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Links: wenig - rechts: viel!

Fabian Schmidt29. Januar 2015

Küken ordnen kleine Mengen eher nach links ein - große Mengen eher nach rechts. Das haben Forscher herausgefunden. Der Biopsychologe Onur Güntürkün vermutet dahinter ein angeborenes Richtungsdenken.

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Hühnerküken mit Eierschale (Foto: Imago/Imagebroker)
Wo gibt es was zu futtern - rechts oder links?Bild: imago/imagebroker

Forscher um die experimentelle Psychologin Rosa Rugani haben herausgefunden, dass drei Tage alte Hühnerküken große Zahlen eher mit der Richtung rechts assoziieren, kleine Zahlen hingegen mit der Richtung links.

Die Küken suchten in einem weißen Raum nach Futter. Es war hinter einer Wand versteckt, auf der fünf Punkte abgebildet waren, so Rugani in der Studie, die am 29. Januar 2015 in der Fachzeitschrift "Science" erschienen ist.

Hatten die Küken zwanzig Mal das Futter gefunden, waren sie trainiert. Dann kamen sie in einen Raum, in dem sie zwischen zwei Wänden entscheiden mussten. Waren auf beiden Wänden nur zwei Punkte angebracht, liefen etwa 70 Prozent der Küken auf die linke Wand zu. Waren hingegen acht Punkte angebracht, entschieden sich 70 Prozent der Küken für die rechte Wand. Das Futter war aber hinter beiden Wänden gleichermaßen vorhanden.

Daraus folgern die Forscher, dass die Zahlen im Gehirn entlang einer kontinuierlich gedachten Zahlenreihe von links nach rechts dargestellt werden. Über die Ergebnisse der Küken-Studie hat die Deutsche Welle mit dem Biopsychologe Onur Güntürkun von der Ruhr Universität Bochum gesprochen.

Onur Güntürkün Biopsychologe Uni Bochum (Foto: Burak Acer)
Onur Güntürkün mit einer VersuchstaubeBild: DW/B. Acer

Professor Güntürkün, Sie haben selbst mit Tauben im Bereich der Neurowissenschaften experimentiert. Was bedeutet die Küken-Studie der Kollegin in Padua für das Verständnis von links und rechts?

Es gibt schon relativ viele und auch schöne Daten aus Studien zu dieser Frage. Einige beziehen sich auf den Menschen und sind natürlich schwer zu interpretieren, weil sie kulturell überlagert sein können. Aber es gibt dazu zum Beispiel auch Daten von Affen. Und die sagen ebenso aus, dass wir Zahlen als eine mentale Linie repräsentieren.

Wir Menschen und auch andere Lebewesen scheinen also tatsächlich Zahlen in einer aufsteigenden Reihenfolge zu verstehen. Das heißt nicht, dass das Aufsteigen von links nach rechts sein muss - aber es muss irgendwie in einer Reihe angeordnet sein.

Und die Forschungen von Frau Rugani, aus der Forschungsgruppe des renommierten Trentiner Neurowissenschaftlers Giorgio Vallortigara, zeigt jetzt nochmal deutlich, dass bei den neugeschlüpften Küken offensichtlich eine links-rechts Tendenz drin ist.

Aber können Küken überhaupt zählen?

Bei den Küken und anderen nicht-menschlichen Lebewesen haben wir es nicht mit Zählen im eigentlichen Sinne zu tun, sondern mit Abschätzen. Und selbst Menschen die nicht bewusst zählen sondern nur Mengen flüchtig betrachten, können zwar abschätzen, dass Eins weniger ist als Zwei und auch, dass Drei mehr ist als Zwei. Aber sie können nicht abschätzen, dass Acht mehr ist als Sieben.

Und so müssen wir auch bei Versuchen mit Küken die Abstände größer machen - weil es nicht ein Zählen in unserem menschlichen Sinne ist. Dieses Mengen-Abschätzen wird aber dennoch in einer quasi numerischen Weise repräsentiert, im Sinne von: Mehr, noch mehr, noch noch mehr, noch noch noch mehr.

Wir Menschen würden ja eine Zeitachse kaum rechts anfangen lassen und dann nach links laufen lassen. Auch beim Koordinatensystem fangen die x- und y-Achsen immer links an und laufen dann nach rechts. Ist das also schon so im Gehirn einprogrammiert?

Ja, das suggerieren diese Daten. Und wenn wir Zahlen als Mengen darstellen, kann es sein, dass die aufsteigende Menge mit einer Hirnstruktur überlappt, die auch eine Richtung aufweist: Mit der linken Hirnhälfte auf etwas zu, mit der rechten Hirnhälfte von etwas weg.

