1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

Baubeginn für das Vertriebenen-Zentrum

Nach langer Diskussion entsteht jetzt in Berlin das Zentrum "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". In der Dauerausstellung soll die Vertreibung der Deutschen und anderer europäischen Völker gezeigt werden.

Die Idee eines öffentlichen Ortes, wo über das Schicksal der Vertriebenen erzählt wird, entstand schon vor etwa vierzehn Jahren. 2016 soll das Dokumentationszentrum "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" nun eröffnen. Vorausgegangen waren Diskussionen über die Darstellung der Flucht und Vertreibung Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen aber ist die Ausrichtung des Museums klar: Im Vordergrund steht die Versöhnung.

Ende der 1990er Jahre stellte die CDU-Politikerin und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, ihre Pläne eines solchen Dokumentationszentrums vor. Dafür stieß sie damals die Gründung der Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" an. Doch schon bald wurden Bedenken in Deutschland und vor allem im benachbarten Ausland laut, dass der Blick der Vertriebenen die Geschichte verfälschen könnte. So warf man Erika Steinbach in Polen vor, sie wolle die Deutschen zu Opfern machen, ohne ausreichend zu unterstreichen, dass das Schicksal der Deutschen das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und der damals begangenen Nazi-Verbrechen in Europa war.

Die CDU-Bundestagsabgeordneten und Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach - Foto: Sebastian Willnow (dapd)

Reizfigur für die polnischen Partner: Erika Steinbach

Deshalb galt Polen jahrelang als Gegner der Pläne eines Vertriebenen-Zentrums in Deutschland. Die politische Elite Polens machte sogar Druck auf höchster politischer Ebene, um Steinbachs Projekt zu verhindern. Lange Zeit gab es eine Blockade des Vorhabens, bis es 2008 schließlich zum Durchbruch kam: Die deutsche Bundesregierung entschloss sich, selbst eine Stiftung zu gründen, deren Ziel eine Dauerausstellung über Vertreibungen ist. Und da die Bundesregierung keine Verschlechterung der Beziehungen zu Polen riskieren wollte, blieb Erika Steinbach außen vor - sie kam in keine Gremien, die bei der Konzeption der Einrichtung mitwirken sollten. Damit hörten sowohl die Proteste im Nachbarland als auch in Deutschland auf. Man vertraue der Bundesregierung, für eine ausgewogene historische Darstellung zu sorgen - lauteten die Kommentare aus Warschau.

Zähes Ringen um Geschichtsdeutung

2010 wurde dann ein erstes Konzept für die Ausstellung öffentlich vorgestellt, der Entwurf erntete jedoch viel Kritik. "Eigentlich geht es um zwei verschiedene Ansätze, wie man die Geschichte der Vertreibungen erzählt", sagt Robert Zurek, ein polnischer Historiker in Berlin. "Der eine sieht vor, dass man alle Vertreibungen des 20. Jahrhunderts vor allem als Ergebnis der nationalistischen Politik europäischer Staaten sieht. Damit wird aber suggeriert, dass nicht speziell die Nazi-Verbrechen, sondern generell die nationalistischen Tendenzen für die Vertreibungswelle verantwortlich sind. Der zweite Ansatz sieht den Krieg und die deutschen Gräueltaten als Hauptursache der Vertreibungen im Osten", sagt Zurek.

Eine Gruppe Vertriebener zieht durch ein Dorf in Ostpreußen im Frühjahr 1946 - Foto: Al. Less (picture-alliance)

Deutsche in einem Dorf in Ostpreußen im Frühjahr 1946: Vertreibung im Kontext des Zweiten Weltkriegs

Beim ersten Ausstellungsentwurf (2010) kritisierte man, dass man das Schicksal der deutschen Vertriebenen zu wenig in den Kontext des Zweiten Weltkriegs eingebettet hatte. Einige Historiker fanden es unzulässig, die Vertreibungen der Deutschen auf die gleiche Ebene wie andere Vertreibungen in Europa zu stellen. Sie meinten, dadurch würde der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, also zwischen den Naziverbrechen und der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nicht deutlich genug. In dem im Herbst 2012 vorgestellten zweiten Entwurf einer Dauerausstellung wurden die Verbrechen des Dritten Reiches im Osten viel mehr als Ursprung der Vertreibung der Deutschen deutlich.

Die Flucht und Vertreibung der Deutschen am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg soll dabei "nur" ein Schwerpunkt der Dauerausstellung sein - eingebettet in den Kontext der europäischen Vertreibungen des 20. Jahrhunderts, unterstrich Bernd Neumann, der zuständige Staatsminister für Kultur und Medien. Konkret hieß es in einem Papier, dass es um "den Kontext der nationalistischen Expansions-, Vernichtungs- und Lebensraumpolitik und ihrer Folgen" geht. Zugleich wurde auch das Ziel des Projektes formuliert: "Vertreibungen erinnern - Vertreibungen achten - Versöhnung und Verständigung vertiefen". Damit soll der versöhnliche Charakter der Ausstellung unterstrichen werden.

Europäische Perspektive

Außerdem soll das Konzept viele verschiedene Perspektiven auf die Flucht und Vertreibung in Europa berücksichtigen, indem man auch das Schicksal anderer Völker Europas schildern will und zwar bis ins 19. Jahrhundert zurück. Dabei geht es auch um "die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan, von denen zumeist Muslime betroffen waren. Als Folge des serbischen Aufstands gegen die osmanische Herrschaft 1804, der griechischen Unabhängigkeitsbestrebungen seit 1821 oder der Balkankriege 1912 bis 1913 wurden Millionen Muslime vertrieben". Bei der Ausstellung soll auch das Genozid der Armenier 1915 und 1916 thematisiert werden, "was als Vertreibung durch osmanisch-türkische Behörden begann".

Vertreibung von Armeniern aus der Türkei, 1915 - Foto: AP

Ein Thema der Dauerausstellung: Die Vertreibung der Armenier aus der heutigen Türkei 1915

Es geht aber auch um Millionen Menschen, die seit den 1930er Jahren Opfer Stalins wurden. "Zwangsarbeit, Deportation, Gulag, Hungertod und Massenmord waren konstitutiv für den stalinistischen Terror", hieß es in der Konzeptvorlage. Besonders stark werden aber auch die Folgen des Totalitarismus, der Völkermassenmord, die Vernichtungslager und die Vertreibungen anderer Völker zu Beginn des Zweiten Weltkrieges durch die Deutschen, zum Beispiel im besetzten Polen dargestellt. Größtenteils sollen die Vertreibungen anhand von Einzelschicksalen dargestellt werden. Das Konzept wurde von einem 15-köpfigen international besetzten Historikergremium erarbeitet, darunter auch von zwei polnischen Wissenschaftlern.

Das Dokumentationszentrum des Bundes entsteht im Deutschlandhaus (Artikelbild oben), in direkter Nachbarschaft anderer Einrichtungen, wie etwa des Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors" auf dem Gelände der ehemaligen Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße. Außer einer Dauerausstellung werden im Deutschlandhaus auch temporäre Präsentationen gezeigt, die sich mit dem Thema der ethnischen Säuberungen und Deportationen auseinandersetzen. Vorerst musste jedoch das vorgesehene Gebäude renoviert werden. Die Projektkosten von knapp 30 Millionen Euro trägt der Bund, die Eröffnung ist für 2016 geplant.

Audio und Video zum Thema