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Piraterie

Der Golf von Guinea: Die neue Piratenhochburg?

Während Piratenüberfälle am Horn von Afrika seltener werden, warnen Experten vor vermehrten Angriffen im Golf von Guinea. Westafrikas Küste wird zum Sicherheitsrisiko. Internationale Einsätze sind aber nicht gefragt.

Im Golf von Aden am Horn von Afrika scheint die internationale Militärpräsenz Wirkung zu zeigen: Die Überfälle durch Piraten sind im vergangenen Jahr auf einen Tiefststand gesunken: Waren es 2009 noch 163 Überfälle, wurden 2012 nur noch 35 Piratenangriffe vor der Küste Somalias gezählt.

Eine gegensätzliche Entwicklung zeigt sich jedoch im Golf von Guinea - auf der anderen Seite des afrikanischen Kontinents. Die Gewässer zwischen der Elfenbeinküste im Norden und der Demokratischen Republik Kongo im Süden sind der neue Krisenherd im Kampf gegen die Piraterie. Nach Berechnungen des International Maritime Bureau in London sind die Überfälle im Golf von Guinea 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent gestiegen - auf insgesamt 51. Die Gründe für die schlechte Sicherheitslage auf hoher See sehen Experten an Land: Die Anrainerländer sind geprägt von politischer Instabilität und sozialen Konflikten. Einer internationalen maritimen Präsenz wie die vor der Küste Somalias stehen die meisten jedoch skeptisch gegenüber.

Die Rolle der internationalen Gemeinschaft

Die Länder am Golf von Guinea pumpen täglich mehr als drei Millionen Barrel Rohöl aus dem Boden. Rund 40 Prozent seines Ölbedarfs stillt Europa aus dieser Region - die USA fast 30 Prozent. Kein Wunder also, dass die internationale Gemeinschaft ein Interesse daran hat, den Golf von Guinea zu stabilisieren und den Seeräubern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Pottengal Mukundan vom International Maritime Bureau (Foto: Matthias von Hein)

Pottengal Mukundan vom International Maritime Bureau

Im Gegensatz zum Horn von Afrika, wo mehrere Kriegsschiffe stationiert sind, darunter neun von der Europäischen Union im Rahmen der Operation "Atalanta", raten Experten von einem militärischen Ansatz im Golf von Guinea ab: "Man darf die Situation am Horn von Afrika nicht mit der im Golf von Guinea vergleichen", sagt Pottengal Mukundan, Direktor des International Maritime Bureau (IMB), im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Somalia ist ein sogenannter 'failed state', also ein gescheiterter Staat, dort ist eine internationale Präsenz notwendig. Die Länder im Golf von Guinea sind souveräne Gebilde mit funktionierenden Regierungen." Mukundan schlägt vor, die internationale Gemeinschaft solle beim Aufbau maritimer Sicherheitsstrukturen beratend zur Seite stehen und die Länder motivieren, weitere Reformen voranzutreiben.

Auch Thierry Vircoulon von der International Crisis Group (ICG) lehnt eine internationale Mission zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab: "Die Länder im Golf von Guinea sollen alleine für die Gewährleistung der Sicherheit verantwortlich sein. Dafür müssen sie regional kooperieren. Doch weder der Aufbau von neuen Strukturen noch die Zusammenarbeit unter den Anrainerländern wird über Nacht erfolgen. Man arbeitet aber dran", sagt Vircoulon, der für das Afrika-Büro der ICG in Kenias Hauptstadt Nairobi tätig ist.

Andere Piraten, andere Sitten

Vieles haben sie voneinander abgeguckt: Somalische und nigerianische Piraten verwenden eine ähnliche Taktik bei den Überfällen. "Sie fahren mit Fischerbooten weit auf die See hinaus. Danach steigen die bewaffneten Piraten auf kleine Boote und nähern sich so ihrem Zielschiff. Sie kapern das Schiff und entführen es an einen unbekannten Ort", erklärt Mukundan vom IMB.

Die Unterschiede zeigen sich danach: Wäh­rend es soma­li­sche Pira­ten meist auf Löse­geld für das Schiff und die Besatzung abge­se­hen haben, sind west­afri­ka­ni­sche über­wie­gend an der Ladung inter­es­siert: "Auffällig ist außerdem bei den Piraten im Golf von Guinea der ausgeprägte Gewalteinsatz. Es wird deutlich schneller scharf geschossen, sie gehen brutaler gegen die Crew vor. Das könnte daran liegen, dass sie kein primäres Interesse an den Geiseln haben, wie die somalischen Piraten, für die die Geiseln das eigentliche Kapital sind", mutmaßt Michael Strahl von der Zeitschrift MarineForum.

Regierungen müssen handeln

Die Fregatte Bremen im Marinestützpunkt Wilhelmshaven (Foto: dpa)

Die Fregatte "Bremen" war bis September 2012 am Horn von Afrika im Einsatz

Arbeitslosigkeit, hohe Lebenshaltungskosten und grassierende Korruption locken immer mehr Menschen in die Piraterie. "Es sind zum Teil sogar Staatsbedienstete, also Grenzschützer oder Soldaten, die das Piratengeschäft betreiben", erklärt Strahl. Vor allem junge Menschen ohne Perspektiven sehen in der Piraterie einen Ausweg. Obwohl Nigeria seit den 1990er Jahren Öl exportiert, ist das Geld nicht bei der breiten Masse angekommen. Vor allem die Eliten haben sich bereichert. Etwa 90 von insgesamt 151 Millionen Menschen in Nigeria leben unterhalb der Armutsgrenze.

Der Kampf gegen die Piraterie könne daher nicht nur durch regionale Kooperation und Stärkung der lokalen maritimen Kapazitäten gewonnen werden - die Probleme müssten zunächst im Land gelöst werden, meint Vircoulon von der International Crisis Group. Dass sich bald etwas in den Ländern im Golf von Guinea zum Positiven ändert, daran glaubt Mukundan vom International Maritime Bureau: "In Nigeria wurden einige Piratenbanden gefasst und befinden sich jetzt in Untersuchungshaft. Auch die togolesische Regierung hat aktiv daran gearbeitet, Piratenüberfälle zu verhindern. Das sind gute Entwicklungen", sagt Mukundan.

Wie wirksam diese Beispiele im Kampf gegen die Piraterie sind, wird sich erst zeigen. Seit zehn Jahren schon betreiben Piraten ihr Geschäft im Golf von Guinea - zunächst nur vor der Küste Nigerias und beschränkt auf kleinere Fischerboote oder den lokalen Warentransport. Durch die gestiegenen Ölexporte nahm die Aktivität der Seeräuber zu. Jetzt sind große Öltanker ihre Zielobjekte.

DW.DE