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Wo Dichter wie Stars gefeiert werden

Birgit Goertz23. Oktober 2013

Im Westen ist Poesie eher etwas für Feinschmecker. In Osteuropa war das schon immer anders. Puschkin, Schewtschenko, Pasternak sind hoch verehrt. Auch heute genießen Dichter Kultstatus. Zum Beispiel in der Ukraine.

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Max Czollek bei einer Lesung (Foto: DW/B.Görtz)
Bild: DW/B.Görtz

"Hier bin ich ein Popstar", sagt Max Czollek. Er ist ein junger Dichter, ein sehr junger Dichter, denn er ist gerade mal 26 Jahre alt, und mit "hier" meint er nicht seine Heimat Berlin, sondern Chernivtsi, ein Nest in der ukrainischen Provinz nahe der rumänischen Grenze. Der Ort ist Lyrikliebhabern besser bekannt unter seinem deutschen Namen Chernowitz, als Geburtsort großer deutschsprachiger Lyriker mosaischen Glaubens wie Paul Celan und Rose Ausländer. "Czernowitz ist eine Kleinstadt. Ich weiß nicht, wie das in einer deutschen Kleinstadt wäre, aber ich glaube, es wäre nicht so."

Wie das Publikum Lyrik feiert

Max Czollek hat im Rahmen eines internationalen Stipen­diums für Dichterinnen und Dichter zwei Monate in der Stadt verbracht. Aus der Taufe gehoben haben es die Initiatoren des Lyrikfestivals Meri­dian Czernowitz. Kürzlich fand das Festival zum vierten Mal statt. Der Aufenthalt in der Ukraine hat Max Czollek einen Einblick über das unterschiedliche Verhältnis von Deutschen und Ukrainern zu Poesie verschafft: "Lyrik ist hier eine Sache, die viel mehr gefeiert wird. Das Publikum ist sehr jung." Und vor allem sehr begeisterungsfähig und sehr neugierig.

Ob neue oder alte Poesiefans: sie alle kennen die Namen der etablierten Dichter des Landes wie Jurij Andruchowytsch oder Serhij Zhadan, aber auch die der jungen Poeten wie Andrij Ljubka, so der junge Deutsche. "Wenn ich sage, ich mache etwas zusammen mit Ljubka, sagen sogar Leute, die mit Literatur nichts zu tun haben: Wow, Andrij Ljubka, das ist ja großartig. Das würde in Deutschland niemals passieren."

Dichter Serhij Zhadan (Foto: DW/B.Görtz)
Serhij Zhadan wurde frenetisch bejubeltBild: DW/B.Görtz

Die Wertschätzung gegenüber Poeten sei in der Ukraine deutlich anders, bestätigt der dänische Künstler Nielsen. "Hier werden die Poeten immer noch verehrt. In Deutschland verehrt man vielleicht Hölderlin und Celan, aber lebende Poeten sind nur Teil einer Literaturszene." Bei seinen Auftritten schlüpfte Nielsen in eine weibliche Identität, sang mit hoher Stimme - sich selbst auf der Gitarre begleitend - politisch-satirische Texte, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Das Publikum des Festivals verstand seine Botschaften. Es feierte Nielsen frenetisch. "Wenn ich hier auftrete, gibt es immer fünf TV-Stationen, die Aufnahmen machen. Das erlebt man nie - weder in Bremen, Berlin oder Kopenhagen. Oder Paris."

Dänischer Künstler Nielsen (Foto: DW/B.Görtz)
Spielt mit den Geschlechterrollen: NielsenBild: DW/B.Görtz

"In Berlin kann man sich auf den Kopf stellen ..."

Auch Max Czollek freut sich darüber, dass das mediale Echo in der Ukraine ein ganz anderes ist, als er es aus Deutschland gewohnt ist. "Ich werde hier vornehmlich vom Fernsehen interviewt und nicht von Zeitungen. In Berlin kann man sich auf den Kopf stellen bis das Fernsehen kommt." Womöglich würde selbst ein kopfstehender Poet in Deutschland niemanden aus der Reserve locken. Höchstens Kopfschütteln hervorrufen, vielleicht ...

Jurij Andruchowytsch (Foto: Meridian Czernowitz)
Beherrscht leise und laute Töne: Jurij AndruchowytschBild: Meridian Czernowitz

In der Ukraine haben Dichter einen ganz anderen Rang in der Gesellschaft als in den Ländern des sogenannten Westens. Sie sind so etwas wie die intellektuellen Stimmen. "In den Augen der Leute sind die Dichter immer noch diejenigen, von denen man etwas Essentielles erwartet, wichtige Botschaften", sagt Jurij Andruchowytsch. Viele seiner Werke, Lyrik wie Prosa sind auch ins Deutsche übersetzt. "In Deutschland ist die Poesie heute sehr vielfältig, sehr raffiniert und gleichzeitig hat sie nicht so ein breites und großes Publikum wie hier in der Ukraine."

Andruchowytschs Performance im Rahmen des Lyrikfestivals war bis auf den letzten Platz voll. In der langen Nacht der Poesie hörten sich fast tausend Menschen Gedichte an - von Mitternacht bis vier Uhr morgens. Wenn jemand gähnte, dann aus Müdigkeit, nicht aus Langeweile. Gedichte werden hier nicht nur gelesen, sondern dargeboten, zelebriert, performt. Serhij Zhadan, eine Art Punkrocker der ukrainischen Lyrikszene, riss die Leute schon bei der Begrüßung von den Stühlen.

Saal mit Publikum (Foto: DW/B.Görtz)
Alle wollen Andruchowytschs Auftritt sehenBild: DW/B.Görtz

Die Themen sind überall gleich

So unterschiedlich Resonanz und Publikum in Ost und West sind, die Themen sind universell. Die Palette reicht von Zwischenmenschlichem, von Liebe und Hass, bis hin zur großen Politik, Ausgrenzung, Gewalt. Was die Literaturwelten aber deutlich unterscheidet ist die Art und Weise, wie sie ihre Themen aufbereiten.

"Wenn ich mir Zhadan, Ljubka oder Andruchowytsch angucke, dann sind das Gedichte, die sehr viel mit Drastik und Energie zu tun haben, die sehr stark expressiv sind. Deutsche Lyrik ist in den seltensten Fällen expressiv", findet Max Czollek. "In Deutschland dominiert nach wie vor der Typus der Glas-Wasser-Lesung: Da setzen wir uns hin, haben ein Glas Wasser daneben stehen, schlagen unser Buch auf und lesen." Davon sei die Präsentation von Lyrik in der Ukraine sehr weit entfernt.

Dichter Tadeusz Dabrowski bei einer Signierstunde (Foto: DW/B.Görtz)
Hatte viel zu tun: der polnische Dichter Tadeusz Dabrowski bei einer SignierstundeBild: DW/B. Görtz

Dem Künstler Nielsen gefällt besonders die Offenheit des Publikums. "Das ist unverstellte Leidenschaft. Wenn etwas gut ist, dann zeigen sie es, ohne sich zu fragen, wie ihre Leidenschaft inszeniert ist." Ganz anders gehe es auf den unzähligen Festivals zu, die er in Westeuropa, in den USA und in vielen anderen Ländern besucht hat. "Dort geht es cool und blasiert zu. Obwohl die Festivals immer ‚Utopia‘ oder ‚Manifesto‘ heißen, geht es eigentlich um Selbstvermarktung, um Karriere."

Mitunter findet Nielsen die Dichterverehrung der Osteuropäer fast schon ein wenig befremdlich. "Andererseits ist es schön, dass man das Wort noch als kleines Heiligtum sieht."