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"Es gibt immer einen Weg zum Studium!"

12. Juli 2010

Wer keine studierten Eltern hat, kommt auch selbst oft nicht auf die Idee, an die Uni zu gehen. Die Initiative ArbeiterKind.de will Schülern Mut machen, sich für ein Studium zu entscheiden.

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Tür zur Bibliothek der Universität Bonn (Foto: Volker Lannert / Universität Bonn)
Offen für alle ...Bild: Volker Lannert / Universität Bonn


Knapp 140.000 junge Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund studieren an deutschen Hochschulen. Das sind gerade mal acht Prozent aller Studierenden. Der jüngste Integrationsbericht der Bundesregierung bestätigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund deutlich schlechtere Schulabschlüsse machen als die gleichaltrigen Mitschüler.

Doch nicht nur Schüler mit Migrationshintergrund, sondern auch Arbeiterkinder oder Kinder aus dem bäuerlich-ländlichen Umfeld können oft von ihrem Familien nicht entsprechend unterstützt werden, wenn es darum geht, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Seit zwei Jahren gibt es deshalb die Initiative ArbeiterKind.de, die genau solchen Schülern helfen will, den Schritt an die Universität trotzdem zu wagen. Gegründet wurde die Initiative von Katja Urbatsch, die selbst aus einer Familie stammt, in der sie zur ersten Generation gehört, die studiert.


DW-WORLD.DE: Frau Urbatsch, ich frage mal etwas ketzerisch: Braucht man in Deutschland so einen Verein, wo sich doch die Politiker alle Mühe geben und das Wort "Chancengleichheit" immer ganz groß auf ihre Fahnen schreiben?

Katja Urbatsch, Gründerin der Initiative ArbeiterKind.de (Foto: Gerd Scheffler)
Katja UrbatschBild: Gerd Scheffler

Katja Urbatsch: Ja, den brauchen wir auf jeden Fall, denn eigentlich wissen viele Politiker, dass wir Chancengleichheit in Deutschland noch nicht erreicht haben. Die Pisa-Studien zeigen ja auch, dass in fast keinem OECD-Land die Chancen so schlecht sind wie in Deutschland und dass es sehr stark vom Bildungshintergrund abhängt, ob man in Deutschland erfolgreich ist und aufsteigen kann.

Wie sind Sie selbst dazu gekommen, so einen Verein zu gründen?

Ich bin selber die erste in meiner Familie, die einen Studienabschluss erreicht hat und kenne eben aus eigener Erfahrung die Probleme, die damit zusammenhängen, wenn man das versucht. Irgendwann war ich dann so weit, dass ich dachte, jetzt habe ich verstanden, wie das funktioniert, und jetzt möchte ich gern anderen helfen. Diese Internetseite ist natürlich auch ein Weg, möglichst viele zu erreichen und ihnen die Informationen zukommen zu lassen, die ihnen helfen.

Nun gibt es ja diejenigen, die ihre Begabung vielleicht überhaupt noch nicht entdeckt haben und die erst mal überhaupt dazu gebracht werden müssen, als Schüler schon ihre Fähigkeiten zu entdecken – aber es gibt durchaus auch die, die ihre Fähigkeiten schon entdeckt haben, die auch das Abitur machen, aber trotzdem den Schritt in die Welt der Akademiker nicht wagen. Was macht es denen denn so schwer?

Erstmal muss man natürlich auch auf die Idee kommen, dass man studieren kann, dass das wirklich eine Option ist. Wenn man aus einer Familie kommt, in der noch keiner studiert hat, kommt man häufig gar nicht auf die Idee. Man ist immer von Leuten umgeben, die von ihrer Ausbildung erzählen, von ihrem Beruf, und dann hat man auch keine Vorbilder. Deswegen gehen wir ja zum Beispiel auch in die Schulen, mit Studenten, Doktoranden und Berufstätigen, um dort auch zu zeigen, was man alles machen kann, was es noch so für eine Welt gibt; zu zeigen, dass man studieren und hinterher auch sehr erfolgreich sein kann. Man muss also erstmal auf die Idee kommen. Im zweiten Schritt kommen dann die Probleme wie zum Beispiel die Finanzierung.

Schülerinnen und Schüler schreiben in einer nachgestellten Klausursituation ihre Abiturprüfung (Foto: dpa)
Abitur - und dann? Ein Studium ist auch für Arbeiterkinder eine Option, meint Katja Urbatsch.Bild: picture-alliance/ dpa

Ist die Finanzierung dann tatsächlich das Hauptproblem oder geht es eher darum, den Schritt zu wagen?

