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Kommentar Kirchentag

Christoph Strack4. Mai 2013

Der Kirchentag in Hamburg hat mit rund 120.000 Dauerteilnehmern die Stärke der konfessionellen Großveranstaltungen gezeigt. Allerdings fehlt der Mut zu politischen Kontroversen, meint DW-Redakteur Christoph Strack.

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Gut, dass es auch mal sichtbar Zoff gab. Am Samstag (04.05.2013) bei einem Auftritt des deutschen Verteidigungsministers Thomas de Maizière (CDU) waren auch kritische Sprechchöre und Zwischenrufe zu hören. Den Minister brachte es nicht wirklich aus der Ruhe, er konnte seinen Beitrag bald fortsetzen. Aber der zwischenzeitliche Trubel bot ein wenig Aufregung und Bilder von Streit. Der Evangelische Kirchentag in Hamburg (1. bis 5. Mai) hat damit auch etwas Kontroverses.

Porträt von DW-Redakteur Christoph Strack (Foto: DW)
DW-Redakteur Christoph StrackBild: DW

In früheren Jahren war das deutlicher, da setzten die evangelischen Großtreffen regelrecht Wegzeichen, die die deutsche Politik prägten. Anfang der 1980er Jahre beispielsweise, als es in Hamburg (1981) und Hannover (1983), in tiefsten Zeiten des Kalten Krieges und der Spaltung Europas, spektakuläre Impulse für die Friedensbewegung und für ökologisches Denken gab - lange vor der politischen Etablierung der Grünen-Partei. Oder bei den Kirchentagen zu Zeiten der von Gerhard Schröder (SPD) geführten rot-grünen Bundesregierung, als es im Streit um Sozialreformen und Bundeswehr-Einsätze im Ausland hoch her ging.

Neue Perspektive: Ein Europäischer Kirchentag

In Zeiten der - längst nicht mehr nur wirtschaftlichen - Krise in Europa stand der Hamburger Kirchentag unter dem Motto "Soviel du brauchst". Ein biblisches Wort, das in der Gegenwart zur spannenden Anfrage werden kann in einer reichen Großstadt - gegen Gier und Maßlosigkeit, für gerecht gestaltete Sozialstaatlichkeit. Aber sowohl die Programm-Macher als auch die Besucher verstanden das Wort vorwiegend geistlich. Bei den wenigsten Großveranstaltungen mit Spitzenpolitikern gab es wirklich gewollte Kontroversen mit Kritikern.

Denn der Kirchentag ist ein Forum der Vergewisserung für Glaubende und Suchende in Zeiten der Zweifel - auch oder erst recht in Zeiten der politischen Großkrisen und der globalen Herausforderungen. Damit zieht er - nach wie vor. Rund 120.000 Dauerteilnehmer - also Gäste, die sich für die gesamten fünf Tage angemeldet haben - das spricht für sich. Es gibt schließlich auch andere Entwicklungen. So trauen sich die Veranstalter des Katholikentages, der deutlich weniger Zugkraft hat, kaum mehr in die Großstädte. Zuletzt ging es nach Osnabrück und Mannheim, 2014 folgt Regensburg. Und die Ostermärsche, die vor 20 oder 30 Jahren die Fernsehnachrichten der Feiertage dominierten, zählen heutzutage kaum mehr überhaupt nur erwähnenswerte Teilnehmerzahlen.

Der Kirchentag dagegen zieht nach wie vor Christen zu einem gemeinsamen Stück Weg. Darunter überraschend viel Jugendliche - ein Phänomen. Rund um den Kirchentag in Hamburg waren einige Beobachter unterwegs, um die Möglichkeiten eines internationalen, eines europäischen Kirchentages zu erwägen. Entsprechende Überlegungen, vielleicht auch Träumereien gab es immer mal wieder in den vergangenen Jahrzehnten, sowohl auf Seiten der Evangelischen Kirchentage als auch auf Seiten der - deutlich kleineren - Katholikentage. Doch noch nie hat man die Perspektive der Internationalisierung so konkret ins Auge gefasst. Vielleicht drängt es auch deshalb, weil kundige Redner wie der frühere deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auch vor den Gefahren einer neuen konfessionellen Spaltung im Krisen-Europa warnten.

Laienorganisationen in Deutschland suchen ihresgleichen

Das Nachdenken über eine internationale Form spricht für diese gewaltige Veranstaltungsform. Aber es bedarf keiner großen Phantasie zu der Erkenntnis, dass der Evangelische Kirchentag wie der Katholikentag wohl kaum auf internationale Ebene zu heben sind. Das wird nicht in erster Linie an steigenden Kosten oder längeren Reisewegen liegen. Nein, in keinem anderen europäischen Land außer Deutschland gibt es innerhalb der großen christlichen Glaubensrichtungen wirklich funktionsfähige und handlungsstarke Laienorganisationen, die gesellschaftlich (noch) Gehör finden, Gesellschaft mitgestalten und in der Politik mitreden wollen. Der Evangelische Kirchentag als eigenständige Einrichtung, der die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland mit geprägt hat, kennt kein vergleichbares Pendant in irgendeinem anderen Land. Und auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Ausrichter der Katholikentage müsste da lange suchen.

Das alles spricht gegen eine Internationalisierung. Aber es unterstreicht die Rolle der Großveranstaltungen und ihrer Träger in Deutschland. Aus über 80 Ländern waren Teilnehmer in Hamburg - und selbst im Englischen verwendeten ausländische Gäste wie die Leiterin des UN-Entwicklungsprogramms, Helen Clark, das Wort "Kirchentag". Seltener hörte man den Begriff "Festival".

Mehr Mut zur Kontroverse

Der Hamburger Kirchentag hat die Stärke dieser Veranstaltungsform gezeigt: Vielleicht nicht bei großen politischen Kontroversen, da müssen die Verantwortlichen mehr Streit wagen - aber doch beim Zulauf zu geistlichen Orten, zu den über Jahrzehnte bewährten Bibelarbeiten, zu Gottesdiensten in bunter Vielfalt. Noch knapp ein Drittel der Hamburger gehören einer der großen christlichen Kirchen an. Der Präsident des Kirchentages, Gerhard Robbers, stellte eine andere Statistik daneben: Etwa 50 Prozent der Hamburger bezeichneten sich als Christen. Man könne vielleicht im Ärger aus der Kirche austreten, aber doch nicht aus der Suche nach Sinn oder Glück, aus Zweifel und Glaubenssehnsucht.

Davon werden gewiss Impulse in Hamburg bleiben und mit den abreisenden Teilnehmern in viele Kirchengemeinden bundesweit reisen. "Der Kirchentag endet nicht am Sonntag", sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). "Der Geist, den die vielen, die da gekommen sind, mitgebracht haben, wird noch lange durch die Straßen wehen." Das ist die eine Seite der Nachhaltigkeit, die die Gemeinden und die evangelische Kirche brauchen. Wenn denn beim nächsten Mal der Kirchentag wieder so engagiert und streitend wie in früheren Jahren ein politisches Thema auf der Agenda pusht, dass es für Monate im Blick bleibt, dann ist auch wieder die nachhaltige Bedeutung der fromm-fröhlichen Kirchentage offensichtlicher.