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Atomkraft

Aufbruch nach dem Ausstieg

Ein Jahr nach dem Atomausstieg sieht die deutsche Nuklearindustrie wieder Licht am Ende des Tunnels. Ihr Geschäft der Zukunft heißt Know-how-Transfer und der Bau neuer Kraftwerke im Ausland.

Von Zerknirschung oder gar Endzeitstimmung war keine Spur, als sich die deutsche Atomwirtschaft vom 22. bis zum 24. Mai 2012 zu ihrer Jahrestagung traf. In der Stuttgarter Liederhalle herrschte Zuversicht - ganz anders als im vergangenen Jahr, nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011. Damals habe die Tagung noch unter dem Eindruck der Ereignisse in Japan gestanden, inhaltlich wie emotional, räumten die Veranstalter vom Deutschen Atomforum und der Kerntechnischen Gesellschaft ein. Davon war jetzt nichts mehr zu spüren.

Im Mittelpunkt stand die sogenannte Kompetenzerhaltung auf dem Gebiet der Atomtechnologie - etwa Neuerungen beim Strahlenschutz, der Entsorgung und Endlagerung. Darüber diskutierten rund 1100 Fachleute aus 17 Ländern.

Rückbau oder Abriss

Explodiertes Atomkraftwerk Fukushima (Foto: picture alliance / abaca)

Die Katastrophe von Fukushima: Anlass für den deutschen Atomausstieg

Auch wenn in Deutschland keine neuen Kernkraftwerke gebaut werden, gehen der Industrie die Aufträge nicht aus. Die neuen Herausforderungen, so die Veranstalter zu Beginn der Tagung, lägen künftig auf den Gebieten Export und Servicegeschäft. Allerdings muss die Nuklearindustrie sich umstellen, betont Mycle Schneider, unabhängiger Atomenergieexperte und Regierungsberater in Energiefragen. "Die Industrie wird sich verändern. Aber sie wird nach wie vor viel Arbeit haben."

Auch der heimische Markt darf optimistisch sein, denn die Atomkraftwerke in Deutschland müssen zurückgebaut werden, wie Greenpeace-Experte Tobias Riedl im Gespräch mit der Deutschen Welle erklärt. Er warnt aber auch: "Die Atomindustrie hinterlässt uns große Probleme."

Denn "Rückbau" heißt eigentlich "Abriss". Der Umbau eines Kernkraftwerks in ein Wohnhaus oder auch nur eine Gewerbeimmobilie sei gar nicht möglich, sagt Mycle Schneider, weil "es einfach in den entscheidenden Bereichen hoch kontaminiert ist".

Das Geschäft der Zukunft liegt im Ausland

Nicht nur hier sind Fachleute gefragt. Für den Betrieb der letzten Kernkraftwerke, die in Deutschland noch Strom produzieren, brauchen die Betreiber weiterhin hochqualifiziertes Personal. Schneider zählt den Brennstoffwechsel auf, den Service und die nötigen Reparaturen. Hier sieht Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, ein Problem auf die Industrie zukommen. Denn nach der Fukushima-Katastrophe und dem Atomausstieg sähen viele Nachwuchswissenschaftler in der Kernforschung nur noch "ein Auslaufmodell". Der Branche drohe ein Fachkräftemangel.

Zurzeit aber, so Güldner weiter, verfüge Deutschland noch über ein "nukleares Kompetenzcluster", deutsche Expertise habe einen guten Ruf. Deshalb könne die deutsche Nuklearindustrie vom "weltweiten Ausbau der Kernenergie stark profitieren". Auch andere Technologien haben in Deutschland keine Zukunft mehr, sind aber im Ausland begehrt - ein Beispiel ist der Steinkohlebergbau. Obwohl die Zechen hierzulande bereits geschlossen sind, ist deutsches Fachwissen in dieser Branche immer noch gefragt und deutsche Kohlebergbautechnologie weiterhin ein Exportschlager.

Und immer noch: Wohin mit dem Müll?

Instandhaltungsarbeiten im Salzstock Gorleben (Foto: picture-alliance/dpa)

Der Standort Gorleben ist als mögliches Endlager höchst umstritten

Ein Dauerproblem bleibt: Wo soll der strahlende Müll gelagert werden? Atomforumspräsident Ralf Güldner fällt dazu nichts Neues ein. Er favorisiert weiterhin den umstrittenen Standort Gorleben, denn ihm seien "keine wissenschaftlichen Erkenntnisse bekannt", die gegen das dortige Endlager sprächen. Für Tobias Riedl von Greenpeace ist das unverständlich. Jahrelang sei kein anderer Standort erkundet worden - jetzt wäre die Zeit für die Atomindustrie gekommen, "zu erkennen, dass dieser Standort ungeeignet ist und eine neue Suche auch zu unterstützen".

Eine andere Position dürfte die Industrie auch zu der Frage haben, wer die Atommüllentsorgung bezahlen soll. Da sind sich Atomenergieexperte Schneider und Umweltaktivist Riedl einig. Es sei doch klar, dass "die Kosten, die durch Betrieb und Abriss und Müllmanagement entstehen, zunächst einmal von der Industrie getragen werden", so Mycle Schneider im Gespräch mit der Deutschen Welle. Tobias Riedl votiert für das sogenannte Verursacherprinzip, das heißt: Wer einen Schaden verursacht, muss ihn auch beseitigen. Und das, so Riedl, "ist eine reine Frage des politischen Willens".

Kraftwerke der "Vierten Generation"

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Eine mögliche Lösung - glaubt die Atomlobby - könne in der sogenannten Transmutation liegen. Darunter versteht man die Umwandlung hochradioaktiven Materials in schwach- und mittelradioaktive Produkte. Mit diesem Prozess lässt sich gleichzeitig Energie gewinnen und die Menge hochradioaktiven Abfalls verringern. Die dafür benutzten Reaktoren, von den Wissenschaftlern als "Atomreaktoren der vierten Generation" bezeichnet, sind allerdings höchst umstritten. Unter anderem ist ihr Betrieb mit höheren Risiken verbunden als der herkömmlicher Atommeiler.

Tobias Riedl hält das Transmutationsverfahren "für reines Wunschdenken, um endlich des Atommüllproblems Herr zu werden. Das wird das Problem aber nicht lösen." Energieexperte Schneider verweist darauf, dass Brennelemente mit erhöhtem Aufwand wiederaufbereitet werden müssen und hält das Verfahren für "nichts weiter als ein Beschäftigungsprogramm für arbeitslos gewordene Atomphysiker".

Und doch noch einmal eine Umkehr?

Service und Export, Rückbau in Deutschland und Neubau in anderen Ländern - darin sieht die deutsche Atomindustrie das Geschäft der Zukunft. Doch heimlich träumt der eine oder andere Nuklearwissenschaftler dennoch von einem Ausstieg aus dem Ausstieg. Hinter vorgehaltener Hand raunten einige Tagungsteilnehmer, die deutsche Politik werde schon noch erkennen, dass sie ohne Atomstrom nicht auskomme. In einigen Jahren würden auch in Deutschland wieder Atomkraftwerke gebaut.

Mycle Schneider hält das für absurd. Tobias Riedl schüttelt ebenfalls den Kopf und verweist auf die lange Zeit, die zwischen Planung, Bau und Inbetriebnahme eines AKW vergeht. Daher könne man bei der Planung nie wissen, ob nach der Fertigstellung der Atomstrom überhaupt noch wirtschaftlich produziert werden könne. Riedl ist überzeugt: "Ein Neubau von Atomkraftwerken in Deutschland ist ausgeschlossen."

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