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China

Das Massaker vom 4. Juni 1989 war kein Ausrutscher

Am 4. Juni hat die DW eine Kolumne von Frank Sieren veröffentlicht. Diese hat Kritik bei Chinesen hervorgerufen. Chang Ping setzt sich mit dem Text Sierens auseinander. Frank Sieren wird demnächst antworten.

Frank Sieren schreibt im Teaser seines Textes: "Wir werden wohl niemals erfahren, was sich wirklich vor 25 Jahren in Peking zugetragen hat", und behauptet "Niemandem ist geholfen, wenn im Westen die Ereignisse einseitig überzeichnet werden. Das ist ebenso verwerflich wie das Schweigen der chinesischen Regierung zu 1989." Er fordert "eine realistische und faire Betrachtung des 4. Juni".

Selbst die chinesischen Kommunisten haben nie geleugnet, dass die Armee mit Panzern in den Straßen Pekings unschuldige und friedlich demonstrierende Menschen getötet hat. Die internationalen Medien einschließlich der DW, die chinesischen Medien inklusive des Parteisprachrohres "Peoples Daily" und die Memoiren von früheren Parteiführern wie Zhao Ziyang, Li Peng und Chen Xitong (1989 Parteichef von Peking) haben dafür unzählige Beweise und Mosaiksteine geliefert. Abgesehen davon sind Augenzeugen wie die "Tiananmen Mütter", die Studentenführer von damals und die Teilnehmer der Demonstrationen größtenteils noch am Leben und streben seit 25 Jahren unermüdlich nach Gerechtigkeit.

Recherche und Aufklärung werden behindert

Die Menschen wollen die Wahrheit. Nicht, weil sie nicht wissen "was passiert ist", sondern weil sie gegen die Verfälschung der Geschichte sind und die Erinnerung nicht verblassen lassen wollen. Genau diese informationelle Unnahbarkeit des 4. Juni ist das Ziel der Mörder. Das ist der Grund, warum seit 25 Jahren jeweils unmittelbar vor dem 4. Juni die Sicherheitsmaßnahmen extrem verschärft und viele Kritiker verhaftet oder unter Hausarrest gestellt werden. Medien werden mundtot gemacht. Das Internet wird scharf kontrolliert. Sogar Wortspiele mit dem Datum 4. Juni werden gelöscht. Gleichzeitig wächst die wirtschaftliche Macht der KP Chinas unaufhaltsam, so dass manche internationale Medien angefangen haben, in ihrer China-Berichterstattung Selbstzensur zu üben.

Chinesischer Journalist Chang Ping

Der chinesische Journalist Chang Ping

Wer unter diesen Umständen die Leiden der "Tiananmen Mütter", die nicht mal ihrer Kinder gedenken dürfen, die Leiden derer, die wegen ihrer demokratischen Ideale ins Exil gezwungen wurden, und auch die Leiden des chinesischen Volkes, das ständig in Lüge und Angst leben muss, ignoriert, einseitig die Berichterstattung der westlichen Medien über den 4. Juni als ungenau kritisiert und das kommunistische Regime in Schutz nimmt, der soll sich nicht darüber wundern, dass diese Äußerungen Empörung und Protest provozieren.

In den vergangenen 25 Jahren gab es zahlreiche westliche Journalisten, die versucht haben, die Wahrheit aufzudecken und Schikanen, Hindernisse, Störungen, Bedrohungen, Schläge und sogar Haft hierbei erdulden mussten. So ist auch ungenaue Berichterstattung schlicht das Ergebnis der Informationssperre seitens der chinesischen Regierung.

Die KP Chinas ist ein Serientäter

Es ist für die Kritiker inakzeptabel, dass Frank Sieren einerseits behauptet, wir könnten die Wahrheit nie erfahren, aber verlangt, dass man nach westlichen Vorstellungen von Justiz und Gerechtigkeit zwischen Ausrutschern und geplanten Aktionen, zwischen Einzeltat und Serientat unterscheidet und insbesondere eine kollektive Verurteilung vermeidet. Andererseits zieht er einen Schlussstrich unter die Ereignisse von 1989, als wäre er allwissend: "Und tatsächlich: 1989 blieb ein Ausrutscher in der neueren chinesischen Geschichte."

Solche Behauptungen sind offensichtlich auf Unkenntnis der neueren chinesischen Geschichte zurückzuführen. Von der Anti-Rechts-Bewegung und der Kulturrevolution über den 4. Juni bis zur heutigen "Stabilität" hat die Herrschaft der KP Chinas eine systematische Kontinuität. Kürzlich hat selbst Xi Jinping betont, man dürfe die ersten 30 Jahre der Volksrepublik weder von den jüngsten 30 Jahren trennen, noch ihnen gegenüber stellen. In der über 60-jährigen Herrschaft gab es ständig von Menschen verursachte Katastrophen. Die chinesischen Behörden geben offiziell zu, dass mehrere dutzend Millionen Menschen eines "unnatürlichen Todes" gestorben sind. Keine dieser Katastrophen ist ein "Ausrutscher", sondern das logische Resultat der unbegrenzten Macht der KP. Es ist eine Tradition innerhalb der KP, Kritiker zu vernichten. Das Massaker vom 4. Juni ist nur eine dieser von Menschen gemachten Katastrophen. Hier hat man anscheinend die Denkweise der KP übernommen, die ja auch die Kulturrevolution lediglich als einen Ausrutscher Mao Zedongs in seinen späten Jahren darstellt. Diese Denkweise ist jedoch mittlerweile überholt.

An anderer Stelle zitiert Frank Sieren die Memoiren des DDR-Funktionärs Günter Schabowski und stellt Jiang Zemin und Deng Xiaoping als sehr reumütig dar: "Dieses Eingeständnis von Schwäche hat Schabowski sehr beeindruckt". "Jiang Zemin hat die Demonstranten nicht als Konterrevolutionäre bezeichnet, sondern als verwirrte Studenten." Sieren zitiert auch den selbsternannten guten Freund von Deng Xiaoping, Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der schon mehrfach die Niederschlagung der Demokratiebewegung gerechtfertigt hat. "Deng Xiaoping hat bei Schmidt nicht den Eindruck hinterlassen, dass er das Gleiche noch einmal tun würde. Was ihn am meisten interessierte, war, wie man China wieder auf den Weg der Öffnung bringen kann." Das entspricht offensichtlich nicht der Realität, denn das Regime unterdrückt Dissidenten weiterhin auf brutale Weise.

Verfälschung der Geschichte

Frank Sieren hat nicht nur die chinesische Geschichte verfälscht, sondern auch die deutsche Einigung eigenartig interpretiert. Tatsache ist, dass das Massaker am 4. Juni die Welt schockiert hat. Dadurch hat das Volk der DDR noch mehr über das Wesen der kommunistischen Diktatur verstanden. Die chinesischen Studenten und Demonstranten haben sehr viel zu der Wende in der Sowjetunion, in Osteuropa und dem Ende des Kalten Krieges beigetragen. Aber in besagtem Artikel hat Deutschland die friedliche Wiedervereinigung im Wesentlichen der Haltung der Funktionäre der ehemaligen DDR und der chinesischen Führung zu verdanken. "Die Tonlage von Jiang hatte Folgen für den deutsch-deutschen Vereinigungsprozess, die man nicht unterschätzen sollte." Aus meiner Sicht ist das grob unfair gegenüber den damals unter Lebensgefahr demonstrierenden Menschen in der ehemaligen DDR.

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