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Brasilien

Bescheidener Wohlstand in der Favela

30 Millionen Menschen haben in Brasilien unter Ex-Präsident Lula da Silva die Armut überwunden und sind in die Mittelschicht aufgestiegen. Doch das Land ist noch immer von Ungleichheit geprägt.

Die Entwicklung zum Industriestaat scheint kaum einem Schwellenland so leicht zu fallen wie Brasilien. Politisch und wirtschaftlich gewinnt Brasilien international immer mehr an Bedeutung. Das Land bewirbt sich um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Bei der Überwindung der Finanzkrise Portugals hatte die ehemalige Kolonie dem Mutterland Hilfe angeboten. Der Real, die brasilianische Währung scheint stabil. Entlang der brasilianischen Küste sind Ölvorkommen entdeckt worden, die den wirtschaftlichen Aufschwung mindestens mittelfristig sichern sollen. Hinzu kommt eine konsumfreudige, junge Bevölkerung, die ein rasantes Wachstum und hohe Absatzzahlen auf dem Binnenmarkt verheißt. Das ganze Land scheint sich im Aufbruch zu befinden.

Staatliche Hilfsprogramme gegen die Armut

Großbaustelle in Brasilien: die Wirtschaft boomt (Foto: AP)

Brasilien im Aufbruch: die Wirtschaft boomt

Tatsächlich haben unter dem ehemaligen Staatspräsident Lula da Silva 30 Millionen Menschen in Brasilien die Armut überwunden und sind die so genannte neue Mittelschicht aufgestiegen. Dazu werden Familien gezählt, deren Pro-Kopf-Einkommen zwischen umgerechnet etwa 110 Euro und 390 Euro monantlich liegt.

Carina Souza gehört zu dieser neuen Mittelschicht. Sie lebt in Rio de Janeiro, wo sie als Haushaltshilfe arbeitet. Carina bringt es inzwischen auf ein Einkommen von umgerechnet knapp 400 Euro. Noch vor zwanzig Jahren brachte sie für die gleiche Arbeit knapp 50 Euro mit nach Hause. Ihr Mann hatte damals seine Arbeit verloren, die beiden Kinder waren klein. "Mir haben die staatlichen Hilfsmittel damals sehr geholfen", erinnert sie sich.

Mitte der 90er Jahre, noch unter der sozialdemokratischen Regierung von Fernando Henrique Cardoso, wurden die ersten Hilfsprogramme für Bedürftige aufgelegt. Dazu zählte auch das Programm "Auxílio Gás": die kostenlose Verteilung von Gasflaschen ermöglichte es vielen armen Familien, sich eine warme Mahlzeit am Tag zuzubereiten. Unter Lula da Silva, der von 2003 bis 2010 an der Macht war, wurden die Sozialprogramme erweitert. Das Programm "Cartao Alimentacao" sicherte armen Familien Essenspakete mit zehn Kilo Reis, fünf Kilo Bohnen, Zucker, Mehl, Nudeln und Milch zu. Carina profitierte außerdem auch von der neuen "Bolsa Família" - pro Kind erhielt sie umgerechnet 10 Euro monatlich. "Bis mein jüngster Sohn 18 war", sagt Carina. Bevor es die Bolsa Família gab hatte sie manchmal für sich selbst nichts mehr zu essen, damit sie wenigstens ihre Kinder ernähren konnte.

Bescheidener Wohlstand

50 Millionen Brasilianer profitieren heute von der Bolsa Família. "Meine Freundin hat keine Arbeit und drei Kinder, sie bekommt derzeit 250 Reais (etwa 100 Euro) im Monat vom Staat." Carina hat ihr ganzes Leben lang geputzt, seit sie 13 ist. Heute ist sie 46 und beherrscht jeden Handgriff. Kochen, putzen, waschen, bügeln, Betten machen für die Oberschicht.

Kunden verlassen ein Einkaufszentrum in Sao Paulo (Foto: AP)

Konsumfreudig und kaufkräftig: die neuen Mittelschicht

Ausschweifend leben kann sie nicht. In Deutschland würde ihre Situation wohl niemand der Mittelschicht zuordnen. Ihr Ziegelstein-Haus in einer Favela am Stadtrand von Rio de Janeiro müsste dringend gefliest werden, es gibt weder eine Spülmaschine in der Küche noch richtige Fenster, trotzdem leidet keines ihrer Familienmitglieder Hunger. Niemand ist von extremer Armut bedroht, ihre Tochter arbeitet an der Kasse eines Supermarkts, ihr Sohn sortiert Ware in die Regale.

Wissenschaftler und Experten diskutieren, ob das genügt, um wirklich von einer Mittelschicht sprechen zu können. Eduardo Fagnani vom Institut für Ökonomie der Staatsuniversität von Campinas (Unicamp) hält die neue Mittelschicht beispielsweise für eine Wunschvorstellung, die herbeigeredet werde. "Die Mittelschicht definiert sich nicht durch ein Pro-Kopf-Einkommen, sondern durch ihre Position in der Sozialstruktur der Gesellschaft", gibt Fagnani zu bedenken. Die Menschen, die die Armut überwunden haben und jetzt als aufstrebende Gesellschaftsschicht gilt, seien jedoch nach wie vor abhängig von öffentlichen Leistungen des Staates. Andere für eine Mittelschicht typische Merkmale wie Auslandsreisen, private Vorsorge oder die Möglichkeit Kinder auf eine Privatschule zu schicken, könne man eben oft nicht ausmachen. "So kann man nicht von einer wirklichen sozialen Mittelschicht sprechen,“ sagt Fagnini.

Carina Souza ist tatsächlich noch nie verreist, geschweige denn ins Ausland geflogen. Aber sie träumt von einer Busreise zu ihrer Schwester, die in Sao Paulo lebt.

Neue Jobs

Optimistischer ist die Wirtschaftswissenschaftlerin Sônia Rocha vom Institut für Arbeits- und Gesellschaftsstudien (Instituto de Estudos do Trabalho e Sociedade, IETS). Sie lobt die Verringerung sozialer Ungleichheit in Brasilien und führt das neben den Sozialprogrammen vor allem auf den wachsenden Arbeitsmarkt zurück. Der hat tatsächlich vielen Brasilianern eine Anstellung verschafft: In den letzten zehn Jahre sank die Arbeitslosenquote von zwölf auf sechs Prozent.

Gleichzeitig haben sich aber vor allem in den Städten auch die Lebenshaltungskosten drastisch verteuert. Die Mieten in Rio de Janeiro haben sich innerhalb weniger Jahre verdoppelt, so dass viele Bewohner der so genannten neuen Mittelschicht an den Stadtrand ziehen müssen. Carina ist schon vor zehn Jahren dorthin gezogen, als man das Land noch besetzen konnte.