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Politik

Der Völkermord an den Armeniern

Vor 90 Jahren wurden im damaligen Osmanischen Reich bis zu 1,5 Millionen Armenier umgebracht. War es Völkermord, wie steht die Türkei dazu heute? DW-WORLD liefert die Hintergründe.

Die Leichen getöteter Armenier in einem Massengrab.

Was geschah vor 90 Jahren?

Von 1915 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurde Schätzungen zufolge die Hälfte der armenischen Bevölkerung in der Türkei vertrieben und getötet. Die 1,5 Millionen Armenier hatten sich schon Jahrhunderte vor der Ankunft des alttürkischen Herrschergeschlechts der Seldschuken in Ostanatolien angesiedelt. Viele brachten es im Osmanischen Reich zu beachtlichem Wohlstand und wurden deshalb von vielen beneidet.

Warum gilt der 24. April als Gedenktag?

Für die Armenier ist der 24. April der Tag des Gedenkens an den Beginn des Völkermordes. Am diesem Tag vor 90 Jahren ließ die jungtürkische Regierung fast die gesamte armenische Oberschicht in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, verhaften und deportieren. Die 235 armenischen Politiker, Künstler, Journalisten, Unternehmer wurden später ermordet. In den folgenden Monaten trieben türkische Gendarmen, Polizisten und Soldaten fast alle Armenier des Osmanischen Reiches in Sammellagern zusammen. Viele wurden auf die berüchtigten Todesmärsche nach Süden geschickt, direkt in die syrische Wüste. Bis zu eine Million Menschen starben nach Schätzungen auf den Todesmärschen. Insgesamt fielen etwa 1,5 der zwei Millionen türkischen Armenier dem Genozid 1915 und 1916 zum Opfer.

Massengrab mit den Leichen getöteter Armenier.

Wer sind die Hauptverantwortlichen?

Der damalige Innenminister Talaat Pascha zählt neben Kriegsminister Enver Pascha zu den Hauptverantwortlichen. Talaat gehörte der politischen Bewegung der so genannten Jungtürken an, die 1909 an die Macht gekommen war. Die Jungtürken träumten von der Vereinigung aller turkstämmigen Völker in einem Großreich "Turan" - einem Reich, in dem die Armenier keinen Platz haben sollten. Stattdessen galten sie als "innerer Feind". Die damalige Regierung des Osmanischen Reiches verschleierte ihre Absicht nicht. In Erlassen des Innenministers Talaat Pascha hieß es, dass die Regierung beschlossen habe, "alle Armenier, die in der Türkei wohnen, gänzlich auszurotten".

Was geschah mit den Hauptverantwortlichen?

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs leiteten die westlichen Siegerstaaten erstmals Kriegsgerichtsprozesse ein, um die Verantwortlichen zu bestrafen. Das Istanbuler Kriegsgericht konnte beweisen, dass die Verbrechen zentral und systematisch vorbereitet wurden. Es verurteilte 17 Angeklagte zum Tode, konnte aber nur drei Hinrichtungen vollziehen. Die Haupttäter flohen, wurden aber später zum Teil von armenischen Attentätern ermordet. Innenminister Talaat wurde 1921 von einem Armenier, der unter einem Leichenhaufen überlebt hatte, in Berlin erschossen. Es gab einen viel beachteten Prozess, der Attentäter wurde freigesprochen.

Gedenken an die Opfer in Eriwan

War es Völkermord?

Als Völkermord (Genozid) bezeichnet die Konvention über die Verhütung und Verurteilung des Völkermords von Dezember 1948 "alle Taten mit der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe vollständig oder teilweise zu vernichten". Darin verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten auch, einen Völkermord zu verhüten. Über 20 Staaten, darunter Frankreich, Kanada, Russland, die Schweiz und die Niederlande haben gegen zum Teil heftigen türkischen Protest beschlossen, offiziell von einem Genozid an den Armeniern zu sprechen. Viele andere Staaten - wie auch Deutschland, Großbritannien und die USA - verzichten auf den Begriff. Für die meisten Historiker besteht kein Zweifel darüber, dass von einem Völkermord zu sprechen ist. Die Türkei argumentiert, es habe sich nicht um systematische Vernichtung, sondern um Opfer von Bürgerkriegswirren und Hungersnot gehandelt.

Welche Rolle spielte Deutschland?

"Die armenische Frage ist erledigt", erklärte der türkische Innenminister Talaat deutschen Diplomaten nachdem die Vernichtungsaktion fast abgeschlossen war. Unter Historikern besteht Einigkeit, dass Deutschland als Verbündeter der Türkei über die Deportationen, Todesmärsche und Überfälle informiert war. Die deutsche Seite soll sogar auf eine Vertuschung des Genozids gedrängt haben. Dabei hatten die deutschen Konsulate grausame Berichte über "Metzeleien", "Massenabschlachtungen" und ausgehungerte Deportierte an das Auswärtige Amt telegrafiert.

Kaiser Wilhelm II.

Doch die Reichsleitung sah keinen Anlass zu intervenieren. "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht", sagte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Kaiser Wilhelm II. persönlich hatte angesichts der deutschen Interessen schon 1909 die Devise ausgegeben: "Die Armenier gehen uns nichts an."

Wie geht die Türkei mit dem Vorwurf um?

Historiker kritisieren, dass in der Türkei und anderen Staaten heute unterschlagen werde, dass der türkische Staat 1918 Verantwortung für den Völkermord übernommen habe und Prozesse gegen Täter geführt wurden. In der Türkei war das Thema lange Zeit vollkommen tabu, Berichte darüber wurden sogar bestraft. Die Regierung in Ankara ist der Ansicht, dass die ganze historische Wahrheit noch nicht ans Tageslicht gekommen ist.

Der türkische Ministerpräsident Edogan

"Ich bin überzeugt, dass es kein Kapitel in unserer Geschichte gibt, dessen wir uns schämen, das wir ignorieren, vergessen oder vertuschen müssten", sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei der Parlamentsdebatte zum Thema "Geschichte der türkisch-armenischen Beziehungen". "Aus der Luft gegriffene Kampagnen", mit denen die Türkei gezwungen werden solle, die Massaker an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen, führten zu nichts, hatte Erdogan bereits früher festgestellt. Ankara hat inzwischen angeboten, die Ereignisse von einer gemeinsamen Historiker-Kommission aufarbeiten zu lassen. Für die Armenier ist das jedoch lediglich ein taktisches Manöver, um Zeit zu gewinnen.

Wie wehrt sich die Türkei?

Der Schriftsteller Franz Werfel

Die türkische Regierung reagiert äußerst sensibel auf das Thema. Das zeigen die folgenden Beispiele. Auf die offizielle Anerkennung des Völkermordes durch das französische Parlament 2001 antwortete die Türkei mit einem Boykott französischer Firmen und zog ihren Botschafter ab. In den USA gelang es der türkischen Diplomatie, von 1935 bis in die 1980er-Jahre die Verfilmung des Romans "Die 40 Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel über den Völkermord an den Armeniern zu verhindern. Als der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk kürzlich im Streit um die Anerkennung der Massaker als Völkermord davon sprach, dass "in der Türkei 30.000 Kurden und eine Million Armenier getötet worden sind", löste er heftige Reaktionen nationalistisch gesinnter Türken aus. Er bekam Morddrohungen und tauchte vorsichtshalber unter. (stl)

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