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Antisemitismus

Deutscher Zeitungsverleger ein Antisemit?

Jakob Augstein ist vom Simon-Wiesenthal-Zentrum auf eine Liste der zehn schlimmsten Antisemiten weltweit gesetzt worden. Im Heimatland des deutschen Journalisten ist die Verwirrung groß.

Nicht immer ist es eine Ehre, unter den Top Ten zu sein. Jakob Augsteins Name auf Position neun hat Empörung, Beschuldigungen und Unverständnis nach sich gezogen: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum (SWC) aus den USA hat den deutschen Journalisten (oben im Bild) als einen der zehn schlimmsten Antisemiten weltweit gelistet. Er ist damit nicht weit entfernt von den Muslimbrüdern in Ägypten, die das Dokument von Ende Dezember 2012 anführen, gefolgt vom iranischen Präsidenten Ahmedinedschad.

Das Zentrum ist benannt nach dem jüdischen Österreicher Simon Wiesenthal. Viele seiner Familienmitglieder haben den Holocaust nicht überlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er deshalb weltweit Nazi-Täter zu suchen. Dieses Ziel unterstützt das SWC seit 1977. Inzwischen konzentriert sich die Organisation, die ihren Hauptsitz in Los Angeles hat, auf den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. Die Liste der "zehn wichtigsten judenfeindlichen /antiisraelischen Verunglimpfungen" wird jährlich veröffentlicht.

Screenshot der Liste der schlimmsten Antisemiten weltweit vom Simon-Wiesenthal Zentrum
(Quelle: Simon-Wiesenthal Zentrum)

Das SWC sieht Jakob Augstein in einer Riege mit den Muslimbrüdern und dem iranischen Regime

Fragwürdig ja, antisemitisch nein

"Ich war schon sehr verwundert", sagt Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Sie wisse nicht, warum das SWC Jakob Augstein in einer Riege mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sieht. "Man kann sicher darüber diskutieren, dass Augsteins Kritik an Israel manchmal stark überzogen ist, aber das hat so noch nichts mit Antisemitismus zu tun."

Mit fünf Zitaten belegt das Zentrum seine Vorwürfe gegen den Publizisten. Alle stammen aus Kolumnen, die Augstein für "Spiegel Online" verfasst hat. Darin hat er die israelische Außenpolitik kritisiert, das umstrittene israel-kritische Gedicht von Günther Grass in Schutz genommen und Gaza als einen "Ort aus der Endzeit des Menschlichen" bezeichnet. Hinzu kommen diese Zeilen, veröffentlicht im November 2012: "Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. […] Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu. […] Diese Leute sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner."

Poträt Juliane Wetzel
(Foto: Stephanie Pilick dpa/lbn
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Wetzel: Augsteins Texte sind überzogen, aber nicht antisemitisch

Wetzel erläutert zu diesen Sätzen im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Ich halte seine Einschätzungen für falsch und der Vergleich führt auch zu keiner Erkenntnis, aber das sind doch keine antisemitischen Äußerungen."

Umstrittener Hinweisgeber

Von alleine ist das Zentrum nicht auf Augstein aufmerksam geworden. Vielmehr orientierte es sich an den Einschätzungen des deutschen Publizisten Henryk M. Broder, der aus einer polnisch-jüdischen Familie stammt. Er ist als Provokateur bekannt und wird vom SWC mit den Worten zitiert: "[Augstein] hat nur keine Karriere bei der Gestapo gemacht, weil er nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde."

Porträt Rabbi Abraham Cooper
(Foto: Chung Sung Jun/Getty Images)

Cooper verteidigt die Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums

Rabbi Abraham Cooper, der für die Zusammenstellung der Antisemiten-Liste zuständig ist, hielte trotz Kritik an seiner Auswahl fest, zitiert ihn "tagesschau.de". Augstein, so Cooper, habe die Grenzen - was Dämonisierung angehe - überschritten.

Warum sich das Wiesenthal-Zentrum auf die Aussagen von Broder verlassen hat, können viele in Deutschland nicht nachvollziehen. Der Zentralrat der Juden warf dem SWC vor, nicht ausreichend recherchiert zu haben, und distanzierte sich von dem Antisemitismus-Vorwurf gegen Augstein. Auch Wetzel meint, dass das Zentrum mit seiner Einschätzung zu deutschen und europäischen Themen nicht immer richtig liege. Es fehle offenbar an Informationen. Auch Politiker von CDU und der Linken nehmen Augstein in Schutz.

Spiegel Online hält ungeachtet der Antisemitismus-Vorwürfe an seinem Kolumnisten Jakob Augstein fest. "Jakob Augstein schreibt streitbare Texte, deshalb ist er bei 'Spiegel Online' Kolumnist", sagte «Spiegel»-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron der Nachrichtenagentur dapd. Jakob Augstein selbst schrieb im Internet: "Für den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird."

"Nur weil er ein Journalist ist, geben wir Herrn Augstein keinen Freibrief zu sagen, was er will und sich dann hinter journalistischer Integrität zu verstecken", konterte Rabbi Cooper gegenüber der deutschen Nachrichtenagentur dpa. Die Debatte, die über das Thema nun in Deutschland stattfinde, sieht er allerdings als Pluspunkt.

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