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Europa

Deutsche Hilfe für Marseille

Der Großraum Marseille bietet einen Marathon an Kulturveranstaltungen - mit deutscher Unterstützung. Das Programm zur europäischen Kulturhauptstadt ist von Ulrich Fuchs mitgeplant worden.

Im Wandschrank stapeln sich Aktenordner, der Schreibtisch ist mit Plänen, Programmhinweisen und Broschüren bedeckt. Im Büro von Ulrich Fuchs sieht es nach intensiver Arbeit aus. Während sich Urlauber und Marseiller vor den nur einen Steinwurf entfernten Hafencafés sonnen, feilt der Kulturmanager unter Zeitdruck an Feinheiten des Veranstaltungsprogramms. Auf ihm lastet ein immenser Druck. Der 61-Jährige ist stellvertretender Intendant von "Marseille-Provence 2013", und der große Auftritt als Kulturhauptstadt muss gelingen, wenn Marseille endlich das Schmuddelimage als Kriminellenhochburg loswerden will.

Auf die Frage, ob er unter diesen Voraussetzungen überhaupt Spaß bei der Arbeit habe, blickt Fuchs für einen Moment ein wenig sehnsüchtig auf das Stück strahlend blauen Himmel, das durch das Fenster zu sehen ist, dann entgegnet er: "Also, der Job ist schon sehr stressig. Oft sind die Wochenenden mit Dienstreisen oder mit Arbeit vor Ort ausgefüllt." Das letzte Mal, dass er länger als zehn Tage Urlaub gemacht habe, liege sehr lange zurück. Das nimmt er aber gerne in Kauf. Gegenüber der Deutschen Welle spricht er von einem Privileg, "sich auf eine Stadt einlassen zu können. Leuten zuzuhören, sensibel mit ihnen Ideen weiterzuspinnen. Da hat man für fünf Jahre eine Schlüsselrolle in der Stadtentwicklung, und das lässt mich dann den Stress oft vergessen."

Das CeReM-Museum bei Nacht (Foto: Ralf Bosen/DW)

Es sieht aus wie ein riesiges Sprungbrett, ist aber eines von vielen neuen Kulturgebäuden: Das CeReM-Zentrum

Diplomatisches Gespür gefordert

Zumindest körperlich scheint Fuchs allen Belastungen trotzen zu können. Mit einer Größe von etwa 1,90 Metern und seiner kompakten Gestalt wirkt er wie jemand, der es gewohnt ist, kräftig anzupacken. Die Anforderungen an ihn sind hoch. In seiner Position als stellvertretender Intendant muss man sich nicht nur in der internationalen Kulturszene bestens auskennen, sondern auch organisieren und sich auf politischem Parkett sicher bewegen können. Diplomatisches Gespür und die Fähigkeit, Strippen zu ziehen, sind weitere, fast selbstverständliche Voraussetzungen.

Dass sich Franzosen ausgerechnet einen Deutschen für ein solch prestigeträchtiges Projekt geholt haben, überrascht nur auf den ersten Blick. Die Verantwortlichen von Marseille hatten Fuchs das Amt angeboten, weil er ein ausgewiesener Experte ist. Seit dem Jahr 2000 beschäftigt er sich mit Kulturhauptstadtprozessen. Zunächst in Deutschland und später im österreichischen Linz, wo er ebenfalls stellvertretender Intendant war. In Europa gibt es nur wenige Kulturschaffende, die zwei oder drei solcher Prozesse an entscheidender Stelle begleitet haben.

Tänzer am Strand vor Baumaschinen (Foto: Stephen Tanner, Morgan Lowndes)

Der Auftritt der Tanzgruppe Motionhouse gehört zum Veranstaltungsprogramm von "Marseille-Provence 2013"

Hinzu kommt, dass 2013 das 50-jährige Bestehen des Elysée-Vertrages zur deutsch-französischen Aussöhnung gefeiert wird. Insofern ist die deutsch-französische Zusammenarbeit in Marseille von hohem Symbolgehalt. Außerdem, sagt Fuchs, sei es ganz gut, wenn mal ein fremder Blick durch die Stadt streift "und dann oft Dinge feststellt, die für die Einheimischen hier selbstverständlich geworden sind, so dass sie gar nicht mehr als Stärken oder Schwächen bemerkt werden."

