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Firmenchefs für den Klimaschutz

20. September 2019

Mehrere deutsche Unternehmerinitiativen machen der Politik Druck für mehr Klimaschutz und geloben, selbst besser zu werden. Ist das nur Greenwashing oder steckt ehrliche Absicht dahinter?

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Demonstration für Klimaschutz
Bild: Entrepreneurs for Future

Als an diesem Freitag das Klima-Kabinett der Bundesregierung tagte und die Schüler fürs Klima in Streik traten, schlossen auch rund 2500 Unternehmer ihre Betriebe, Büros, Läden und Online-Shops und gaben ihren Mitarbeitern für die Demos frei. Die Initiative "Entrepreneurs for Future" (EFF) versteht sich als Gruppe von Unternehmen, die heute schon mit ihren Produkten und Dienstleistungen aktiv zum Klimaschutz beitragen. Sie fordern eine wirksame und planbar steigende CO2-Bepreisung für alle Sektoren, eine beschleunigte Energie-, Agrar- und Mobilitätswende, eine echte Kreislaufwirtschaft, die Abschaffung klimaschädlicher Subventionen, ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz und einen Innovationsfonds.

Unter den Unterzeichnern finden sich Fahrradhersteller, Biobauern und Erneuerbare-Energie-Produzenten. Die Initiatoren kommen zwar aus der Ökobranche, aber es können sich alle aktiven Unternehmer, Gründer und Freiberufler anschließen, die sich mit der Bewegung identifizieren. Um möglichst auch "ungewöhnliche Akteure ins Boot zu holen", suchen die regionalen EFF-Gruppen Verbündete bei den Industrie- und Handelskammern und anderen Netzwerken.

In zwei Jahren klimaneutral werden

Etwa bei den "Leaders for climate action". Mehr als 100 deutsche Digitalunternehmer haben Ende August einen "Green Pledge" unterzeichnet. Das Versprechen gilt sowohl auf persönlicher als auch auf unternehmerischer Ebene. Die Chefs von Telekom, Zalando, Flixbus, Mister Spex, dem Wagniskapitalgeber Earlybird und viele andere verpflichten sich, den CO2-Fußabdruck zu berechnen und innerhalb der nächsten zwei Jahre schrittweise zu verkleinern. Die Digitalisierung soll dabei helfen. Was sich nicht reduzieren lässt, soll durch zertifizierte Ausgleichsmaßnahmen vollständig kompensiert werden.

Diese Umsetzung werde geprüft, damit man sich nicht bloß einfach ein grünes Image verschaffen kann, versichert Doreen Rietentiet von der Agentur DWR eco als Sprecherin der Initiative. "Wenn sie die Versprechen nicht erfüllen, etwa die Inlandsflüge einzustellen, würden sie auch ihre Glaubwürdigkeit gegenüber ihren Mitarbeitern verlieren". Das Problem, meint Rietentiet, seien ohnehin die DAX-Konzerne, die das meiste CO2 in die Luft pusteten. Deren Ausstoß ist 2018 entweder nur geringfügig gesunken oder sogar kräftig gestiegen: Die Effizienzanstrengungen wurden vom Wirtschaftswachstum aufgefressen. "Deshalb fordern wir einen Preis für das Klimagas."

Klimaschutz zum neuen Geschäftsmodell machen

Aber das verlangen inzwischen sogar Konzerne aus der Auto,- Bau-, Chemie- und Metallindustrie. Die Stiftung 2 Grad hat am 9. September ein Positionspapier vorgelegt, in das die Expertise von über 30 Großunternehmen eingeflossen ist. Es sind laut Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung, die Teile der Wirtschaft, die vor enormen Herausforderungen stünden und Milliarden investieren müssten, um das Ruder herumzureißen. Aufgeschlüsselt nach den Sektoren Gebäude, Verkehr und Industrie, führen sie Maßnahmen auf, die die Sanierungsquote des Bestands erhöhen, die Elektromobilität anschieben, die Schiene stärken und innovativen Technologien in der industriellen Produktion zum Erfolg verhelfen sollen. Von der öffentlichen Hand erwarten die Unternehmen, dass sie Anreize schafft und mit gutem Beispiel vorangeht. "Klimaschutz muss schnell zum Geschäftsmodell werden", sagt Nallinger.

Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2 Grad
Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2 GradBild: picture-alliance/dpa/A. Gebert

Die Stiftung 2 Grad ist die älteste deutsche Wirtschaftsinitiative gegen die Erderwärmung: Sie wurde von den Vorstandsvorsitzenden und Inhabern einer Reihe namhafter Unternehmen ins Leben gerufen und kann sich gut Gehör bei der Politik verschaffen. Sie pflegt auch den Kontakt zur Wissenschaft, zu Nichtregierungsorganisationen und den eher mittelständisch geprägten Initiativen wie EFF und den "Leaders for climate action".

Vorreiter ihrer Branche

Das persönliche Engagement der Firmenchefs ist Voraussetzung für die Mitgliedschaft, so Sabine Nallinger. Die Förderer würden einer Einzelprüfung unterzogen: "Wir schauen uns das Unternehmen und die Personen an und vergleichen mit den Unternehmen der gleichen Branche." Der Kreuzfahrtanbieter Aida wurde zum Beispiel aufgenommen, weil er als erster vom Schweröl als Treibstoff wegzukommen versuche: "Aida mischt gerade die Schifffahrtsbranche auf." Auch ein eher für seinen Preiskrieg auf Kosten der Bauern bekannter Discounter gehört zu den "2 Grad"-Förderern. Aldi Süd wirtschaftet nach eigenen Angaben bereits klimaneutral: An den Filialen werden Photovoltaikanlagen und Elektro-Ladesäulen installiert, die Läden und die Logistik wurden auf Energieeffizienz getrimmt. Man kompensiere das Rest-CO2 und dränge auch die Lieferanten dazu, die Emissionen zu erfassen.

"Grundsätzlich ist es gut, dass Unternehmen bei solchen Initiativen mitmachen. Sie stellen sich öffentlich dar und werden dadurch angreifbar: Man wird sie an ihren eigenen Kriterien messen", sagt Susanne Blazejewski, die an der Alanus Hochschule über nachhaltige Organisations- und Arbeitsplatzgestaltung forscht. "Das hat neben der CO2-Senkung auch andere Effekte: innerhalb der Organisation auf das Thema aufmerksam machen, die Mitarbeiter ins Boot holen".  Selbst knallharte Ökopioniere könnten immer noch besser werden, so die Expertin. Aber gerade bei Unternehmen, die bisher nur wenig nachhaltig wirtschaften, würden firmenintern positive Effekte ausgelöst. Susanne Blazejewski: "Es sind kleine Bausteine, an die man andocken kann. Wenn Aldi Ladesäulen aufstellt, werden die Mitarbeitenden vielleicht auch bald Dienst-Bikes und Bioessen in der Kantine einfordern."