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Digitales Leben

"Brüllt zurück!" - Frauen wehren sich im Netz

In vielen Städten der Welt gehört sexuelle Belästigung zum Frauenalltag. Oft wird diese Form der Gewalt verharmlost, die Vorfälle werden nicht angezeigt. Im Netz trauen sich immer mehr Frauen, ihr Schweigen zu brechen.

Protest gegen Sexismus in Hamburg Foto: Christian Charisius/dpa

Protest gegen Sexismus in Hamburg

"Ich bin, wie jede andere, einfach die Straße entlang gegangen und auf einmal merkte ich, wie jemand mir an den Hintern fasste. Ein frecher Jugendlicher auf dem Fahrrad fasste mir beim Vorbeifahren an den Hintern und grinste." Eine Geschichte aus Deutschland, die vergleichsweise harmlos klingt - vor allem angesichts der brutalen Vergewaltigungsfälle, die immer wieder aus anderen Ländern gemeldet werden.

Schluss mit Verharmlosung

Betroffene Frauen sehen das anders. Die alltägliche Belästigung in der Öffentlichkeit – auf Englisch "Street Harassment" – ist alles andere als harmlos. Es ist sogar ein "Einstiegsverbrechen, das zur Folge hat, dass andere Formen von 'genderbasierter Gewalt' normalisiert und möglich gemacht werden", schreiben die Aktivisten von Hollaback! (Brüllt zurück!). Das internationale Netzwerk gegen Street Harassment wurde 2005 in den USA gegründet.

Screenshot http://berlin.ihollaback.org/share-your-story/

Zurückschreien in vielen Sprachen: die weltweite Plattform "Hollaback!"

Inzwischen ist es in 62 Städten und 25 Ländern aktiv, darunter auch in Deutschland. Auf den lokalen Webseiten von Hollaback! können Frauen anonym über Vorfälle berichten und so ihre Erfahrungen mit Belästigung mit anderen teilen. Die Bandbreite der Übergriffe ist groß: es beginnt bei sexuellen Andeutungen, geht über Exhibitionismus und öffentliche Selbstbefriedigung bis hin zu schweren körperlichen Übergriffen. "Es ist für viele eine Erleichterung, darüber ohne Zensur und ohne Tabu sprechen zu können, die Frauen fühlen sich nicht mehr alleine", sagt Julia Brilling, Mitgründerin von Hollaback! Berlin, aus eigener Erfahrung.

Sexuelle Gewalt lokalisieren

Es bleibt allerdings nicht nur bei den Geschichten der Frauen. Die Beiträge werden in ein Tool umgesetzt, das viele Frauen vor einem Übergriff bewahren könnte. Ein Beispiel aus Dresden: "Hallo, ich wurde im Sommer auf dem Alaunpark vergewaltigt, als ich 13 war. Bisher habe ich mich dazu noch nirgends geäußert", schreibt eine Userin lakonisch auf der Hollaback-Plattform. Auf einer Google-Map sieht man, wo sich der Vorfall ereignet hat. "Es geht darum, sichtbar zu machen, wo was passiert und wie viel passiert", erklärt Julia Brilling.

screenshot of http://harassmap.org/

"Belästigungs-Landkarte": Die Orte, wo die meisten Übergriffe stattfinden, kann man hier finden und meiden

Die Inspiration für ihre Karte haben Hollaback!-Aktivisten in Ägypten gefunden, wo sexuelle Belästigung allgegenwärtig ist. Dort gibt es Harassmap, ein Projekt, das 2012 von den Bobs, dem DW-Preis für Online-Aktivismus, in der Kategorie "Best Use of Technology for Social Good" ausgezeichnet wurde. Die interaktive Karte zeigt die Schauplätze der alltäglichen Belästigung. Sie nährt sich von Zeugenaussagen, die Frauen per SMS oder Telefon melden. Harassmap funktioniert auf Basis der Ushahidi-Software, einem der beliebtesten Kartografie-Tools in der Welt.

Mobil gegen Vergewaltigung

Wegen der jüngsten Vergewaltigungsfälle, die rund um die Welt gingen, ist auch Indien ins internationale Rampenlicht gerückt. Am Dienstag (19.3.2013) hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das härtere Strafen für Täter in Vergewaltigungs- und Belästigungsfällen vorsieht.

Frauen demonstrieren in Indien (Foto:Mustafa Quraishi/AP/dapd)

Auch in Indien wollen sich die Frauen nichts mehr gefallen lassen - ein Gesetz soll jetzt helfen

Im Netz sind indische Frauenrechtsaktivisten längst aktiv. Seit 2011 sind sie mit "FightBack" auch mobil. Die "erste indische mobile App für Frauensicherheit" wurde von zwei Journalistinnen aus Neu-Delhi geschaffen, der Stadt mit den meisten Vergewaltigungsfällen in Indien. Wird eine Frau Opfer eines Übergriffs, kann sie einen ortsspezifischen Notruf über SMS, E-Mail oder soziale Netzwerke an eine Liste von Freunden senden. Wie auf Harassmap werden die Übergriffe auf einer Karte aufgelistet.

Protest in 140 Zeichen

Der digitale Kampf gegen alltägliche Belästigung hat auch die Mikroblogging-Plattform Twitter erreicht. Mit Hashtags wie #aufschrei, #ichhabenichtangezeigt oder #shoutingback haben Frauen weitere Wege gefunden, ihre alltäglichen Belästigungserfahrungen mitzuteilen – das funktioniert auch in "nur" 140 Zeichen. Die #aufschrei-Aktion hatte Ende Januar zehntausenden betroffener Frauen in Deutschland eine Stimme gegeben und löste eine heftige Debatte über den alltäglichen Sexismus aus.

Der Hashtag #aufschrei ist in der Twitter App eines Smarthones zu sehen.
Foto: Oliver Lang/dapd

Mehr als 50.000 Tweets: Als der Hashtag #aufschrei entstand, explodierte Twitter

"Kampagnen sind immer gut, um Aufmerksamkeit zu schaffen", meint Julia Brilling. Denn Sexismus sei ein gesellschaftliches Problem: "Es wird nie der Täter gefragt, 'warum hast du es gemacht?' sondern das Opfer: 'Warum warst du da? Warum hattest du diese Klamotten an?'" Die Aktivistin bedauert "die Täter-Opfer-Umkehr, egal ob es um vermeintliche Lappalien geht oder um tatsächliche Vergewaltigung".

"Einfach weitermachen"

Weil es immer wichtig ist, dass Massenmedien sich für das Thema interessieren, begrüßt Julia Brilling die weltweite Aktionswoche gegen Street Harassment, die vom 7. bis zum 13. April 2013 stattfindet. Für sie geht der Kampf danach weiter. "Wir müssen eine Gegenöffentlichkeit schaffen und versuchen, an die Politik heranzutreten, damit alltägliche Belästigungen auf die Agenda kommen." Ihr Motto heißt: "Weitermachen und an allen Fronten kämpfen". Auch wenn es noch lange dauert.

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