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Digitales Leben

Aus dem Netz ins Leben

Webkünstler lassen die Grenzen zwischen digitaler Welt und Wirklichkeit verwischen. Oft wird der Betrachter dabei zum User und kann eingreifen. Der Berliner Künstler Aram Bartholl macht's vor.

Ein USB-Stick steckt in einer Mauer. Es ist ein sogenannter Dead Drop, wo man ohne Internet Daten austauschen kann.
Quelle: http://www.flickr.com/photos/bartholl/5126739968/in/set-72157625142951009

Ein "Dead Drop" in einer New Yorker Mauer

Wenn Sie irgendwo einen Menschen sehen, der in einer etwas merkwürdigen Haltung an einer Mauer lehnt und sein Laptop gegen die Wand drückt, dann könnte es sich um diesen Mann handeln: Aram Bartholl, Architekt, Künstler, digital Interessierter.

Was er da tut? In der Mauer steckt ein USB-Stick. Über diesen Stick kann man mit anderen Usern Daten austauschen. Dieser "Dead Drop" erlaubt Filesharing ohne Internet – eine Idee, die Bartholl 2010 hatte. Mittlerweile machen Leute auf der ganzen Welt mit. Im vergangenen Jahr hat Bartholl im Rahmen einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York einen solchen Stick eingemauert.

Der Künstler Aram Bartholl hat sein Laptop an einen USB-Stick angeschlossen. Der Stick steckt in der Mauer, ein sogenannter Dead Drop. Hier kann man Daten austauschen - ganz ohne Internet. Quelle: http://www.flickr.com/photos/bartholl/5126170915/in/set-72157625142951009

Aram Bartoll beim Datenaustausch


Das Netz als Kunstmedium

Im MoMa war er nur einer von vielen – jetzt hat Bartholl in Kassel seine erste Einzelausstellung. Auf dem Platz vor dem Kasseler Fridericianum weist eine sieben Meter hohe Skulptur auf die Ausstellung hin – es ist ein überdimensionierter roter Ortsmarker, wie man ihn auf Google-Maps findet. "Hello World" ist der Titel der Werkschau. Das ist kein Zufall: "Hello World" ist bei Programmierern eine Art Bestätigung einer Software, die sagen will: "Ich bin da und betriebsbereit."

Und genau das überträgt Bartholl auf seine Arbeit: "Das Internet kommt mit einer solchen Wucht über die Menschen, dass man es einfach nicht mehr wegdiskutieren kann. Es ist tatsächlich auf der Hauptbühne angekommen. Auch das bedeutet für mich 'Hello World'."

Das Internet öffnet viele neue Räume - immer mehr Künstler setzen sich mit diesen auseinander und nutzen sie als neue Plattformen für ihre Arbeit. Der Medienkünstler Julius Popp zum Beispiel visualisiert digitale Informationen, indem er mit selbst konstruierten Maschinen Bits in Wörter oder Muster umwandelt. Weltweit bekannt ist er mit seinen "bit.falls": Automatisch werden Begriffe aus dem Internet gefischt und mit Wasserstrahlen für kurze Zeit sichtbar gemacht.

Ein Mann fotografiert die Installation bit . fall des Künstlers Julius Popp. In der Arbeit des Künstlers werden computergesteuert mit einem optisch und akustisch erfahrbaren Wasserfall Informationen aus dem Internet für den Bruchteil von Sekunden erkennbar. Foto: Waltraud Grubitzsch, dpa

Bit.Fall: Wasserskulptur von Julius Popp

Viele Künstler agieren ausschließlich im Netz und machen sich dort einen Namen, wie der niederländisch-brasilianische Webkünstler Rafaël Roozendaal. Er hat das Internet zu seiner Leinwand gemacht und stellt interaktive Kunstwerke ins Netz. Jede Arbeit hat eine eigene Webseite. Der Betrachter kann das Bild beliebig verändern. "Interaktion ist für Internetnutzer was ganz Natürliches, und das ist die Herausforderung für die Internetkunst", so Rozendaal auf seiner Webseite. So verlässt die Kunst den Elfenbeinturm, findet nicht mehr in Galerien und Museen statt, sondern auf dem Bildschirm, für jeden immer abrufbar, egal ob am Heim-PC oder im Smartphone.

