Zweimal wurde die französische Region Elsass von deutschen Soldaten besetzt - zuletzt unter den Nationalsozialisten. Seit zwei Jahren sind dort wieder deutsche Soldaten stationiert. Patrick Theisen ist einer von ihnen.
Nein, das will sich Patrick Theisen für den Tag der Deutschen Einheit lieber nicht vorstellen. Eine Parade mit Panzern und klingendem Spiel am 3. Oktober "Unter den Linden" in Berlin? "Unvorstellbar" - auch wenn es gerade erst ein paar Monate her ist, dass der 26 Jahre alte Zugführer mit seinen Kameraden zum 14. Juli, an Frankreichs Nationalfeiertag, stolz über die Pariser Champs-Elysées defiliert ist. An Staatspräsident François Hollande vorbei - mit zackigen 120 Schritten pro Minute, wie es das französische Reglement vorschreibt. "Das Highlight für jeden", aber das sei eben Frankreich, und "in Deutschland haben wir eine andere Tradition".
Es gibt auf den ersten Blick einiges, was Deutschland und Frankreich trennt, und trotzdem lässt sich Patrick Theisen viel Zeit mit der Antwort, wenn man ihn nach den Unterschieden zwischen Soldaten beider Nationen fragt. Die gebe es eigentlich nicht. Zumindest wenn er, der Aufklärer, sich mit Kameraden aus dem Nachbarland vergleiche, die den gleichen Job machten. Er hat das selbst erlebt. Beim Hochgebirgstraining in den bayerischen Alpen oder beim Häuserkampf auf einem französischen Truppenübungsplatz. Ein bisschen fremdeln zu Übungsbeginn ja, aber nach ein paar Tagen funktioniere die binationale Einheit dann weitgehend ohne Schwierigkeiten.
Symbolische Truppe für das Zusammenwachsen Europas
Dabei ist Theisens Verband vor allem eines: eine höchst politische Truppe. Als Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand 1987 die Deutsch-Französische Brigade ins Leben riefen, war das ein starkes Symbol der Zusammenarbeit, aber alles andere als eine militärische Notwendigkeit. Gut zwanzig Jahre war der Verband ausschließlich in Deutschland stationiert, seit zwei Jahren ist die Brigade auch auf französischem Territorium zu Hause - auch wenn es von der Leclerc-Kaserne des Jägerbataillons 291 in Illkirch-Graffenstaden im Süden von Straßburg nur ein paar Kilometer bis zur Grenze sind.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatten sich auf diesen nächsten symbolischen Schritt verständigt - fast 70 Jahre nachdem die zu Frankreich gehörende Grenzregion im Zweiten Weltkrieg dem Deutschen Reich einverleibt worden war. Rund 100.000 Elsässer wurden damals vom NS-Regime für die Wehrmacht zwangsrekrutiert. "Malgré-nous" (gegen unseren Willen) nennen sich die Veteranen bis heute. Viele von ihnen hatten auch nach dem Sieg über Deutschland weiter zu leiden - standen sie doch für Landsleute unter Kollaborationsverdacht. Es sind auch solche Elsässer, auf die der junge Soldat jetzt regelmäßig trifft.
Ob am 8. Mai oder am 11. November - wenn die Bevölkerung der Gefallenen gedenkt, stehen Patrick Theisen und seine Kameraden neben den französischen Soldaten. Auch bei lokalen Feiern sind Vertreter der Bundeswehr regelmäßig präsent. Fast könnte man den Eindruck haben, die Straßburger konnten die Deutschen gar nicht schnell genug in den Festkalender aufnehmen. Der Bundeswehr ist das nur recht - auch sie sucht den Kontakt zur französischen Öffentlichkeit, und so feierte die Aufklärer-Kompanie ihren Führungswechsel in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz der Partnergemeinde Rhinau, gut 30 Kilometer südlich von Straßburg.
Bewusste Entscheidung für Straßburg
Begegnungen mit der Bevölkerung haben die Soldaten nicht nur bei offiziellen Anlässen. Wie viele Kameraden verlässt auch Theisen die Kaserne in Illkirch regelmäßig in Uniform, so dass deutscher Flecktarn in der Tram, den Supermärkten oder der Straßburger Innenstadt längst zum Straßenbild gehört. Ob aus der Kriegsgeneration oder von den jungen Franzosen - negative Anmerkungen habe es bis heute nicht gegeben, dafür jedoch interessierte Nachfragen, berichtet der deutsche Soldat.
Im Elsass fühlt sich Theisen integriert, was wohl auch damit zusammenhängt, dass er als Sohn eines Bundeswehrsoldaten, der als Verbindungsoffizier jahrelang in Frankreich stationiert war, und einer Belgierin fließend Französisch spricht. Vielleicht ist das Leben als deutscher Soldat in Frankreich sogar ein bisschen angenehmer als in der Heimat. Dass Militärkritiker mit Flummis und Lärm eine Bundeswehrfeier in der Öffentlichkeit stören, wie während seiner Ausbildung in Lüneburg geschehen, muss der studierte Wirtschaftswissenschaftler in Straßburg nicht fürchten. Das Ansehen des Militärs in Frankreich ist höher als in Deutschland. Das überträgt sich offenbar auch auf die Bundeswehr-Soldaten.
Deutsch-französische Klischees
"Der Umzug in die Straßburger Innenstadt war eine bewusste Entscheidung", versichert denn auch der Zugführer, der derzeit für 12 Soldaten Verantwortung trägt. Anders als Theisen benötigen manche seiner Untergebenen aber bisweilen Hände und Füße, um sich mit ihren französischen Kameraden zu verständigen. An der Sprachkompetenz hapert es immer noch in der Brigade.
Einen Knigge, um sich in den Alltag in Frankreich einzufinden, brauchten Neuankömmlinge aber nicht, glaubt der Oberleutnant. Manchmal genügen schon Grundkenntnisse der deutsch-französischen Klischeekunde: Wenn Theisen - wie in der Bundeswehr üblich - seine Soldaten um sieben Uhr antreten lässt, schlafen manche Franzosen in den Gebäudeblocks nebenan noch. In Frankreich beginnt der Dienst erst um acht.