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Katar

Ausgerechnet Doha?!

Katar gehört zu den Ländern mit dem höchsten pro-Kopf-CO2-Ausstoß. Ist der Golfstaat im Wandel begriffen? DW-Reporterin Brigitte Osterath schildert ihre Eindrücke vom Gastgeberland der Weltklimakonferenz.

Hochhäuser in Doha, Katar
Foto: Brigitte Osterath

Skyline von Doha Katar

Keine Frage: Katar ist genau so, wie man sich einen typischen Golfstaat vorstellt: heiß, staubig und unheimlich reich.

Die Klimaanlagen pusten überall auf Hochtouren - im Hotel, im Taxi, in der Uni und natürlich in den riesigen Einkaufszentren in Katars Hauptstadt Doha. Kein Wunder, denn die Sonne brennt bereits morgens um 9 Uhr unbarmherzig vom wolkenlosen Himmel. Und dabei gehört der November mit 30 Grad im Schatten noch zur kalten Jahreszeit. Im Sommer sind unerträgliche 50°C normal.

Fast ausschließlich Limousinen, Pickups und Kombis brausen auf Dohas breiten Straßen mit bis zu 80 km/h daher. Kleinwagen sucht man vergebens. Und natürlich laufen die Motoren auch bei Autos, die nur am Straßenrand auf ihre Besitzer warten, weil diese kurz etwas erledigen - schließlich soll das Wageninnere auf frische 18°C gekühlt bleiben.

Abseits von den Hoteliers und Umweltforschern stieß man eine Woche vor Beginn der Klimaschutzkonferenz noch auf verständnisloses Schulterzucken, wenn man auf das bevorstehende Ereignis zu sprechen kam. "Davon weiß ich nichts", war die Standardantwort der Befragten. Und dann wechselten sie das Thema und schwärmten mit großer Begeisterung von der Fußball-Weltmeisterschaft, die im Jahre 2022 in Katar stattfinden wird.

Eislaufbahn in Doha, Katar
Foto: Brigitte Osterath

Im neuesten Einkaufszentrum von Doha gibt es sogar eine Eislaufbahn

Leben im Überfluss

"Wenn die Kataris im Sommer drei Monate in Urlaub fahren, lassen sie in ihrem Haus die ganze Zeit über die Klimaanlagen laufen", erzählt jemand, der schon seit 17 Jahren in Doha lebt. Das kostet die Kataris keinen Cent, denn Strom ist für alle Einheimischen umsonst, genauso wie das Wasser aus dem Hahn. "Wir haben die Regierung gebeten, der Umwelt zuliebe in Zukunft Geld für Elektrizität und Wasser zu berechnen oder zumindest ein Limit einzuführen", erzählt ein Umweltaktivist im Land. "Aber das haben sie rigoros abgelehnt."

Geschwindigkeitsübertretungen auf Katars Straßen werden inzwischen mit horrenden Bußgeldern geahndet - aber zum Spritsparen gibt es kaum einen Anreiz. Schließlich kostet der Liter Super-Benzin nur etwa 20 Eurocent - fast schon ein weltweiter Tiefstrekord. Gleichzeitig zählen die Gehälter in Katar zu den höchsten in der Welt und Steuern sind unbekannt.

Katarische Familien hätten im Durchschnitt mehr Autos als Familienangehörige, berichtet ein Bewohner des Landes. "Nur Touristen und schlecht bezahlte Gastarbeiter fahren Bus." Auf vielen Straßen Dohas wurden brandneue Fahrradwege eingerichtet - aber sie sind leer. Selbst Fußgänger sind selten; die wenigen, die man sieht, sind meist gerade nur auf der Suche nach einem Taxi.

Ehrgeizige Absichten

Öl und vor allem Erdgas haben Katar reich gemacht. Es zählt zu den Ländern mit dem höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf. Aber das soll sich bis zum Jahre 2030 völlig ändern. So besagt es ein Papier, die "nationale Vision 2030", das die Regierung, allen voran der Herrscher - der Emir Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani - erstellt hat.

Ein wichtiger Punkt darin ist der Umweltschutz: Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, sauberes Wasser, mehr Recycling, energieeffizientes Bauen und Klimaschutz durch Eindämmung der CO2-Emissionen sind nur einige der Stichworte. Eine wichtige Rolle soll dabei die Etablierung erneuerbarer Energien spielen: mit Windkraft, aber vor allem mit Solarenergie.

Skyline von Doha, Katar
Foto: Brigitte Osterath

Dohas Skyline schmücken schon zahlreiche Hochhäuser - etliche mehr werden gerade hochgezogen.

