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"Umweltschutz ist wichtig, Menschen aber auch"

Irene Quaile23. Juni 2014

Die UN-Umweltversammlung (UNEA), die auf dem Rio-Gipfel 2012 ins Leben gerufen wurde, trifft sich erstmals in Nairobi. Das weltweite Umweltbewusstsein nimmt zu, sagt UN-Umweltchef Achim Steiner.

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UNEP-Direktor Achim Steiner (DW/Irene Quaile).
Bild: DW/I. Quaile

Deutsche Welle: Herr Steiner, was bedeutet diese neue Versammlung für die Rolle der Umwelt im UN-Kontext?

Achim Steiner: Das ist die erste Reform, seit der Gründung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen 1972. Alle Länder, alle Beobachter, sind bei der UNEA vertreten. Damit ist sie das Forum, das die Umweltaspekte der nachhaltigen Entwicklung viel repräsentativer, autoritativer und besser legitimiert. Vorher wurde das Programm von nur 58 Staaten im Wechsel geleitet. Jetzt hat man die Bedeutung des Umweltschutzes gestärkt und auf eine höhere Stufe gestellt.

Wer wird an dem Treffen teilnehmen?

Nairobi, der Sitz von UNEP (United Nations Environment Programme), wird den Eindruck vermitteln, Umwelthauptstadt der ganzen Welt zu sein. Umweltminister aus mehr als 160 Ländern werden dabei sein. Außerdem nehmen Justizvertreter teil, da Fragen des Umweltrechts und seiner Umsetzung zunehmend zentral sind. Wir werden unter anderem einen Bericht zum Thema "Umweltverbrechen" vorlegen. Da geht es um den illegalen Handel mit wildlebenden Tieren und viele andere damit verbundene Themen.

Parallel dazu werden Finanzexperten von Banken, Zentralbanken und dem Kapitalmarkt über die Möglichkeiten beraten, "Green Economy" zu finanzieren.

Die neue UNEA ist also für all diejenigen da, für die die Umwelt zunehmend wichtig wird als treibende Kraft bei der Gestaltung der Wirtschaftspolitik, der Entwicklungspolitik, aber auch der internationalen Beziehungen überhaupt.

Die "Sustainable Development Goals" und die Entwicklungsagenda für die Zeit ab 2015 sind Thema der ersten Sitzung. Dazu gehören auch Nachhaltigkeit in Produktion und Verbrauch. Wo sehen Sie hier die Hauptherausforderungen?

Heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, geht es vor allem darum, die Welt so zu gestalten, dass es Nahrungsmittel, Energie und Strom für zehn Milliarden Menschen geben kann, ohne dabei die Atmosphäre zu zerstören. Dafür müssen wir unsere Wirtschaft verändern. Diejenigen, die sich mit der Umwelt beschäftigen, müssen die wirtschaftlichen Zusammenhänge besser verstehen lernen. Gleichzeit müssen wir aber darauf Rücksicht nehmen, dass im Rahmen des Umweltschutzes auch Menschen sehr wichtig sind.

Farm für Familien, Gambia (Foto: FAO/Antonello Proto).
Nahrungsmittelsicherheit für die wachsende Weltbevölkerung ist ein Hauptthema der UNEABild: FAO/Antonello Proto

Menschen sind wichtig - und die scheinen oft sehr frustriert, dass die Regierungen nicht schnell genug handeln, um Umweltschutz und den Klimawandel in den Griff zu bekommen?

Wissenschaftler und Umweltschützer haben Grund genug, um frustriert zu sein. Wir haben aber in den letzten Jahrzehnten schon viele positive Veränderungen erlebt: Wir haben Fortschritte gegen Umweltverschmutzung gemacht und in weniger als anderthalb Jahrzehnten die Weichen für eine Energierevolution gestellt. Im letzten Jahr wurde weltweit mehr Geld in eine Infrastruktur der erneuerbaren Energien als in Öl, Kohle und Gas zusammen investiert. Das sind grundlegende Veränderungen. Dahinter stecken Umweltbewusstsein in der Öffentlichkeit und eine Reaktion darauf seitens der Wirtschaft. Natürlich stimmt es, dass sich die Umwelt in einem Maße und mit einer Geschwindigkeit verändert, auf die wir in den meisten Fällen nur unzureichend reagieren. Das heißt aber nicht, dass wir keine Fortschritte machen oder vor dem Weltuntergang stehen.

Verliert Europa seine führende Position in Sachen Umwelt?

Europa ist vor allem wirtschaftlich zusammengewachsen und hat viele Innovationen in der Umwelt- und Sozialpolitik zustande gebracht. Es hat international eine wichtige Rolle als Innovationszentrum für erneuerbare Energien, Gesundheit und Umweltstandards. Gleichzeitig hat es unter der finanziellen Krise gelitten. Außerdem ist die interne Koordination zu einer großen Herausforderung geworden. Damit ist der Kontinent anfällig für den Verlust seiner Führungsposition an andere Länder im Hinblick auf Nachhaltigkeit.

Zum Beispiel China?

Das Bild von der Ressourcenausbeutung, den Gesundheitsproblemen durch die schnelle Industrialisierung, Luftverschmutzung in den Großstädten und die starke Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist alles andere als grün. Aber wenn man sich anschaut, mit welchem Ehrgeiz und in welchem Maße China in die Wende zu einer grünen Wirtschaft investiert, dann muss man das Land hier sehr ernst nehmen.

Es war kein Zufall, dass man beim letzten Parteikongress von der Ideologie einer "ökologischen Zivilisation" als treibende Kraft für die Entwicklung dieses Landes mit seinen 1,4 Milliarden Menschen sprach. Ja, China wird eines der Länder sein, wo Nachhaltigkeit zunehmend in Wirtschaft und Politik eine zentrale Rolle spielen wird.

China und die USA haben in den letzten Wochen die Klimadebatte stimuliert, indem sie ernsthafte Handlungsabsichten bekanntgaben. Sind wir an einen Wendepunkt gelangt?

Wenn man diese Signale von den beiden Kontrahenten in der Klimadebatte sieht, entdeckt man in der Tat eine bedeutende Veränderung der jeweils internen Position. Das ist die Voraussetzung für eine neue Haltung in den internationalen Verhandlungen. Neben den neuesten Bekanntgaben zeigt aber auch das, was sich in beiden Ländern im Hinblick auf Investitionen in erneuerbare Energien, Mobilität und Energieeffizienz tut, dass eine bedeutende Reorientierung in Richtung kohlenstoffarme Wirtschaft bereits im Gange ist.

Achim Steiner ist ein deutsch-brasilianischer Politiker und Untergeneralsekretär bei den Vereinten Nationen. Derzeit leitet er als Exekutivdirektor das UN-Umweltprogramm. Die erste Sitzung der UNEA findet vom 23. bis 27. Juni in Nairobi statt.

Das Gespräch führte Irene Quaile.