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Geschichte

Bessarabien-Deutsche und ihre Geschichte

Bessarabien - wo liegt das überhaupt? Und was haben Deutsche dort gemacht? Eine Ausstellung, konzipiert von einer Berliner Historikerin, geht dieser Frage nach. Ganz nah am historischen Ort.

Ein Landkarten-Ausschnitt zeigt, dass es viele deutsche Ortsnamen gab. Aus der Ausstellung Fromme und tüchtige Leute im Nationalmuseum Chisinau (Foto: DW/ Cornelia Rabitz)

Gerufen wurden sie 1813 vom russischen Zaren – vertrieben 1940: Bauern, Handwerker, Lehrer, Pfarrer, Angehörige verschiedenster Glaubensrichtungen, Menschen, die vor der Willkür deutscher Fürsten nach Südrussland, in das fruchtbare Gebiet Bessarabien flohen. Sie brachten ihre Frömmigkeit mit, Pragmatismus, Bescheidenheit und Fleiß. Ihre Dörfer nannten sie Friedensfeld oder Gnadental, Neu-Posttal oder Wittenberg. Die Region blühte auf - bis die Siedler in den Wirren des Zweiten Weltkrieges umgesiedelt wurden: Nach Westen, in Hitlers Deutsches Reich, oder nach Osten, ins Reich Stalins. Die Geschichte ist über sie hinweggegangen, doch jetzt setzt ihnen eine Ausstellung ein Denkmal. Und zwar genau dort, wo diese, Bessarabien-Deutsche genannten Siedler einst gelebt haben. Auf dem Territorium der heutigen Republik Moldau und dem der Ukraine.

Eine Ausstellung gegen das Vergessen

Mit dem Planwagen heim ins 'Reich'- die Umsiedlungskommission kontrolliert. Ein Bild aus der Ausstellung Fromme und tüchtige Leute im Nationalmuseum Chisinau (Foto: Ute Schmidt)

Mit dem Planwagen heim ins "Reich"

Das Nationalmuseum in der moldauischen Hauptstadt Chisinau – eigentlich eher ein Hort für Prähistorisches. Hier herrscht Gedränge, die Ausstellung "Fromme und tüchtige Leute" ist eröffnet, ein vergessenes Kapitel wird ins Rampenlicht geholt. Mittendrin steht Anna Dragan. Die Bessarabien-Deutsche hat ihr schönstes Kleid angezogen. Sie ist berührt von dem, was sie hier sieht: "Zwanzig Jahre lang haben wir schon auf diese Ausstellung gewartet. Für mich und für meine Familie ist sie ganz wichtig. Das, was hier gezeigt wird ist auch das Leben unserer Verwandten". Anna Dragans Großvater wurde unter Stalin nach Sibirien deportiert, wo er starb. Andere Angehörige haben die Deportation ins sibirische Blagoweschtschensk unweit der russisch-chinesischen Grenze überlebt. "Diese Ausstellung zeigt, wie das Leben der Bessarabien-Deutschen war. Viele Menschen haben längst vergessen, dass es so etwas gegeben hat." Anna und ihr Mann – der Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Chisinau ist – pflegen noch heute die deutsche Sprache. Vor allem aber sind sie gute Christen. Sie betreuen Hilfsprojekte für Alte und Arme, für Kinder und Obdachlose. "Wir sind noch am Leben", sagt Anna. Und meint damit die bessarabisch-deutschen Kulturtraditionen. Sie hofft auf Unterstützung für die deutschen Sprachkurse, die sie gerne weiter organisieren möchte: "Wir haben Pläne – aber wir haben auch Geduld."

Die Bessarabien-Deutsche Anna Dragan und ihr Mann bei der Ausstellung Fromme und tüchtige Leute im Nationalmuseum Chisinau (Foto: DW/ Cornelia Rabitz)

Im Sonntagsstaat: Anna Dragan neben ihrem Mann Valentin

Auswanderung und Integration

Die Dokumente, Fotos und Texte erzählen die Geschichte einer Auswanderung – und einer, wie man heute sagen würde, gezielten Migrationspolitik, eine Geschichte von Integration und kultureller Eigenständigkeit zugleich. Die Historikerin Ute Schmidt hat dieses wechselvolle Kapitel erforscht, Bücher dazu geschrieben und jetzt die Schau kuratiert. Sie sagt: "Diese Geschichte ist hier ein weißer Fleck, in der Schule lernt man darüber nichts und auch sonst gibt es kaum Hinweise. Mit der Ausstellung wollen wir ein historisches Kapitel, das mit der heutigen Republik Moldau verknüpft ist, dem Vergessen entreißen." Für ihr Projekt hat sie viele Unterstützer gefunden, darunter auch die deutsche Botschaft in Chisinau.

Deutsche Kolonisten - ein Bild aus der Ausstellung Fromme und tüchtige Leute im Nationalmuseum Chisinau (Foto: Ute Schmidt)

Deutsche Kolonisten - ganz mobil

Gute Nachbarschaft

Weitgehend friedlich war das Zusammenleben im früheren Bessarabien, die Deutschen hielten zwar an ihrer Religion fest – geheiratet wurde nur innerhalb konfessioneller Grenzen – aber sie hatten vielfältige Kontakte zu den Bewohnern der benachbarten Dörfer, übernahmen viel von den Einheimischen – den Russen, Moldauern, Ukrainern, Rumänen, Bulgaren, Juden. Nicht zuletzt Rezepte oder auch Vokabular, woraus zahlreiche, teilweise noch heute gebräuchliche Lehnwörter entstanden. Andere Spuren findet man, so Ute Schmidt, kaum noch. Vor allem die Dörfer haben ihr Gesicht verändert: "Sarata beispielsweise war militärisches Sperrgebiet. In der Gegend waren zur sowjetischen Zeiten die SS 20-Raketen stationiert, da durfte man gar nicht hin. Alles wurde vom Militär besiedelt, die Kirche diente Offizieren als Clubhaus."

Wenn die Deutschen kommen

Die Nachkommen der einstigen Bessarabien-Deutschen sind heutzutage verstreut in alle Winde. In den USA gibt es noch einige – "Sie sprechen sogar noch Schwäbisch", weiß Ute Schmidt – und in Deutschland haben sie sich in einem Verein zusammengetan. Sie fühlen sich, wie die Historikerin erklärt, dem Land Moldau und seiner Geschichte verbunden. Die Beziehungen seien gut, von deutscher Seite aus würden viele Hilfsprojekte in der verarmten einstigen Sowjetrepublik unterstützt: Rückkehrforderungen hat es ebenso wenig gegeben, wie die Forderung nach Entschädigungszahlungen. Deshalb freuen sich die Leute, wenn die Deutschen hierher kommen."

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Conny Paul

Das Buch zum Thema:

Ute Schmidt: "Bessarabien. Deutsche Kolonisten am Schwarzen Meer." Verlegt vom Deutschen Kulturforum östliches Europa in der Reihe "Potsdamer Bibliothek östliches Europa". 419 Seiten, € 19,80.

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