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Fokus Osteuropa

Bulgarien: Umstrittene Mythen

Eine geplante wissenschaftliche Konferenz mit deutscher Beteiligung sorgt in Bulgarien für helle Aufregung. Historiker wollen antiislamische Stereotype aufdecken, viele Bulgaren werfen ihnen Leugnung der Geschichte vor.

Vergangenheitsbewältigung: Aufgabe von Historikern oder Politikern?

"Deutsche Wissenschaftler bestreiten das Massaker in Batak", "Es soll kein Massaker in Bulgarien gegeben haben", "Fälschung der Geschichte", lauten die meisten Titel in den bulgarischen Zeitungen. Die Boulevardpresse hat wieder einmal ihren Skandal für die erste Seite.

Hintergrund ist ein Projekt des Osteuropa-Instituts der Freien Universität in Berlin, in dessen Rahmen eine deutsch-bulgarische wissenschaftliche Konferenz in Sofia stattfinden soll, unter dem Titel: "Feindbild Islam: Geschichte und Gegenwart antiislamischer Stereotype in Bulgarien am Beispiel des Mythos vom Massaker in Batak". Diese Veranstaltung erregt aber die Gemüter vieler Bulgaren. Ihrer Meinung nach leugnet diese Konferenz die Gräueltaten der Osmanen an den Bulgaren. Zu den Empörungen und Drohungen gegenüber den deutschen Organisatoren, die zunächst die Boulevardzeitungen im Lande beherrschten, hat sich sogar der bulgarische Präsident geäußert.

Gewollte Missverständnisse?

Ulf Brunnbauer von der Freien Universität in Berlin, einer der Organisatoren, wird nicht müde zu erklären: "Das Hauptproblem ist, dass viele Leute in Bulgarien offensichtlich das Thema des Projekts missverstehen, teilweise auch bewusst missverstehen. Sie glauben, wir würden das Massaker in Batak leugnen. Aber darum geht es uns nicht. Wir leugnen die historischen Fakten nicht, sondern wir beschäftigen uns mit der Darstellung der historischen Fakten."

Ein Dorf wird zum nationalen Mythos

Batak ist ein Dorf im Balkangebirge, dessen Bevölkerung während des Aprilaufstandes der Bulgaren gegen das osmanische Reich im Jahr 1876 niedergemetzelt wurde. Es gab viele solche Dörfer. Im bulgarischen kollektiven Gedächtnis aber ist Batak zu einem Symbol osmanischer Brutalität geworden – und später praktisch zum Heiligtum. Das ist durch die bekannten Mechanismen des Mythos passiert, meint die Kunsthistorikerin Martina Baleva, die für das Konzept der Konferenz zuständig ist. Sie erklärt: "So wie die jeder anderen Nation, beruht auch die Bildung der bulgarischen Nation auf Mythen. Einer ihrer Mythen ist die über das Massaker in Batak. Mythos bedeutet nicht das Leugnen eines historischen Ereignisses, sondern seine Konstruierung durch die historische Wissenschaft, in der Literatur und in der Malerei."

Ausschnitte der Realität

Baleva, die ihre Doktorarbeit an der Freien Universität in Berlin schreibt, untermauert ihre These mit einem Bild eines polnischen Malers über das Massaker in Batak. Das Bild ist Jahre nach den tragischen Ereignissen entstanden. Als Vorlage dienten Fotos, die von den Bewohnern des Dorfes inszeniert worden waren. Das Bild und die unechten Fotos, die in seriösen wissenschaftlichen Berichten, aber auch in Lehrbüchern zu finden sind, hätten stark das Nationalbewusstsein der Bulgaren geprägt, so die Kunsthistorikerin.

Vergleiche mit Holocaust-Leugnern

Genau diese These wird den Organisatoren der Konferenz zum Verhängnis. Der Leiter des Nationalhistorischen Museums in Sofia, Bogidar Dimitrov, wetterte in der Boulevardpresse: "Ich werde Sie vor ein Gericht stellen wegen Verleumdung des bulgarischen Holocaust!" Die rechtsradikale Partei "Ataka" forderte einen neuen Paragraphen im Strafgesetz gegen die Revisionsversuche der bulgarischen Geschichte. Die Abgeordneten der nationalistischen Partei WMRO haben sogar zu einem neuen Gesetz über den Genozid am bulgarischen Volk durch das osmanische Reich aufgerufen. "Der bulgarische Präsident Georgi Parvanov ist der Meinung, dass die bevorstehende Konferenz eine scharfe Provokation gegen die Nationalgeschichte und das Nationalgedächtnis ist", meldete die Pressestelle des Präsidialamtes in Sofia.

Instrumentalisierung der Geschichte

Die deutschen Organisatoren der Konferenz fühlen sich missverstanden. Historiker Ulf Brunnbauer erklärt: "Im wissenschaftlichen Verständnis ist Mythos eine bestimmte Art, wie Geschichte erzählt wird und zwar eine Art, in der es eigentlich nicht mehr um die vergangenen Ereignisse geht, sondern hauptsächlich um Fragen der Identität, der Gegenwart und der Zukunft. Uns geht es darum, wie wird diese Geschichte dargestellt und welche Rolle spielen die unterschiedlichen geschichtlichen Darstellungen und wie werden sie z.B. politisch instrumentalisiert".

Jetzt wird die von ihm organisierte Konferenz, an der sich auch bulgarische Historiker beteiligen, selbst politisch instrumentalisiert. In der bulgarischen Boulevardpresse erscheinen verhetzende Artikel, die auch persönliche Angriffe gegen ihn und seine Mitarbeiterin enthalten. Brunnbauer vermutet, "dass dies mit den politischen Konstellationen im Lande zu tun hat; mit den Strategien gewisser Nationalisten, die hier eine Chance sehen, sich öffentlich darzustellen."

In dieser Situation haben sich die Veranstalter aus Berlin dafür entschieden, die Konferenz zu vertagen, keinesfalls abzusagen. Die Unterstützung vom Goethe-Institut, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sowie der Bosch-Stiftung bleibt den Veranstaltern weiterhin sicher.

Marinela Liptcheva-Weiss
DW-RADIO/Bulgarisch, 25.4.2007, Fokus Ost-Südost