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Deutschland

Das lange Warten auf den Einsatz

Seit fünf Jahren gehört Sabrina Vernay zur Deutsch-Französischen Brigade. Auf einen Auslandseinsatz mit ihren deutschen Kameraden wartet die Französin bislang vergebens. Die Politiker in Berlin und Paris zögern.

Wenn Sabrina Vernay und ihre Kameraden etwas gar nicht gerne hören, dann das Unwort vom "Übungsweltmeister". Und es passt auch nicht zu einer Einheit, die sich selbst das Motto "dem Besten verpflichtet" gegeben hat. Und doch können die Soldaten aus Deutschland und Frankreich auch mehr als 20 Jahre nach Gründung des Verbandes immer noch nicht im Einsatz demonstrieren, was sie am besten können müssten: die binationale Zusammenarbeit. "Natürlich wollen wir zusammen in den Einsatz. Es gibt nichts Frustrierenderes, als wenn man zusammen übt und dann im Auslandseinsatz an zwei verschiedene Orte geschickt wird", sagt die Chefin der Stabskompanie der Deutsch-Französischen Brigade in Müllheim südlich von Freiburg. Und doch weiß auch Vernay, dass es da diese komplizierte Sache mit den Bundeswehr-Fahrzeugen gibt. Um nur ein Beispiel zu nennen. Aber dazu später.

Staatspräsident Hollande nimmt seine erste Parade zum 14. Juli ab (Foto:Jacques Brinon, Pool/AP/dapd)

Auch auf den Champs-Elysées ist die Brigade regelmäßig dabei

In Müllheim zählt die junge Französin aus Saint-Etienne bei Lyon zu den alten Hasen. Seit 2007 ist sie in Deutschland stationiert, führt derzeit als Kompaniechefin ein großes Team aus deutschen und französischen Soldaten. Die Befehle gibt sie mal auf Deutsch, mal auf Französisch. "Die Politik der Brigade ist: Jeder kann sich in seiner Sprache ausdrücken und soll den anderen in dessen Sprache verstehen." Für die frühere Germanistikstudentin kein Problem, für die meisten Offiziere in ihrer Einheit auch nicht. Und für die einfachen Soldaten wird dann schließlich übersetzt. Es sieht nicht so aus,  als wäre das im Alltag ein großes Problem.

"Eine binationale Mission - das wäre klasse!"

Nur bei Auslandseinsätzen ist plötzlich alles anders. Da kocht jede Nation wieder ihr eigenes Süppchen, wurden deutsche Soldaten der Brigade in Afghanistan in den Norden und ihre französischen Kameraden in den Osten geschickt. Dabei üben sie seit mehr als zwei Jahrzehnten, wie eine binationale Truppe auch in kniffligen Situationen bestehen kann.

Zweifel an diesem Konzept gab es zu Beginn dieses weltweit einzigartigen Experiments, auf das sich Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatspräsident François Mitterrand Ende der 1980er Jahre verständigt haben, durchaus. Die Praxis hat sie - so sieht es die junge Französin - widerlegt. Dabei hört es sich auf den ersten Blick kompliziert an, wie das System Deutsch-Französische Brigade funktioniert. Die Führungspositionen werden stets im Wechsel einem Franzosen und danach einem Deutschen anvertraut. Keine Nation soll den Verband dominieren. Auch die Ausrüstung ist mühsam austariert.  Beispiel Barett: Die marineblaue Farbe der Kopfbedeckung der Soldaten folgt französischer Tradition, Form und Trageweise des Barettabzeichen sind deutsch. Erfahrungen mit den unterschiedlichen Kulturen beider Länder erleichtern dabei den Kasernenalltag.

Hauptmann Sabrina Vernay von der Stabskompanie der Deutsch-Französischen Brigade in Müllheim (Baden).(Foto: Andreas Noll)

Gemischter Stab: Sabrina Vernay arbeitet in Müllheim mit Deutschen und Franzosen zusammen

An den Nationalfeiertagen organisieren sie Kohäsionstage

Sabrina Vernay ist schon früh mit der deutschen Kultur in Berührung gekommen. Schon in der Grundschule hatte sie ein Lehrer für das Nachbarland begeistert. Es folgten Au-Pair-Aufenthalt in Innsbruck, Studien-Semester in Wuppertal und Praktikum in Saarbrücken. Entsprechend konsequent war für die heute 31-Jährige der Weg zur Brigade. Dass bei allen unterschiedlichen Äußerlichkeiten die Soldaten in beiden Ländern gleich ticken, davon ist sie heute fest überzeugt. "Es zählt die Mission: in Deutschland und in Frankreich."

