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Das Ende des Brockhaus

Jennifer Fraczek16. Juni 2013

Dem Lexikon Brockhaus droht das Aus. Für Experten ist das keine Überraschung, sie haben das Ende gedruckter Lexika kommen sehen. Die schnelle Information im Web macht sie überflüssig - aber ist sie auch genauso gut?

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Riesengroße Buchattrappen von der Brockhaus-Enzyklopädie auf der Leipziger Buchmesse 2006 (Foto: dpa)
Brockhaus-Buchattrappen auf der Leipziger BuchmesseBild: picture-alliance/dpa

Georg Ziereis hat sie noch im Programm, die gedruckten Lexika. Auch den Brockhaus, dieses massige Nachschlagewerk mit dem schwarzen Ledereinband, das viele Deutsche aus der Kindheit kennen und das mit seinen bis zu 30 Bänden und 300.000 Stichwörtern viel Platz im Bücherregal braucht. Ziereis betreibt mit seinem Bruder ein Bücher-Antiquariat in Regensburg, und er schätzt den Brockhaus. Nicht nur aus nostalgischen Gründen, sondern auch, weil er beim Lesen eines gedruckten Lexikon-Artikels mehr lernt als mit Online-Nachschlagewerken wie Wikipedia. "Was ich im Brockhaus lese, bleibt bei mir länger und konkreter haften, als wenn ich mir im Internet Wissen anlese, von einem Link zum nächsten springe - und am Ende nicht mehr weiß, was ich am Anfang gesucht habe."

Dieses Problem kennen sicher viele Menschen. Trotzdem ziehen immer weniger von ihnen ein dickes Buch aus dem Regal, um einen Begriff nachzuschlagen. Fündig wird man schließlich auch im Internet. Es geht schnell, auch unterwegs, kostet nichts, und im Zweifelsfall sind die Informationen aktueller als jene in der Brockhaus-Ausgabe 21 aus den Jahren 2005 bis 2006, die für den stolzen Preis von 3000 Euro zu haben ist. Diese Ausgabe wurde bis 2008 vom Bibliographischen Institut & F. A. Brockhaus herausgegeben, das jedoch schließlich vor dem Internet kapitulierte und die Inhalte nur noch online bereitstellen wollte, werbefinanziert. Diese Meldung ließ die Verkaufszahlen kurzzeitig in die Höhe schnellen, bald darauf wurde der defizitäre Verlag aber zerschlagen. Das internationale Medienunternehmen Bertelsmann kaufte die Marke Brockhaus.

Bertelsmann versuchte, das Nachschlagewerk zu modernisieren. Es wurde ein einbändiger Brockhaus herausgebracht sowie E-Books und Apps. Jetzt gab der Konzern jedoch bekannt: Das Geschäft mit Nachschlagewerken lohne sich nicht mehr, die Lexika-Sparte wird dicht gemacht, die Brockhaus-Lizenz möglicherweise zum Kauf angeboten. Schlägt niemand zu, wäre dies das Ende für eines der renommiertesten Lexika Deutschlands mit 200-jähriger Geschichte.

Die Silhouette eines Mannes, der mit seinem Finger auf das Wort Wikipedia zeigt (Foto: dpa)
Der Hauptkonkurrent der gedruckten Lexika: WikipediaBild: picture-alliance/dpa

Nicht mehr als ein Tapetenersatz?

Das Internet hat den gedruckten Lexika den Rang abgelaufen. Der Buchmarkt-Experte Holger Ehling bringt es so auf den Punkt: "Außer der Funktion, dass damit eine Art Tapetenersatz im Bücherregal geschaffen wird, fällt es schwer, den Vorteil eines gedruckten, großen Lexikons gegenüber der sehr schnellen und aktuellen Information im Internet zu erklären."

Für Verlage, die weiterhin Bücher herausbringen wollen, liegt die Zukunft laut Ehling in der Mischung aus gedruckten und digitalen Informationen: "Es ist möglich, ein Grundlagenwerk so auszustatten, dass der Käufer mittels CR-Code oder anderer Zugangsmöglichkeiten im Netz an weitere Informationen kommt." Im CR-Code sind Informationen enthalten, die auf dem Handy- oder Tablet-Display sichtbar werden, sobald die Kamera des Geräts auf ihn gerichtet wird. Viele Wissenschafts- und Fachverlage experimentierten bereits damit. "Sie basteln an 'Erlebniswelten' zu den jeweiligen Themen" und nutzten Facebook und Twitter, um Käufer zu gewinnen, so Ehling.

Im Fall Brockhaus hätte der Buchwissenschaftler Stephan Füssel von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eine komplette Verlagerung ins Internet empfohlen. "Diese Online-Ausgabe hätte dann - bei der Qualität der Redaktion, die im Hintergrund steht - vielleicht eine Möglichkeit geboten, Wikipedia im Netz die Stirn zu bieten. Aber als beschlossen wurde, von der Online-Ausgabe Abstand zu nehmen, hat sich das Ende dieses gedruckten Lexikons abgezeichnet", sagte er der Deutschen Welle.

Wissensvermittlung - eine staatliche Aufgabe?

Bei Wikipedia sind seit 2001 fast 1,6 Millionen Artikel allein auf Deutsch erschienen. Geschrieben werden sie von den Internetnutzern. Manche sind Fachleute, andere nicht. Füssel findet, Wikipedia habe dennoch "nicht nur einen quantitativen, sondern auch einen großen qualitativen Schritt nach vorne gemacht. Man kann sagen, dass es weltweit als eines der ersten Referenzorgane bei Lexika gilt". Allerdings habe die Plattform Defizite, die renommierte Nachschlagewerke nicht haben: Einzelne Texte sind lücken- oder fehlerhaft, und es kann nur schwer nachvollzogen werden, wer hinter einem Artikel steckt, ob der Autor nicht vielleicht bestimmte Interessen verfolgt.

Encyclopedia Britannica Lexikon
Auch sie gibt es nur noch online: die Encyclopedia BritannicaBild: AP

Das gesamte Wissen der Welt zu sammeln, wie es Verfasser von Lexika seit Mitte des 18. Jahrhunderts versuchen, ist ein schwieriges Unterfangen. Wenn Verlage das aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr schaffen, müsse der Staat die Aufgabe übernehmen, findet Füssel. Die Plattform Europeana der Europäischen Union oder die Digital American Library seien ein gutes Beispiel, wie man verlässliche Daten bereitstellen könne, ohne von Werbung oder Privatinteressen abhängig zu sein.

Holger Ehling ist dagegen skeptisch, ob der Staat ausreichend Finanzmittel bereitstellen kann, um auf dem Gebiet wirklich konkurrenzfähig zu sein. "Wir haben auf der einen Seite das Modell Google, das bis 2015 rund 15 Millionen Bücher digitalisiert haben will, und wir haben auf der anderen Seite das Modell der Deutschen Digitale Bibliothek, der Europeana oder Gallica, die unterfinanziert sind und mit technischen Schwierigkeiten und Inkompatibilität zu kämpfen haben - da weiß ich genau, welches Modell eine Zukunft haben wird und welches nicht."

Der Buchmarkt-Experte Holger Ehling auf der Frankfurter Buchmesse 2009
Holger Ehling sieht die Chancen auf ein "staatliches Wikipedia" skeptischBild: picture-alliance/dpa