1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

ThyssenKrupp in der Krise

Klaus Deuse17. Januar 2014

Der traditionsreiche Konzern schreibt weiter Verluste in Milliardenhöhe. Noch immer belasten das Stahlwerk in Brasilien und der Edelstahlbereich die Bilanzen. Aktionäre erwarten nun Aufschluss über die Neuausrichtung.

https://p.dw.com/p/1ArUK
ThyssenKrupp Firmensitz in Essen (Foto: Reuters)
Bild: Reuters

Ein Konzern mit großer Tradition ringt um seine Zukunft. Vor allem Fehlentscheidungen aus der jüngeren Vergangenheit lasten schwer auf ThyssenKrupp. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verbuchte der Konzern einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro. Im Jahr zuvor waren es über fünf Milliarden Euro. Dass sie wieder keine Dividende erhalten, das war den Aktionären lange vor der Hauptversammlung an diesem Freitag (17.01.2014) klar. Doch sie erwarten von Vorstandschef Heinrich Hiesinger zumindest Aufschluss darüber, wie er den Konzern wieder auf Kurs und damit in die schwarzen Zahlen zu bringen gedenkt.

Als Hiesinger vor drei Jahren an die Spitze von ThyssenKrupp rückte, übernahm er einen bereits schwer angeschlagenen Konzern. Seit seinem Amtsantritt brach die Konzern-Aktie zudem um 40 Prozent ein. Von Beginn an bat er Mitarbeiter und Anleger um Geduld. Es werde noch Jahre dauern, betonte er wiederholt, um das Unternehmen auf "eine tragfähige Basis zu stellen". Noch beschäftigt der Konzern rund um den Globus 157.000 Mitarbeiter, 58.000 davon in Deutschland. Doch schon jetzt ist geplant, weltweit 3000 Arbeitsplätze in der Verwaltung abzubauen. Allein am Standort Deutschland trifft es jede zweite Stelle in diesem Bereich. Außerdem sollen in der Stahlsparte 2000 Stellen wegfallen.

Heinrich Hiesinger, Chef von ThyssenKrupp (Foto: dpa)
Will Abwärtstrend endlich stoppen: ThyssenKrupp-Chef Heinrich HiesingerBild: picture-alliance/dpa

Hightech statt Hochofen

Auf der einen Seite ist der Konzern zum Sparen gezwungen, da sich die Verbindlichkeiten, inklusive der Pensionslasten, auf nicht weniger als 30 Milliarden Euro belaufen. Andererseits lässt sich der von Heinrich Hiesinger eingeschlagene Kurs der Neuausrichtung nicht ohne Investitionen und die Übernahme von Unternehmen auf zukunftsträchtigen und damit einträglichen Geschäftsfeldern fortsetzen: etwa dem Anlagenbau oder der Aufzugsparte. Das alles kostet Geld. Eine Gratwanderung, von der die Zukunft des Konzerns abhängt.

Darum heißt es für die Unternehmensführung vor allem, teure Altlasten wie die Auslandsstahlwerke in den USA und Brasilien abzustoßen, die fast 13 Milliarden Euro verschlungen haben. Das Stahlwerk im US-Staat Alabama konnte inzwischen an Arcelor-Mittal und Nippon Steel für 1,1 Milliarden Euro verkauft werden. Ohne den Schuldendruck hätte man sicher mehr erlösen können. Aber das unrentable Werk in Brasilien reißt noch immer tiefe Löcher in die Bilanz.

ThyssenKrupp-Stahlwerk bei Rio de Janeiro (Foto: dpa)
Problemfall: Das ThyssenKrupp-Stahlwerk in BrasilienBild: picture-alliance/dpa

Um Schadensbegrenzung geht es weiterhin beim Edelstahl. Bislang war Krupp mit knapp 30 Prozent am finnischen Weltmarktführer Outokumpu beteiligt und hatte diesem die Edelstahlsparte in Deutschland unter anderem mit dem Werk in Bochum verkauft. Ein Geschäft, das rückgängig gemacht werden musste, da eine drohende Pleite der Finnen ThyssenKrupp Abschreibungen in einer dreistelligen Millionenhöhe eingebrockt hätte. Aber auch so kostet die beendete Edelstahl-Liaison einige Millionen, da nun aus dem Outukumpu-Erbe ein italienischer Edelstahlkocher am Tropf von Thyssen-Krupp hängt, für den weit und breit keine Interessenten in Sicht sind.

Ärger mit dem Kartellamt

Zu diesen Großbaustellen kommen noch die Folgen aus diversen Korruptionsskandalen hinzu, für die ThyssenKrupp schon mehr als eine halbe Milliarde Euro an Strafen und Schadensersatz zahlen musste. Doch es droht noch weiteres Ungemach, ermittelt doch das Kartellamt seit 2103 wegen des Verdachts von Preisabsprachen beim Stahlverkauf.

Inzwischen hat hinter den Kulissen personell das große Aufräumen begonnen, denn Konzernchef Hiesinger drängt auf eine neue Unernehmenskultur. Da passte es nur ins Bild, dass eine der Galionsfiguren des Konzerns, Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, seinen Hut nehmen musste.

Finanziell hat sich der angeschlagene Konzern etwas Luft verschafft. Durch eine Kapitalerhöhung mittels neu ausgegebener Aktien flossen rund 900 Millionen Euro in die Kassen. Ob diese Aktion den Konzern im Sinne von Vorstandschef Hiesinger beweglicher macht, das bleibt abzuwarten. Denn gut 60 Prozent dieser Aktien erwarb der schwedische Finanzinvestor Cevian, der seine Anteile auf 10,96 Prozent aufstockte und damit ein Anrecht auf einen Sitz im Aufsichtsrat reklamieren kann. Cevian gilt als aktiver Investor, der Einfluss auf Strategien des Managements nimmt.

2014 das Jahr der Entscheidungen

Von abrupten Befreiungsschlägen will Heinrich Hiesinger dennoch weiter nichts wissen, sondern beharrlich an seinem Ziel festhalten. Sein aktueller Vertrag läuft noch bis September 2015. Überzeugen will er die Aktionäre mit Zahlen, die auf den ersten Blick bescheiden wirken mögen. Nach Abzug von Steuern und Zinsen brachte es selbst die konjunktursensible Stahlsparte auf einen Gewinn von 143 Millionen Euro.

Noch besser stehen die Industrielösungen mit 640 Millionen Euro und der Bereich Aufzüge mit 675 Millionen Euro Gewinn da. Sparten, die der Vorstandsvorsitzende weiter ausbauen und die Gewinne deutlich erhöhen will. 2014, sagt Hiesinger oft, werde ein entscheidendes Jahr. Denn falls man den Investoren bei den Ergebnissen keine Fortschritte präsentieren kann, würden die von der Fahne gehen. Eine Zerschlagung des über 200 Jahre alten deutschen Traditionskonzerns wäre dann nicht mehr zu vermeiden.