Das interaktive Webkunstwerk Ifnoyes des niederländisch-brasilianischen Künstlers Rafaël Rozendaal. Der Screenshot zeigt eine der unzähligen Varianten, die der Betrachter per Mausklick selbst erstellen kann.
Quelle: Rafaël Rozendaal Ifnoyes
http://www.ifnoyes.com/

Das Webkunstwerk "Ifnoyes" von Rafaël Rozendaal. Auf www.ifnoyes.com kommen Sie in den vollen Genuss

Ein Egoshooter als Kunstkulisse

Aram Bartholl dagegen holt das Netz ins "wirkliche" Leben. Im Eingang der Kunsthalle hat Bartholl die Kulisse des Egoshooters "Counterstrike" nachgebaut. "Viele Menschen spielen diese Spiele und kennen sich in den Räumen sehr gut aus", sagt Bartholl, daher wollte er diese Räume auch mal in die echte Welt bringen. Als Architekt habe ihn das besonders gereizt: "Diese Gebäude existieren ja nur auf Servern und in irgendwelcher Software. Ich finde, dass die auch mal gebaut werden müssen."

Die Arbeit "Are you Human" zeigt einen Captcha-Code, der in großen rostigen Eisenschlaufen auf dem Boden der Halle liegt. Auf Webseiten muss man diesen Code häufig eingeben, um beispielsweise einen Kommentar zu einem Artikel zu posten. Der Captcha-Code ist für Maschinen nicht lesbar. Wenn man ihn eingibt, zeigt man dem Programm, dass man ein Mensch ist und kein Automatismus, der Spams verschickt. "Mir war es wichtig, das Ganze mal in Groß auszuprobieren und einem flüchtigen Schriftzug aus dem Netz echte Schwere und Materialität zu geben", so Bartholl.

Das Captcha ist ein Code, der von Maschinen nicht lesbar ist. Bartholl hat aus diesem flüchtigen Internet-Code eine große Skulptur aus Eisen geschaffen.
Foto von Nils Klinger

Von Maschinen nicht lesbar - doch auch Menschen haben oft Probleme mit dem Captcha-Code

Internet ist auch in der Kunstszene angekommen

Von vielen "Offiziellen" in der Kunstszene wird die Webkunst noch argwöhnisch betrachtet. Das scheint sich langsam zu ändern. Olaf Val vom Kasseler Kunstverein ist Kurator der Ausstellung: "Früher hat man das Internet noch nicht so stark in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Inzwischen aber sind Internetthemen täglich in der Tagesschau zu sehen. Und das hat zur Folge, dass auch die dazugehörige Kunst ernster genommen wird." Val hofft, dass auch in Zukunft häufiger Arbeiten von Webkünstlern gezeigt werden.

Das Publikum zeigt großes Interesse. Die Besucher der Kasseler Ausstellung sind nicht nur Computer- und Internet-Nerds, sondern Kunstinteressierte aller Altersklassen. Ein Teil der Ausstellung lässt dennoch einige Besucher ratlos aussehen: Bartholl hat eine kleine Nebenausstellung kuratiert, an der 14 Netzkünstler teilgenommen haben. Es ist ein Raum mit 14 Routern, auf jedem gibt es ein Netzkunstwerk (eine Webseite, ein Video oder eine Animation) zu sehen. Das funktioniert allerdings nur, wenn man ein Smartphone dabei hat. Meldet man sich damit am Router an, kann man das Kunstwerk sehen. Ein perfektes Beispiel für Bartholls Intention: zeigen, wie die digitale mit der wirklichen Welt verschmilzt. Ein Beispiel aber auch dafür, dass noch nicht jeder Mensch so eng mit der digitalen Welt verbunden ist - Besucher ohne Tablet oder Smartphone schauen auf eine Wand mit schwarzen Kästen.

Aram Bartholl jedenfalls bleibt dran: Seine Arbeiten sind eng am Puls der Zeit. Er muss sich immer etwas Neues ausdenken, weil sich das Netz und der Umgang damit rasend schnell verändert. So ist Bartholl schon winkend hinter einem Google-Kamera-Wagen hergelaufen. Er ist tatsächlich auf Google-Streetview zu sehen - während die Häuser hinter ihm verpixelt sind.

Auch Edward Snowden und die NSA-Affaire sind Thema seiner Arbeit. In großen Lettern hat er einen Verschlüsselungscode auf eine Leinwand gedruckt - links daneben hängt ein Foto von Barack Obama. Er trägt eine Google-Brille, aus der eine Sprechbase ragt: "PRISM".

http://www.flickr.com/photos/bartholl/9706586739/in/set-72157635451826120
Beschreibung:
Ausstellung Hello World von Aram Bartholl in Kassel. Vor der Fridericianum steht ein sieben meter hoher Google-Ortsmarker.
CC-Lizenz, Foto von Nils Klinger

Der große Google-Marker steht für das Motto der Ausstellung "Hello World"

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