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Nahrungsmittelkrise

Debatte um die Spekulation mit Nahrung

Laut einiger Experten verschärft sich die Armut in vielen Ländern, weil Banken und Börsenakteure durch ihre Anlagen die Preise der Nahrungsmittel in die Höhe treiben.

Zwischen 2007 und 2008 tobten Unruhen in vielen Ländern der Welt: In Marokko demonstrierten während der sogenannten Brotrevolte tausende Menschen gegen steigende Lebensmittelpreise. In Mexiko führten die wachsenden Kosten zur sogenannten Tortilla-Krise. Gewalttätige Demonstrationen erschütterten Pakistan, Somalia und Indien. In Burkina Faso und im Senegal gingen die Menschen gegen das "teure Leben" auf die Straße. Auslöser dieser Unruhen war die Explosion der
Preise für Grundnahrungsmittel.

Zum Sehen: Was treibt die Preise?

Die Kosten für Reis, Weizen, Mais und Soja sind zwischen Juni 2007 und Juni 2008 um ein Vielfaches gestiegen. In Äthiopien erhöhten sich die Maispreise um fast 200 Prozent, der Weizen in Somalia verteuerte sich um 300 Prozent und im Sudan um 90 Prozent.

Der Versuch, diesem Problem auf den Grund zu gehen, führt unweigerlich zu der Diskussion über Nahrungsmittelspekulation. Über Agrarrohstoff-Fonds können Banken, Hegdefonds und institutionelle Anleger auf Preisentwicklungen von Nahrungsmitteln wie Weizen, Mais oder Soja wetten. "Es gibt Banken, die den Anlegern speziell Fonds anbieten, mit denen diese von steigenden Rohstoffpreisen profitieren können. Das Geld der Anleger legen sie dann an den Börsen entsprechend an“, erklärt Markus Henn von der Nichtregierungsorganisation WEED. WEED und andere Nichtregierungsorganisationen wie Foodwatch oder Oxfam machen diese Mechanismen mitverantwortlich für die Hungerkrise.

Die Mitverantwortung der Spekulanten ist umstritten

Forscher der Universität Halle-Wittenberg widersprechen dieser Auffassung. Sie haben wissenschaftliche Artikel und Studien aus dem Zeitraum von 2010 bis 2012 ausgewertet und sind zu dem Schluss gekommen, dass Finanzspekulationen nicht die Ursache der hohen Lebensmittelpreise sind. Stattdessen trügen andere Faktoren dazu bei. "Die Menschen ernähren sich heute besser als früher, insbesondere können sie sich heute auch Fleischkonsum leisten. Das treibt die Nachfrage nach Agrarrohstoffen stark an",  erklärt Ingo Pies, Wirtschaftsethiker der Universität Halle-Wittenberg und Mitautor der Untersuchung. Auch die Subventionierung von Biokraftstoffen habe Einfluss auf den Nahrungsmittelmarkt. Beträchtliche Anbauflächen werden dadurch für den Anbau von Energiepflanzen genutzt und gehen für den Nahrungsmittelanbau verloren.

Diese Schlussfolgerung sorgt im Kreis der Nichtregierungsorganisationen für

verärgerte Reaktionen. Vertreter vieler NGO's werfen den Forschern vor, andere relevante Studien nicht erwähnt zu haben. "In Wahrheit haben sie Studien erwähnt, die in ihre Linie passen", sagt Markus Henn von der NGO WEED. Dies sei kein wissenschaftliches Vorgehen. Studien, die nicht passen, würden ausführlich bis ins Detail kritisiert, während die anderen mit ihren Ergebnissen einfach übernommen worden seien, so Markus Henn. Für Ingo Pies haben die Organisationen jedoch eigene Studien vorgelegt, "die sich nicht auf die wissenschaftliche Literatur sondern auf Literatur von Nicht-Wissenschaftlern berufen."

Die OECD erkennt zwar an, dass Spekulationen mit Ackerland seit der Finanzkrise von 2008 stark zugenommen haben, sieht aber darin keine direkte Ursache für Preiserhöhungen. "Diese Art von Finanzspekulation mag teilweise einen Einfluss auf die Preisschwankungen haben, aber die langfristige Erhöhung der Preise kann dadurch nicht erklärt werden", sagt Carmel Cahill, Leitende Beraterin in der Direktion für Handel und Landwirtschaft bei der OECD.

Zunehmende Preise bei Grundnahrungsmitteln

Auch Michael Brüntrup vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik verfolgt die Diskussion um Nahrungsmittelspekulation. Die Recherchen der Universität Halle hat er gelesen und plädiert für eine differenzierte Betrachtung. "Es gibt viele Faktoren, die auf die Preise durchschlagen. Wir hatten zum Beispiel Preisschwankungen, weil in den USA, in Russland oder Australien Ernten aufgefallen sind", erklärt er. Es sei enorm schwierig daraus zu berechnen, welchen Einfluss die Spekulationen genau haben.

Laut der OECD werden die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais, Reis und Weizen, künftig schon allein wegen des Bevölkerungswachstums weiter steigen. "Wir erleben gerade eine Erhöhung des Weizenpreises um 80 Prozent, was sich natürlich auch auf die Brotpreise auswirkt", sagt Momar Ndao, Vorsitzender der Verbraucherschutzorganisation ASCOSEN im Senegal. Pierre Nacoulma, der Vorsitzende der Schwester-Organisation in Burkina Faso bestätigt dies: "Wir hatten vor kurzem ein Problem, weil die Bäcker wegen der Preiserhöhung des Weizens gestreikt haben." Wenn die Preise für Grundnahrungsmittel weiter steigen, werden sich viele Menschen vor existenziellen Problemen sehen, und der Hunger wird wachsen.

EU will über die Lebensmittel-Spekulation beraten

Die Nichtregierungsorganisationen wollen Banken und andere Finanzakteure dazu bringen, aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln auszusteigen. Die Commerzbank, Deutschlands zweitgrößte Bank, hat sich im November 2011 dazu entschieden, keine neuen börsennotierten Anlageprodukte auf Basis von Grundnahrungsmitteln anzubieten.

Die Wissenschaftler der Universität Halle-Wittenberg halten dies jedoch für wenig relevant: "Die Finanzspekulation ist ein Nebenkriegsschauplatz. Wir müssen die wirklich wichtigen Fragen angehen", sagt Ingo Pies. Dabei gehe es in erster Linie darum, "politische Fehler zu vermeiden, Märkte zu fördern und den Technologietransfer voranzubringen. Wir brauchen einen Technologietransfer in die Entwicklungsländer hinein." Dann seien die Produktionssteigerungen, die benötigt würden um bis 2050 neun Milliarden Menschen zu ernähren, möglich. “Das ist machbar“, so Ingo Pies gegenüber der DW.

Die EU will Anfang nächsten Jahres Regeln für die Agrarmärkte verabschieden. Der Vorsitzende des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Europaparlaments sagte gegenüber der DW: "Wir müssen zwar die Spekulation bekämpfen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass der wirkliche Grund der Agrarmarktinstabilität sehr stark mit der Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot verbunden ist."

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