Unterschiede gibt es vor allem beim Blick in die Vergangenheit. Französische Soldaten in Müllheim - das waren in der Nachkriegszeit zunächst Besatzungstruppen. Mit eigener Infrastruktur und wenig Kontakt zur Bevölkerung. Heute ist das anders: Man pflegt Städtepartnerschaften, entsendet Abordnungen für Gedenktage und präsentiert sich als Teil der lokalen Gemeinschaft. Nur das alte Viertel mit den Wohnungen für die ausländischen Soldaten ist geblieben - allerdings längst gemischt national belegt. Auch Sabrina Vernay wohnt hier: "Wenn ich nach Übungen wieder die Brücke von Müllheim vor mir sehe, weiß ich: ich bin wieder zu Hause." Und was nimmt sie mit von ihren deutschen Kameraden, wenn sie 2014 den Verband wieder Richtung Frankreich verlassen muss?

"Politische Bildung" zum Beispiel - ein deutsches Wort, das in Müllheim längst Eingang gefunden hat in die Sprache der Franzosen. Den bei der Bundeswehr obligatorischen Unterricht für die Staatsbürger gibt es in Frankreich in dieser Form nicht. Dabei wäre er, meint Vernay, nötiger denn je. "Wenn man mit jungen Soldaten aus Frankreich über den 11. November (Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg) spricht, wissen sie oft nicht, ob das im Ersten oder Zweiten Weltkrieg war." In der Brigade werden solche Wissenslücken in der Regel aber schnell gefüllt. Wann immer das eine oder andere Land seine Nationalfeiertage begeht, organisieren sie in Müllheim so genannte Kohäsionstage. Das können gemeinsame Sportveranstaltungen, Besuche von Kriegsgräbern in der Region sein oder ein gemeinsames Essen.

Franzosen im Kasino, Deutsche in der Truppenküche: "Weil es so praktisch ist"

ARCHIV - Soldaten der deutsch-französischen Brigade marschieren im Gleichschritt in der Robert- Schuman-Kaserne im badischen Müllheim (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) nach ihrer feierlichen Verabschiedung nach Afghanistan (Archivbild vom 28.06.2004). 20 Jahre nach dem Beschluss zur Gründung der deutsch-französischen Brigade, wird sie im kommenden Jahr den Kern der schnellen Eingreiftruppe der Europäischen Union stellen. Archivfoto: Rolf Haid dpa (Zu dpa-Gespräch Im Gleichschritt zur Völkerverstädigung) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Gleiche Einsatzregeln für alle? Soldaten der Brigade

Wem der deutsch-französische Kosmos irgendwann auf die Nerven geht, auch für den gibt es eine Lösung. Im edlen Kasino der Brigade, etwas außerhalb der Kasernenanlage, sind die Franzosen unter sich. Theoretisch ist das historische Gebäude zwar für Offiziere beider Länder geöffnet, aber in der Praxis setzen die Deutschen auf die Sättigungsbeilagen in der Truppenküche, während die Franzosen ihre Mittagspause bei Rotwein und Mehrgängemenü genießen. Dann ist auch Zeit, um etwas grundsätzlicher über die Zukunft nachzudenken. Zum Beispiel darüber, wie lange es wohl noch dauert, bis die Juristen die letzten Hürden für gemeinsame Missionen aus dem Weg geräumt haben werden.

Es klingt verrückt, aber während ein deutscher Soldat im Kosovo auch seine Schusswaffe einsetzen darf, um den Diebstahl eines Bundeswehrfahrzeugs zu verhindern, ist das dem französischen Soldaten verboten. Was aber gilt dann im Ernstfall? Zwei Länder,  zwei Rechtssysteme - aber eine Brigade: mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung gibt es auf dem Weg zu einem Verband im Einsatz noch viel zu tun. Die beiden Verteidigungsminister haben versprochen, bald für Fortschritte zu sorgen. Sabrina Vernay drückt ihnen fest die Daumen.

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