Ich glaube, es ist beides. Aber oft ist es natürlich so, dass man sagt, die Studienfinanzierung ist so schwer, das hält mich jetzt schon ab, da brauche ich mich mit dem Rest gar nicht mehr auseinander zu setzen. Und das ist dann häufig ein Totschlagargument: Es ist sowieso zu teuer, das können wir uns nicht leisten, also brauchen wir uns gar nicht damit zu beschäftigen. Und da wollen wir eben sagen: Doch, es lohnt sich, sich damit zu beschäftigen, denn es gibt viele Möglichkeiten, ein Studium zu finanzieren. Es ist nicht einfach, und natürlich haben wir auch nicht die Lösung, aber BAföG, Stipendien, das sind doch alles Optionen, die auch viele erreichen können.

Wenn wir mal von der "Gefühlslage" ausgehen: Wie ist das denn, wenn jemand aus einem Milieu kommt, das eben nicht durch Akademiker besetzt ist, in dem mehr über Berufe und Berufsausbildung geredet wird? Wenn man dann trotzdem den Schritt wagt und an der Universität ist – wird man da gut eingebettet?

Für viele ist das, glaube ich, ein fremdes Terrain. Mir ging das auch so, dass ich mich am Anfang nicht so wohl gefühlt habe bzw. mich erst einmal zurechtfinden musste, mit der Sprache, mit den Umgangsweisen. Und auch mit den Kommilitonen, die viele Dinge schon wussten von zu Hause, die auch sehr selbstbewusst aufgetreten sind, für die das eine Selbstverständlichkeit war zu studieren. Das war ein Problem, das ich entdeckt habe: dass ich mich manchmal ein bisschen verloren gefühlt habe, dass ich mir nichts zugetraut habe, dass ich mich am Anfang nicht getraut habe, im Seminar überhaupt etwas zu sagen. Ich glaube, das spielt schon eine große Rolle, dass man am Anfang das Gefühl hat, man ist da ein bisschen fremd und muss sich erst einmal einfinden.

Als Verein helfen Sie, zunächst einmal das Info-Defizit zu bewältigen, indem Sie in Schulen gehen und dort informieren, wie es möglich ist. Helfen Sie dann auch denen, die den Schritt wagen? Begleiten Sie die ein bisschen weiter?

Studierende der Universität Bonn (Foto: Frank Homann / Universität Bonn)
Schöne neue Uni-Welt: In Bonn helfen erfahrene Studierende ihren Kommilitonen.Bild: Frank Homann / Universität Bonn

Genau das ist eigentlich unser Ziel. In die Schulen gehen wir, um überhaupt aufmerksam zu machen und zu werben für die Option Studium, um Vorbilder zu zeigen, Leute, die auch einmal dachten, sie schafften das nicht, und jetzt haben sie vielleicht sogar ein Stipendium bekommen. Das ist aber nur der erste Schritt. Im zweiten Schritt möchten wir dann die, die diesen Schritt wagen, individuell unterstützen. Zum Beispiel bei der Fachwahl: Vielleicht möchten sie sich ja mal mit jemandem unterhalten, der Ingenieurwissenschaften studiert hat, um zu erfahren, ob das etwas für sie wäre. Oder vielleicht möchten sie sich informieren über Finanzierungsmöglichkeiten – auch da betreuen wir individuell und bieten Ansprechpartner an.

Wird der Verein von anderer Seite unterstützt?

Wir haben viele ehrenamtliche Mentoren, die uns unterstützen, und natürlich arbeiten wir auch mit Studienberatungen zusammen. Wir können ja auch nicht alle Fragen beantworten, aber wir haben viele tolle Partner, an die wir dann weiter verweisen können. Das Problem ist, dass Schüler eine große Hemmschwelle empfinden, zu anderen Beratungsstellen zu gehen. Viele wissen zum Beispiel auch gar nicht, dass man schon als Schüler an die Uni gehen kann, um sich beraten zu lassen. Und da möchten wir eben auch Mut machen, da begleiten wir und stellen auch Kontakte her.

Wenn nun jemand Ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte oder Fragen hat, wohin kann er sich wenden?

Der erste Anlaufpunkt ist unsere Website arbeiterkind.de. Man kann uns auch einfach eine E-Mail schreiben oder uns in unserem Gießener Büro anrufen. Oder man kann sich in unserem Netzwerk im Internet anmelden, dort findet man alle Ortsgruppen und alle Mentoren aus dem In- und Ausland, die man ansprechen kann.


Das Gespräch führte Gaby Reucher
Redaktion: Claudia Unseld