Zu sehen ist davon bisher allerdings nichts. Nur eine einzige Solaranlage begegnet dem aufmerksamen Beobachter bei einem Spaziergang durch ganz Doha - sie steht auf dem Dach des neuen Konferenzzentrums, in dem ab Montag (26.11.2012) die Klimaschutzkonferenz stattfindet.

Hin und wieder prangen am Straßenrand ein paar Plakate des Umweltschutzministeriums, die zu maßvollem Umgang mit den Ressourcen mahnen. "Die Plakate hat man vor ein paar Wochen aufgestellt", verrät jemand aus Doha. "Sie sollen die Medien beeindrucken, die zur Klimaschutzkonferenz kommen."

Steht Katar vor dem großen Umschwung?

"Katar und Klimaschutz? Nie im Leben!" urteilt ein deutscher Tourist. Anders sieht das Benno Böer, ökologischer Wissenschaftsberater der arabischen Region im UNESCO-Büro in Doha: "Es deutet alles daraufhin, dass sie das ernst meinen", sagt er. "In den letzten zehn Jahren ist hier so einiges passiert. Gerade in den letzten fünf Jahren ist hier ein Umweltbewusstsein entstanden."

Vor allem junge Kataris machten sich Sorgen um ihr Land und setzten sich für ein Umschwenken ein. "Man kann die Situation hier mit dem Deutschland Ende der 70er Jahre vergleichen, als sich die grüne Partei etabliert hat", sagt Böer. "Da liefen die ganzen jungen Leute von den Hauptstromparteien weg und fingen an, grün zu werden. Ähnlich funktioniert das jetzt in Katar."

Zu viel Planung, zu wenig Aktion

Allerdings habe man bisher sehr viel Zeit verschwendet, gibt Böer zu: Es wurde viel geredet und geplant, aber nichts Konkretes unternommen. "Katar ist jetzt in einer Übergangsphase, wo es Dinge, die geplant wurden, auch anfängt, umzusetzen", sagt er. Aber das dauert.

Zu langsam geht es auch Qasim Radaideh voran. Der Jordanier arbeitet für EcoQ, eine Organisation, die alle zwei Jahre eine Messe zu Umwelttechnik veranstaltet. "Die Regierung tut schon etwas, aber alles verläuft noch sehr schleppend."

Als Beispiel nennt er die geplante Fabrik, die demnächst Silizium für Solaranlagen in Katar produzieren soll. Zu lange sei das Projekt schon in Planung, ohne dass es vorangehe. "Wenn die Fabrik endlich fertig gebaut ist, ist die Technik vermutlich schon veraltet." Aber, gibt Radaideh zu bedenken, "es ist ja auch nicht so einfach. Ein Land, das 50 Jahre auf fossiler Energie basiert hat, ändert sich nicht von heute auf morgen."

Das liegt auch daran, so glaubt Benno Böer von der UNESCO, dass das Land so klein ist: Es gibt noch nicht mal eine halbe Million Kataris. "Das ist also eine mittelgroße Großstadt. Und man kann nicht davon ausgehen, dass diese Leute die Kapazität haben, die ganzen Umweltprobleme alleine anzugehen."

Dafür müsse sich Katar viele gute, zuverlässige, ausländische Köpfe ins Land holen - und das brauche nun einmal Zeit.

Qasim Radaideh ist fest davon überzeugt, dass schon bald Erfolge sichtbar werden: "Man darf Katar nicht nach dem beurteilen, was man derzeit sieht. In zwei Jahren spätestens soll jeder wiederkommen und sich dann seine Meinung bilden."

Grün aus Berechnung?

"Ich glaube, die Kataris haben einfach gemerkt, dass es so wie bisher nicht weiter geht und dass sie sparen müssen", erzählt ein deutscher Geschäftsmann, der öfter in Katar zu Besuch ist. "Das hat allerdings weniger was mit der Umwelt zu tun, sondern mit Geld."

So äußern einige die Vermutung, dass Katar seinen eigenen Energiebedarf in Zukunft komplett mit Solarenergie decken möchte, um das gesamte geförderte Erdöl und Erdgas ins Ausland verkaufen zu können - schließlich sei abzusehen, dass die Gewinne in den nächsten Jahrzehnten immer weiter steigen werden.

Benno Böer hingegen ist sich sicher, dass die Regierung durchaus erkannt habe, dass es Zeit sei, vom Überfluss wegzukommen und nachhaltiger zu werden. Aber natürlich werde erst die Zukunft zeigen, was hinter den ehrgeizigen Plänen der Kataris, auf erneuerbare Energien umzuschwenken, wirklich steckt.

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