Mahnmal gegen Menschenverfolgung

Dabei wird Fuchs von rund 70 Mitarbeitern unterstützt. Im Maison Diamantée, einem denkmalgeschützten Gebäude aus dem 16. Jahrhundert, haben sie ein Veranstaltungsprogramm von 360 Seiten für den Großraum Marseille zusammengestellt. Neben künstlerisch hochwertigen Ausstellungen und Konzerten stehen politische Themen im Zentrum. Beispielsweise Führungen durch das ehemalige Deportationslager in Les Milles bei Aix-en-Provence.

Ab September 1939 hielt dort das südfranzösische Vichy-Regime, das mit Nazi-Deutschland zusammenarbeitete, mehr als 10.000 Menschen gefangen. Anfangs diente Les Milles als Internierungslager für Deutsche und Österreicher, die vor den Nazis geflohen waren, wie der Maler Max Ernst und der Schriftsteller Lion Feuchtwanger. Später wurde es zur Zwischenstation für Juden auf ihrem Abtransport nach Auschwitz. Heute ist Les Milles ein Mahnmal gegen Menschenverfolgung.

Internierungslager Camp des Milles, 2012 (Foto: DW/T. Ach)

Das Internierungslager von Les Milles

Ein anderes zentrales Thema von Marseille 2013 ist die Integration von Einwanderern. Schließlich gilt die Hafenstadt Marseille als traditionelles Eingangstor Nordafrikas nach Europa und liegt näher an Algier als an Paris, wie Ulrich Fuchs hervorhebt: "Marseille ist zwischen dem arabisch-afrikanischen Kontinent und dem europäischen Kontinent ein Bindeglied, und das war sozusagen die erklärte thematische Zielsetzung für das Programm dieses Jahres."  Entsprechend hoch ist die Beteiligung von Künstlern, die von der gegenüber liegenden Seite des Mittelmeeres kommen und die unter anderem den Wandel in der arabischen Welt thematisieren werden.

Kultur für arme Bevölkerung

Auf solche Programmpunkte ist Fuchs sichtlich stolz. Ihm liegt viel daran, dass sich das Programm von Marseille 2013 nicht am elitären Kunstverständnis abgehobener Feuilletons abarbeitet, sondern politische und soziale Entwicklungen berücksichtigt. Angesichts der Modernisierung vieler Stadtviertel Marseilles sieht er es auch als Aufgabe der Kulturhauptstadt an, politische Entscheidungen und Marktmechanismen zu korrigieren, "die sich skrupellos gegen soziale Anliegen durchgesetzt haben." Deshalb soll es auch Gespräche zwischen Stadtentwicklern und Einwohnern sozialer Brennpunkte geben. Damit ärmere Bevölkerungsschichten am Kulturleben teilnehmen können, sind kostenlose Veranstaltungen geplant.

Eine Straße mit Grafittis (Foto: Ralf Bosen/DW)

Auch das gehört zur Kultur Marseilles: Graffitis im Szene-Viertel La Plaine

Derzeit beschäftigt den Kulturmanager die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich durch die Euro- und Finanzkrise. Fuchs befürchtet ein Auseinanderdriften Nord- und Südeuropas und dass die Existenz eines einheitlichen Europas ohne Grenzen wirtschaftlich gefährdet ist. Seinem Eindruck nach entsteht in Südeuropa ein "Underdog"-Gefühl, das es eine Zeit lang in ähnlicher Weise nur in der Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa gegeben habe. Dies sei ihm beim letzten Berlin-Besuch besonders bewusst geworden. "Als ich dann wieder zurück nach Marseille geflogen bin, habe ich mir gedacht: Dieses Berlin ist so verdammt reich und so protzig und in gewisser Weise auch so neureich. Da gibt es Geschäfte, in denen man Lederschuhe für 4000 Euro sieht. Das würde Ihnen in Marseille nicht passieren."

Kritik an deutschen Politikern

Auf seinen Reisen durch Europa spüre er, dass die tendenziellen Aggressionen gegenüber Deutschland stärker würden. Er macht das auch am Auftreten deutscher Politiker fest, das oft als sehr "klumpfüßig" und unsensibel empfunden würde. "Man freut sich dann regelrecht, dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird, weil die Deutschen dann auch mal was nicht geregelt kriegen." Konsequenterweise will der Kulturmanager nach Beendigung seines Kulturhauptstadt-Einsatzes erstmal nicht in seine letzte deutsche Heimatstadt Bremen zurückkehren. Nach Beendigung seines Vertrags plant Fuchs einen sehr langen Urlaub in Marseille. Endlich Zeit, um auch mal vor einem Hafencafé bei einem Pastis die Sonne zu genießen.

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