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Meinung

Deutschland gerät in den Strudel der Schuldenkrise

Deutschlands Wirtschaft wächst noch immer. Das ist auf längere Zeit die letzte gute Nachricht. Es gibt genügend Anzeichen dafür, dass auch Deutschland demnächst auf Krisenmodus umschalten muss.

Der Hamburger Hafen ist die Drehscheibe der deutschen Exportwirtschaft. Dort kann man ihren Puls ziemlich genau fühlen. 1,8 Millionen Container wurden zwischen April und Juni dort umgeschlagen. Das ist zwar ein wenig mehr als im Quartal zuvor, aber zu Jahresbeginn stand ein Plus von knapp fünf Prozent zu Buche. Jetzt ist es nur noch ein Zuwachs von 1,5 Prozent. Man fühlt den Puls und merkt: Die Geschäfte laufen nicht mehr so gut.

Innerhalb eines Monats hat sich die Lage der deutschen Industrie geradezu dramatisch verschlechtert. Auch das lässt sich mit nackten Zahlen belegen. Das Forschungsinstitut Markit hat 500 Unternehmen befragt, mit ernüchterndem Ergebnis: Die Produktion wurde bereits stark zurückgefahren, seit dreizehn Monaten in Folge kommen bei den Firmen weniger Aufträge herein. Ähnliches vermerkt das aktuelle Barometer des Mannheimer ZEW-Instituts, das nun auch schon den vierten Monat in Folge fällt. Dieser Index misst geschäftliche Erwartungen. Die jüngsten Bilanzen von BMW, Deutsche Bank und Siemens sind schon von der Eurokrise gezeichnet.

Gute Nachrichten klingen anders. Die Schuldenkrise, sie ist nun auch in Deutschland angekommen. Die Volkswirtschaft des Landes hatte den drastischen Einbruch von 2009, als die Wirtschaftsleistung um satte fünf Prozent eingebrochen war, zunächst gut weggesteckt. Weltweit waren die Lagerhallen leer, musste investiert werden nach dem Lehman-Schock. Das half den deutschen Herstellern von Maschinen und anderen Investitionsgütern. Auch die Autobauer, vor allem im sogenannten Premium-Segment, kamen mit der Produktion nicht mehr nach. Die prall gefüllten Auftragsbücher federn den Abschwung derzeit noch ab. Deswegen immer noch das kleine Plus in der aktuellen Statistik.

Das alles ist nicht verwunderlich. Europäischen Kunden, die deutsche Waren kaufen, geht langsam das Geld aus. Überall, vor allem aber im Süden des Kontinents, lähmt die gigantische Schuldenlast das Wachstum. Das konnte bislang durch die Nachfrage aus dem Rest der Welt, vor allem aus Asien, ausgeglichen werden. Doch nun schwächelt auch der chinesische Riese, in Indien ist die Regierung gerade dabei, ausländische Investoren aus dem Land zu treiben. Brasiliens Boom hat ebenfalls deutlich an Schwung verloren. Und den Amerikanern fällt auch nichts Besseres ein, als mit dem Finger auf die Europäer zu zeigen, statt ihre eigene Wirtschaft in Schwung zu bringen und sich mit ihrem eigenen, gigantischen Schuldenberg zu befassen.

Das soll aber nicht davon ablenken, dass auch Deutschland gefordert ist. Die starre, ordnungspolitisch begründete Verweigerungshaltung der Bundesregierung bei der Lösung der Eurokrise wird dramatische Folgen für die deutsche Volkswirtschaft haben. Es genügt einfach nicht, immer nur von den anderen zu fordern, sie müssten ihre Hausaufgaben machen, und zu betonen, der deutsche Steuerzahler könne nicht für die Schlampigkeiten der Schuldnerländer gerade stehen. Die gemeinsame Haftung aller Europäer für die Schulden aller ist sicher nicht der Königsweg. Aber wir brauchen eine neue europäische Wirtschaftspolitik, wir brauchen eine neue Währungsunion.

Die jetzigen Ungleichgewichte werden Europa sprengen. Die sich eintrübenden wirtschaftlichen Aussichten sind da höchstens ein erster kleiner Fingerzeig. Für Reparaturarbeiten ist noch immer Zeit. Nur müssen sie entschlossen angepackt werden. Das ist das Gebot der Stunde.

01.2012 DW Wirtschaft kompakt Sendungslogo

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