1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Blinde im Netz

Silke Wünsch28. Mai 2012

Wie nutzen blinde Menschen eigentlich das Internet? Für Programmierer von Webseiten ist "Barrierefreiheit" zwar kein Fremdwort, doch viele Behinderte stoßen im weltweiten Netz schnell an Grenzen.

https://p.dw.com/p/150Ng
Lesen mit Brailledisplay am Computer für Blinde © Lisa F. Young - Fotolia.com
Bild: Fotolia/Lisa F. Young

Matthias Klaus sitzt vor seinem Bildschirm, seine Hände wandern über die Tastatur, er sucht einen Artikel auf einem Nachrichtenportal. Aus den Lautsprechern vor ihm kommt eine Stimme, die ihm vorliest, was gerade auf dem Monitor stattfindet. Matthias Klaus ist seit vielen Jahren Musikredakteur der Deutschen Welle - und er ist blind. Er ist selbstbewusst, macht trotz seiner Blindheit Dienstreisen, zum Beispiel zum alljährlichen Folkfestival in Rudolstadt, zu Worldmusic-Festivals in ganz Europa oder, ganz aktuell, zum Eurovision Song Contest in Baku. Wenn er gegen einen Stuhl läuft, den jemand dummerweise in den Weg gestellt hat, dann flucht er - einen hilflosen Eindruck macht der Mittvierziger nicht.

Er gehört zu den knapp neun Millionen Menschen in Deutschland, die eine "anerkannte" Behinderung haben. Die meisten von ihnen nutzen das Netz, dank vieler verschiedener Spezialtechniken und dem Knowhow der Programmierer.

Unfreiwillige Komik

Matthias Klaus recherchiert, wie alle seine Kollegen, im Internet. Eine sogenannte Screenreader-Software übersetzt die Scripte, die sich hinter den Darstellungen verbergen. Der Bildschirminhalt wird von einem Sprachcomputer vorgelesen oder in Punktschrift auf einer Braillezeile ausgegeben - ein zusätzliches Pad mit Blindenschrift, das zusammen mit einer normalen Tatstatur vor dem Nutzer auf dem Tisch liegt. Hier wird der Inhalt der Webseite noch mal in der Blindenschrift wiedergegeben, das heißt: kleine Knöpfchen bewegen sich auf der Zeile auf und ab, und so kann man die Inhalte der Webseite mit den Fingerspitzen ertasten.

Foto von DW-Mitarbeiter Matthias Klaus.
Matthias KlausBild: DW

Viel interessanter ist jedoch die Sprachausgabe - sie hat in den letzten Jahren mächtige Fortschritte gemacht. War es früher ein metallisch und eintönig klingendes Gebrabbel wie in einem alten Science Fiction-Film, so werden heute die Stimmen echter Sprecher verwendet, die eine Melodie haben und tatsächlich ganz angenehm klingen.

"Bei mir sind die Sprecher Steffi und Yannick", erzählt Matthias Klaus und lässt eine Stimmprobe hören. Direkt gibt es einen Lacher, als Yannick "Fatzeboook" statt "Facebook" sagt. "Er ist natürlich nur eine dumme Maschine und macht eine Menge Fehler, die eine dumme Maschine eben macht, weil sie den Text nicht interpretiert, sondern nur liest."

Flash-Animationen existieren für Blinde nicht

Insgesamt aber, so findet Matthias Klaus, sei das schon eine gute Erfindung, auch wenn die Sprachausgabe manchmal Blödsinn rede. "Früher musste man sich Bücher oder Zeitungen vorlesen lassen, jetzt geht das alles ohne Hilfe." Seit gut 20 Jahren sei er im Netz unterwegs, erzählt er. Damals, Anfang bis Mitte der 90er, sei das Internet eher textlastig gewesen - kein Problem für ihn also. "Dann aber kamen die Java-Scripte. Da wurden Dinge auf dem Bildschirm erzeugt, die sich mit den damaligen Leseprogrammen nicht mehr darstellen ließen. Und Flash war die nächste Katastrophe, da musste lange nachgearbeitet werden, bis wir das lesen konnten." So müssen Programmierer die Flash-Animationen mit ausführlichen gut beschreibenden Texten versehen, sonst sind diese Sachen für Blinde einfach nicht da.

Eine große Hilfe ist es, wenn Links, Schalter oder Buttons beschriftet sind. Dann könne man zum Beispiel auch mit den Videos auf Youtube etwas anfangen, meint Matthias Klaus. Start, Stopp, Pause und die Zeitangabe sind dann auch für ihn sichtbar. So kann auch er sich die Videos "anschauen" - was übrigens nichts Besonderes ist, Blinde sitzen auch vorm Fernseher oder gehen ins Kino.

"Programmierer dürfen es eben nur nicht vergessen, manchmal haben sie es eilig und nehmen es nicht so genau mit der Beschriftung", meint er, "aber viele Webseiten weisen darauf hin, dass man auf Barrierefreiheit achten muss." Immerhin ist Barrierefreiheit ein Begriff, der im Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen eine zentrale Rolle spielt. Das Gesetz ist seit genau zehn Jahren in Kraft (1. Mai 2002) und hat in vielen öffentlichen Gebäuden für bauliche Veränderungen gesorgt. Genauso gilt diese Regel auch für die Medien und damit auch für das Internet.

Mann sitzt am Computer mit Braille-Tastatur (ddp images/AP Photo/Greg Wahl-Stephens)
Was auf dem Monitor abgebildet ist, gibt die Braille-Zeile wieder.Bild: AP

Facebook ist das Gegenteil von barrierefrei

So können blinde Menschen wie Matthias Klaus mit Seiten, die vielleicht schick aussehen, weil sie viele Animationen und Videos enthalten, nicht viel anfangen. Gut funktionieren Seiten wie "Spiegel Online", aber auch die Google-Suche ist hervorragend für Blinde umgesetzt. "Bei Google kann man mit einer Taste von Suchergebnis zu Suchergebnis springen. Das gibt's bei anderen Suchmaschinen nicht. Da muss man jede Zeile lesen und auch den Kram, der einen nicht interessiert."

Ganz schlimm sei übrigens Facebook. Die Web-Ausgabe könne man überhaupt nicht lesen, da sei "viel zuviel Werbung und anderer Quatsch", mit dem Blinde nichts anfangen können. Deswegen, so Matthias Klaus, mögen die meisten Blinden Facebook nicht. "Wenn ich mal bei Facebook bin, dann nutze ich die mobile Seite, also die für Handys, da steht einfach viel weniger drauf."

Und überhaupt: "Wenn einer meint, er müsse jetzt hundert blinden Freunden ein Bild zeigen, dann soll er doch lieber eine Geschichte erzählen und kein Bild posten. Wir kriegen im wirklichen Leben ja auch keine Bilder gezeigt, warum auch?"

Um mit Freunden in Kontakt zu bleiben, sind soziale Netzwerke also weniger interessant. Matthias Klaus schwört auf die gute alte Mailingliste: Einer schreibt etwas und alle anderen können es lesen und drauf antworten, was dann auch wieder alle lesen können. "Das ist nichts anderes als Facebook, aber man kann es eben lesen."