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Deutschland

Bundeswehr soll mehr für Familien tun

Seit Abschaffung der Wehrpflicht vor anderthalb Jahren gibt es in der Bundeswehr nur noch Berufssoldaten und Freiwillige. Damit rücken ganz zivile Probleme zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber in den Vordergrund.

Soldatinnen beim Gelöbnis (Foto: dpa)

Soldatin Bundeswehr Vereidigung

Die Bundeswehr wolle ein normaler öffentlicher Arbeitgeber in Deutschland werden, also müssten auch die Bedingungen dafür geschaffen werden. Das sagte der FDP-Politiker Hellmut Königshaus am Dienstag (29.01.2013) vor der Presse in Berlin. Königshaus ist der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags. In dieser Funktion erstattet er dem Bundestag einmal jährlich einen schriftlichen Gesamtbericht zum inneren Zustand der Bundeswehr. Quelle dafür waren auch im vergangenen Jahr (2012) tausende sogenannte Eingaben von Soldaten, in denen sich diese über Missstände beschweren können.

Frauen noch unterrepräsentiert

Der Wehrbeauftragte ist der "Anwalt der Soldaten" zum Schutz ihrer Grundrechte, andererseits aber auch die Brücke des Parlaments zur Kontrolle der Streitkräfte. Insgesamt 4309 Eingaben erreichten den Wehrbeauftragten im Jahr 2012. Das sind fast 22 Eingaben pro tausend Soldaten - beziehungsweise Soldatinnen. Ihr Anteil in der Bundeswehr beträgt derzeit 9,65 Prozent; in absoluten Zahlen sind das 18.494. Das seien noch viel zu wenige Frauen, kritisierte Königshaus. Denn die angestrebte Zielmarke liege immerhin bei 50 Prozent Frauen im Sanitätsdienst und bei 15 Prozent in allen anderen Laufbahnen. Vor allem bei den freiwillig Wehrdienstleistenden gebe es derzeit zu wenige Frauen.

Grund dafür sei auch die mangelnde Familienfreundlichkeit der Bundeswehr, schreibt Königshaus im Jahresbericht und verweist auf die erneute Steigerung diesbezüglicher Eingaben, in denen die Probleme konkret sichtbar würden. Es könne zum Beispiel nicht hingenommen werden, dass ein Soldat mit zwei Kindern, deren Einschulung bevorsteht, Ende Juli noch nicht wisse, wohin er im Oktober versetzt werde.

Zwar gebe es ein "Handbuch zur Vereinbarkeit von Familie und Dienst", doch es mangele an der Umsetzung durch die Vorgesetzten. Auch die Pflege Älterer gehöre zur Frage der Familienfreundlichkeit, heißt es im Jahresbericht. Ein Negativbeispiel sei die Ablehnung eines als "lachhaft" bezeichneten Versetzungsantrags wegen der Pflege einer schwerbehinderten Großmutter. Die Beispiele drückten auf die Stimmung in der Truppe und erhöhten die Scheidungsraten.

Es fehlen Betriebskindergärten

Königshaus empfiehlt einen Blick über die Grenze zu Deutschlands westlichem Nachbarn. In Frankreich gebe es für Kinder von Armee-Angehörigen spezielle Internate und 43 eigens geschaffene Armee-Kindergärten. In Deutschland aber fehlten solche Einrichtungen noch. Erst im Jahr 2014 sollen die ersten Betriebskindergärten der Bundeswehr öffnen.

Familienbelange stärker zu berücksichtigen sei auch deshalb wichtig, weil die Arbeitsbedingungen sowieso schon ein Familienleben erschwerten, steht im Jahresbericht. Unregelmäßige Dienstzeiten, Kommandierungen, Auslandseinsätze und Pendeln zwischen Dienst- und Wohnort gehören zum Armee-Alltag - auch in einer Freiwilligenarmee. Sozialer Rückhalt aber sei nicht nur im Hinblick auf das Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform" wichtig.

Sexuelle Übergriffe

Im vergangenen Jahr wurden 50 "besondere Vorkommnisse mit sexuellem Bezug" in der Bundeswehr gemeldet. So gab es heimliche Bildaufnahmen, verbale Belästigungen, unangemessene Berührungen und auch sieben Fälle von sexuellen Übergriffen. Opfer waren sowohl Frauen als auch Männer. "Auch in der Bundeswehr kommen solche Dinge vor, denn die Armee ist auch nur ein Spiegel der Gesellschaft", sagte Königshaus. Er rechne mit einer noch höheren Dunkelziffer, eine derzeit laufende Studie soll für mehr Aufklärung sorgen.

Insgesamt zeichnete der Wehrbeauftragte das Bild von einer Armee, in der die Belastung für die Soldatinnen und Soldaten als zu hoch eingeschätzt wird. Oftmals werden zu lange Dienstzeiten, mangelnde Ausrüstung und Schwächen bei der Reform der Armee genannt. Aber zunehmend spielen auch zivile Probleme wie das Familienleben und das Miteinander von Frau und Mann eine Rolle. "Doch wenn der Dienst nicht geschätzt wird, dann wird es schwer, Nachwuchs zu gewinnen", mahnte Königshaus.

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