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Globalisierung

China und Europa: Misstrauische Partner

Es ist die erste große China-Konferenz nach der US-Wahl und dem Führungswechsel in China: Beim "Hamburg Summit" trafen sich Vertreter der Politik und Wirtschaft aus China und Europa.

Zu sehen ist das Logo des Hamburg Summits (Foto: DW)
Copyright: DW/Zhang Danhong 
Aufnahmedatum und -ort: 29.11.2012, Hamburg

Hamburg Summit

Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas in den vergangenen 30 Jahren ist atemberaubend. Das bevölkerungsreichste Land der Welt ist zur zweitgrößten Volkswirtschaft und zum Exportweltmeister geworden. Dabei hat Europa vom chinesischen Wirtschaftswunder ordentlich profitiert. Inzwischen ist die EU mit Abstand der größte Handelspartner Chinas. Vor allem die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen haben sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Während deutsche Unternehmen 1972 Waren im Wert von lediglich 270 Millionen US-Dollar nach China exportierten, erreichten die deutschen Exporte ins Reich der Mitte 2011 knapp 65 Milliarden US-Dollar.

Diese Zahlen unterstreichen die Bedeutung des "Hamburg Summit" (28.-30.11.2012). In der norddeutschen Hafenstadt sind rund 400 chinesische Firmen ansässig. Bis zum Freitag diskutierten hochrangige Vertreter aus Politik und Wirtschaft über den Stand der europäisch-chinesischen Handelsbeziehungen. Die Veranstaltung findet alle zwei Jahre statt.

Unverständnis und Missmut

Zu sehen ist David Marsh, Chairman of Official Monetary and Financial Institutions Forum (Foto: DW)
Copyright: DW/Zhang Danhong 
Aufnahmedatum und -ort: 29.11.2012, Hamburg

Der Finanzexperte David Marsh

Trotz der engen wirtschaftlichen Verflechtung zwischen China und Europa wird die bilaterale Beziehung immer noch von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Europa ist irritiert, dass sich chinesische Unternehmen mit vollem Portemonnaie auf Einkaufstour begeben und dabei vor allem deutsche Mittelständler im Visier haben. China sei enttäuscht, dass Europa das Schuldenproblem nicht in den Griff bekomme, sagt David Marsh, Chairman des Official Monetary and Financial Institutions Forum (OMFIF).

China gibt sich selbstbewusst

Elmar Brok, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Europäischen Parlament, spricht die Probleme in der Partnerschaft zwischen China und Europa offen an. Es seien vor allem die niedrig bewertete chinesische Währung und die ungleichen Wettbewerbsbedingungen in China. Die chinesische Wirtschaft sei noch nicht so offen wie in der EU. Den Chinesen empfiehlt er freie Wahlen. Denn eine demokratische Kontrolle würde das Problem der Korruption viel effektiver bekämpfen.

In der Kritik an China sind die Europäer indes nicht immer einer Meinung. So bescheinigt der UN-Ökonom Heiner Flassbeck, dass die chinesische Währung Renminbi in den letzten Jahren um 30 bis 40 Prozent gegenüber dem Dollar gestiegen sei und somit das Währungsproblem der Vergangenheit angehöre.

Fortschritte im Schutz geistigen Eigentums

Ebenfalls als veraltet sieht Lanxess-Chef Axel Heitmann die Klage des Technologieklaus. "Es ist zwar immer noch eine Herausforderung. Aber wir wissen inzwischen, wie wir unsere Technologie schützen", sagt Heitmann auf dem "Hamburg Summit". Energieeffizienz sei lebenswichtig für China, und das biete Geschäftschancen für seinen Chemiekonzern, so Heitmann weiter.

EADS-Chef Thomas Enders (Foto: dapd)

EADS-Chef Thomas Enders

In der Technologiezusammenarbeit sieht auch Thomas Enders, Vorstandschef des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, die Zukunft der bilateralen Beziehung. Er prognostiziert, dass künftig ein chinesischer Konzern in die nordamerikanisch-europäische Phalanx beim Flugzeugbau einbrechen könnte. "Die Eintrittsbarrieren für den Bau großer Verkehrsflugzeuge sind hoch, aber wenn ein Land über die finanziellen und technischen Mittel verfügt, um an das Potenzial von Airbus und Boeing heranzureichen, dann ist es China", sagt Enders, Chef des Mutterkonzerns von Airbus.

Weg von der Exportdominanz hin zur Innovation

Diese Aussage findet sicherlich die volle Zustimmung von Wan Gang, dem chinesischen Wissenschaftsminister. In seiner kurzen Rede ist "Innovation" der meistbenutzte Begriff. China brauche einen Wandel des Entwicklungsmodells, ein innovationgetriebenes Wachstum. Das bisherige vom Export gestützte Modell stoße an die Grenzen. Die Umwelt werde geplündert und die Schere zwischen Arm und Reich berge immer mehr sozialen Strengstoff. Die neue Führung wolle laut dem Wissenschaftsminister den Konsum ankurbeln und den Dienstleistungssektor stärken. In den kommenden Jahren werde China massiv in erneuerbare Energien investieren. Und die Zahl der Elektroautos soll sich von unter 30.000 im Moment bis 2020 auf zwei Millionen steigern. Das biete deutschen und europäischen Unternehmen enorme Chancen, so Wan Gang.

Damit dieser Wandel des Entwicklungsmodells gelingt, muss sich die neue Pekinger Führung mit niedrigeren Wachstumsraten zufriedengeben. So prognostiziert Nikolaus Schüs, Altpräses der Hamburger Handelskammer und Präsident des Hamburg Summit, ein Wachstum von nur sieben bis acht Prozent in diesem Jahr. Das wäre der kleinste Anstieg der Wirtschaftsleistung seit 1999.

Europa in der Schulden- und Eurokrise

Vor diesem Hintergrund wäre ein Einbruch der europäischen Absatzmärkte katastrophal für die asiatische Volkswirtschaft. Schlechte Nachricht kam gerade von der OECD. Für die Eurozone sagt die Organisation der Industrieländer eine leichte Rezession voraus.

ACHTUNG: Sperrfrist 4. September 2008 17:00 Uhr - A photo made available on 04 September 2008, shows Director Division on Globalization and Development Strategies of United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) Heiner Flassbeck as he answers journalst's questions about the Trade and Development Report 2008, during a press conference at the European headquarters of the United Nations, in Geneva, Switzerland, 02 September 2008. EPA/SALVATORE DI NOLFI +++(c) dpa - Bildfunk+++

Chefvolkswirt UNCTAD Heiner Flassbeck

Kein Wunder, meint UNCTAD-Experte Heiner Flassbeck: "Wenn alle gleichzeitig die Schulden reduzieren wollen, wird das zu einem Zusammenbruch führen." Ein Seitenhieb auf die deutsche Bundesregierung, die wegen ihrer strengen Sparpolitik für die tiefe Rezession in Südeuropa mitverantwortlich gemacht wird. Gläubiger und Schuldner müssten gemeinsam eine Balance finden, fordert Flassbeck.

Von Deutschland und anderen Gläubigerländern erwarte China, dass sie es richten sollen, um die Eurokrise zu beenden, sagt David Marsh zur DW. "China hat ein großes Interesse, den Euro zu stabilisieren, wird aber nicht viel Geld in das Projekt Euro hineinstecken", so Marsh. Insgesamt erwartet er eine empfindliche und zerbrechliche Periode in der sino-europäischen Partnerschaft.

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