besserung. Umso enttäuschter sind viele, wenn sie merken, dass sie nicht mit offenen Armen empfangen werden. Deutschland brauche eine neue Willkommenskultur, sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: "Deutschland hat sich in der Vergangenheit oft abgeschottet. Wir brauchen gut qualifizierte Zuwanderer, das heißt, es muss einfacher werden, dass ihre Qualifikationen anerkannt werden in Deutschland und dass sie mit ihren Familien hier bleiben können." Neben den konkreten rechtlichen Dingen zähle zu einer Willkommenskultur auch, dass die Migranten nicht stundenlang in irgendwelchen Ämtern für Bescheinigungen anstehen müssten und sich nicht durch Sachbearbeiter zur Vorgangsnummer degradiert fühlten.

Deutschland profitiert

Steffen Kröhnert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Foto: dpa/picture-alliance)

Steffen Kröhnert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Die aktuelle Einwanderungswelle bringt vor allem Menschen mit guten Qualifikationen nach Deutschland: Ingenieure, Akademiker, Facharbeiter. Davon profitierten deutsche Unternehmen und damit die gesamte Gesellschaft, es sei jedoch kurzsichtig, sich zu sehr auf die höher Qualifizierten zu konzentrieren, warnt Steffen Kröhnert: "Deutschland braucht nicht nur Ingenieure, es braucht zum Beispiel auch Menschen in der Pflege, wo nicht so hohe Kompetenzen erforderlich sind. Das ist schon eine Chance zur Integration von weniger gut Qualifizierten."

Früher lernten Einwanderer Deutsch in den sogenannten "Aussiedlerkursen", die heute im Rahmen des staatlichen Einbürgerungsverfahrens "Integrationskurse" heißen. Doch die neue Generation von Zuwanderern benötige viel stärker spezialisierte Angebote, sagt Günter Heinecker von der Sprachenschule arenalingua: "Die bekommen Jobangebote als Ingenieure, Naturwissenschaftler, Ärzte oder Krankenpfleger und es ist ja klar, dass ein Arzt andere Deutschkenntnisse benötigt als ein Naturwissenschaftler oder jemand, der in der Gastronomie arbeitet."

In den meisten Bereichen ist es jedem Arbeitgeber selbst überlassen, ob er seine ausländischen Mitarbeiter in Deutschkurse schickt oder nicht. In anderen Branchen wie zum Beispiel im Gesundheitswesen ist es dagegen gesetzlich vorgeschrieben, dass Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern das Sprachniveau "gehobene Mittelstufe" nachweisen müssen, um in Deutschland arbeiten zu dürfen. Das sei neben der stark gestiegenen Zahl der Zuwanderer ein weiterer Grund, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Teilnehmer an Sprachkursen "geradezu explodiert" sei, so Heinecker.

Integration statt Subkultur

Sprachschüler in einem Klassenzimmer (Foto: picture-alliance/dpa)

Zuwanderer: Bessere Integration durch gute Deutschkenntnisse

Migranten mit EU-Hintergrund zeichneten sich oft dadurch aus, dass sie auf jeden Fall arbeiten und sich in das gesellschaftliche Leben einfügen wollen, hat Steffen Kröhnert beobachtet. Damit bestehe bei ihnen nicht die Gefahr, dass sie sich zu Subkulturen innerhalb Deutschlands zusammenfinden und sich von der übrigen Gesellschaft abschotten.

Ein Nebenaspekt der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte zeigt sich dabei erst auf den zweiten Blick: Was Deutschland hinzugewinnt, geht den Herkunftsländern verloren. Das gilt zum Beispiel für die Sozialkassen: In Deutschland werden sie durch qualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland entlastet, in deren Heimatländern bluten sie durch den sogenannten "brain drain", die Abwanderung qualifizierter Kräfte, aus. Für einige südeuropäische Länder, die wegen sinkender Geburtenraten eine verhältnismäßig schmale jüngere Generation haben, kann das langfristig zu einem Problem werden. Sie müssen im Moment zwar für weniger Arbeitslose aufkommen, doch später fehlen ihnen dann die Arbeitskräfte, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen.

Für Experten wie Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bietet die aktuelle Zuwanderung eine Chance für die deutsche Gesellschaft. Doch zum einen müsse die einheimische Bevölkerung durch die Politik noch besser vorbereitet werden, damit sie die neuen Mitbürger ohne Vorbehalte in ihre Mitte aufnimmt. Zum anderen sei es wichtig, schon jetzt darüber nachzudenken, wie sich die Lage angesichts einer nächsten wirtschaftlichen Krise verändern könnte. Spanien könne als warnendes Beispiel gelten, sagt Steffen Kröhnert: "2005 war es eine Phase, in der massenweise Migranten aufgenommen wurden, die in der Bauindustrie gut unterkamen - die aber jetzt als erste den Job verlieren. Die Gefahr besteht auch in Deutschland, dass in der Phase des Abschwungs gerade Migranten massiv mit sozialen Problemen konfrontiert werden."