Müssen wir uns das also spiegelverkehrt vorstellen: Die linke Hirnhälfte ist für das zuständig was rechts ist und andersherum. Etwa so, wie eine optische Linse das Bild umdreht?

Ja, das ist tatsächlich so: Beim Küken sieht das linke Auge die linke Wand und das rechte Auge die rechte Wand. Das rechte Auge übermittelt Informationen an die linke Hirnhälfte und das linke Auge an die rechte Hirnhälfte. Beim Menschen gibt es ähnliche Mechanismen - nur sind da beide Augen daran beteiligt.

Der Schweizer Neurowissenschaftler Peter Brugger vom Universitätsspital Zürich hat in seinem Kommentar zu der Forschungsarbeit in "Science" die Vermutung aufgestellt, dass rechts auch eher "positive" Assoziationen hervorruft - also "mehr Futter" oder "besser". Deckt sich das mit Ihren Beobachtungen?

Wir wissen, dass die linke Hirnhälfte nicht "positive" Dinge verarbeitet, sondern es geht dabei vielmehr um ein Annäherungsverhalten. Wenn ich jetzt wahnsinnig sauer auf Sie bin, und das enorme Verlangen habe, Ihnen eins auf die Nase zu hauen, dann ist das nun wirklich kein positives Gefühl. Es wird aber trotzdem von der linken Hirnhälfte geleitet.

Communicator-Preis für Onur Güntürkün

Eine große Zahl hat nicht immer etwas Positives - obwohl ja in diesem Zusammenhang mit Futter getestet wurde. Man kann ja auch viele negative Dinge haben oder auch wenige negative Dinge. Ich glaube eher, dass es mit dieser Laufrichtung in Zusammenhang stehen könnte, die im Gehirn asymmetrisch codiert ist.

Das heißt: Ich will an etwas heran. Meist will ich an etwas heran, weil es schön, lecker, angenehm oder warm ist. Aber ich will manchmal auch an etwas heran, um jemandem etwas auf die Nase zu geben. Das heißt: Es ist das Annäherungsverhalten in der linken und das Weglauf- oder Vermeidungsverhalten in der rechten Hirnhälfte.

Es kann aber schon sein, dass diese Weg- oder Hinwendungsreaktion in eine Mengencodierung übersetzt wird: Von "wenig" zu "viel". Vor allem weil ja in diesem Experiment sowohl das "Wenige" als auch "Viele" mit der gleichen Menge Futter verbunden war. Aber das Tier hat offenbar dort mehr Futter erwartet wo sein Hirn die jeweils größere Menge damit assoziiert hat.

Es gibt Schriftsysteme, die laufen von links nach rechts. Einige laufen von rechts nach links. Andere laufen von oben nach unten. Was spielt sich da im Hirn ab?

Die Asymmetrie stimmt zwar mit der lateinischen, kyrillischen oder auch griechischen Schreibrichtung überein, aber anders ist es bei den semitischen Schriften, also etwa Arabisch und Hebräisch. Ob das etwas bedeutet, darüber können wir aber nur spekulieren.

Wenn es eine angeborene Richtung gäbe, wie wir das zum Beispiel auf Grundlage solcher Küken-Daten vermuten, dann bedeutet das noch nicht, dass wir nicht eine gegenteilige Kultur entwickeln können.

Wir haben zum Beispiel im Katholizismus eine Kultur des Zölibats in einer bestimmten Kaste von Berufen. Die ist bestimmt nicht biologisch ausgedacht worden und auch nicht evolutionär stabil. Sie hat sich konträr zu den biologischen Mechanismen entwickelt. Die Kultur kann also biologische Voreinstellungen überschreiben.

Und warum nun die semitische Schreibweise eine eventuell existierende biologische Voreinstellung von links nach rechts zu schreiben überschrieben haben könnte, das kann ich natürlich nicht sagen. Das müssten Historiker erklären.

Häufig sind solche kulturellen Entwicklungen hochgradig von der Zufälligkeit einer Situation oder sogar von einer Person abhängig, die in irgendeiner kritischen Phase etwas macht, was sich dann durchsetzt. Dass wir auf der biologistischen Ebene die Logik der Schrift bei so schwachen Variablen ableiten können würde ich bezweifeln. Unsere Sprache oder auch die rechts- oder Linkshändigkeit sind da schon sehr viel stärkere Effekte, die im Gehirn nachweisbar sind.

Das Interview führte Fabian Schmidt.

Professor Onur Güntürkün ist Biopsychologe an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Träger des Gottfried-Wilhelm Leibnitz Preises 2013 der Deutschen Forschungsgemeinschaft und erhielt 2014 den Communicator Award, eine Auszeichnung für Wissenschaftler, die ihre Forschungsergebnisse besonders greifbar in der Öffentlichkeit erklären.