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Goethe auf der Spur

Jefferson Chase29. April 2014

Großbritannien hat Shakespeare, Deutschland seinen Goethe. Und wir haben Jefferson Chase. In Weimar ist der promovierte Germanist für uns auf literarische Exkursion gegangen. Das Hotel Elephant ist sein Ausgangspunkt.

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Bild: Hotel Elephant

Etwas ängstlich fahre ich auf den Hotelparkplatz. Vor langer Zeit habe ich einen Doktortitel in der Germanistik erworben und sogar deutsche Literatur an einer englischen Uni unterrichtet. Aber seit Jahren habe ich keinen Band Goethe oder Schiller mehr in die Hand genommen. Jetzt kriege ich ein schlechtes Gewissen. Gerade ich Abtrünniger soll einen Tag in Weimar, der Wiege der deutschen Klassik, verbringen?

"Keine Furcht, wir haben keine Goethe-Suite in unserem Haus", versichert mir Andrea Dietrich, die stellvertretende Geschäftsführerin des Hotel Elephant, in dem sich neben Goethe auch zahllose andere Intellektuelle getroffen haben. "Es gibt genug Goethe in Weimar - Sie werden es sehen."

Recht hat sie. In Weimar steht selbst der Kiosk mit dem Ein-Euro-Pils auf einem Goetheplatz, Sprüche von dem größten deutschen Dichter findet man überall an makellos restaurierten Häuserwänden. Weimar pflegt sein Goethe-Erbe offensichtlich mit Hingabe und das perfekte Beispiel ist das Hotel Elephant selbst.

Von Goethe bis Thomas Mann

Das ursprüngliche Hotelgebäude, in dem Goethe Stammgast war, seinen Portwein trank und seinen 80. Geburtstag feierte, existiert nicht mehr. Die Gästeliste im 19. Jahrhundert war beeindruckend, ein Schaulaufen berühmter Persönlichkeiten. Der zwölfjährige Felix Mendelssohn-Bartholdy mit seinem Lehrer, Clara Schumann, Richard Wagner, Leo Tolstoi, Franz Liszt, Walter Gropius - und das sind nur einige. Unter den vielen berühmten Elephanten-Fans war leider auch ein gewisser Adolf Hitler, der das renovierungsbedürftige Hotel abreißen und 1938 von Nazi-Stararchitekt Hermann Giesler neu errichten ließ.

Hotel Elephant in Weimar
Seit 1696 lockt das Hotel Elephant politische und kulturelle ProminenzBild: picture-alliance/dpa

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Hotel von den russischen Besatzern erst einmal geschlossen und als Internat für angehende Russischlehrer genutzt. Dass das Hotel an den Erfolg seiner alten Zeiten anknüpfen konnte, hat es einem anderen großen deutschen Literaten zu verdanken, Thomas Mann. Nicht nur, dass er dem Elephant in seinem Roman "Lotte in Weimar" ein literarisches Denkmal setzte. Als er 1955 zum 150. Todestag von Friedrich Schiller nach Weimar eingeladen wurde, wünschte sich Thomas Mann ein Zimmer im Hotel Elephant. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Das Gasthaus wurde wieder eröffnet. Und Literaten und Künstler kehrten zurück.

Ein ewiges Werden

All das erfahre ich in der hauseigenen historischen Ausstellung, durch die mich Frau Dietrich führt - dieser Elephant hat in der Tat ein gutes Gedächtnis. Mir wird klar, dass ein Hotel ähnlich wie eine Stadt nie fertig ist, sondern sich über die Jahre verwandelt und so etwas wie ein Spiegel der Geschichte ist. Ein eigener, kleiner Kosmos.

Gegenwärtig ist das Hotel Elephant im Art-Deco-Stil eingerichtet, was gut zu der klassisch-modernistischen Architektur passt. Nicht alles ist authentisch, dennoch herrscht im Elephant kein Mangel an besonderen Details. Im Foyer zeigt mir Frau Dietrich eine Originalradierung von meinem Lieblingskünstler Otto Dix. Mein Zimmer erkenne ich am Baselitz-Gemälde direkt neben der Tür. Dass es jemand klaut, scheint hier offenbar keiner zu befürchten. Das Elephant ist heute ein Luxushotel, die Zimmer kosten ab 125 Euro die Nacht.

Ohne Goethe geht es nicht

Ich entschließe mich, Weimar zu erkunden. Bereit für Inspirationen gehe ich über den historischen Marktplatz. Doch sie kommen nicht. Die alten Häuserfassaden wirken museal. Steril saniert. Auch so etwas kann es geben. Jenseits des Platzes finde ich das Typische einer deutschen Kleinstadt: Hier eine Apotheke, da ein Supermarkt, Cafés enden auf die gleiche Silbe: "Trinkbar", "Genießbar" usw. Das überdimensionierte "Gauforum" am Nordende der Innenstadt ist vom NS-Bau zum Einkaufszentrum umfunktioniert worden, im Deutschen Nationaltheater bringen sie - was sonst - "Faust".

Innenstadt von Weimar
Vom Hotelzimmer des Elephanten blickt man direkt auf den MarktplatzBild: DW/J. Chase

Nach einem erholsamen Nickerchen im Elephanten will ich ins Liszt-Haus, aber es ist zu - für die Klassik-Stiftung Weimar scheint Dienstag der neue Sonntag zu sein. Goethes Wohnhaus ist dagegen offen, also füge ich mich meinem Schicksal und begebe mich in ein Labyrinth aus lauter ähnlich aussehenden Räumen voller Gemälde und zahlloser anderer Sammelobjekte. Goethe war bekanntermaßen ein ziemlicher Allrounder: Dichter, Wissenschaftler, Politiker, aber meiner Meinung nach taugte er als Inneneinrichter nicht viel. Na gut, über Geschmack lässt sich streiten.

Nach der Besichtigung des Goethe-Hauses spaziere ich durch den Park an der Ilm, einen 48 Hektar großen Landschaftspark im klassisch-romantischen Stil am Rande der Altstadt. Dort finde ich Goethes Gartenhaus, ein merkwürdig in die Höhe gezogenes Gebäude, das Herzog Carl August dem Dichter im Jahre 1776 schenkte. Warum brauchte Goethe eine Datsche nur zehn Minuten zu Fuß von seinem Haus, frage ich die Dame am Empfang, die mich schief anguckt und antwortet, vielleicht habe er seine Ruhe gebraucht. Da fällt bei mir der Groschen. Natürlich hat sich Goethe hier mit seiner Geliebten getroffen. Die sechs Räume sind rustikal eingerichtet, im Schlafzimmer steht ein Schreibpult. Selbst in seinem Liebesnest war Goethe durch und durch Dichter.

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Goethes Gartenhaus im Park an der IlmBild: picture alliance/dpa

Am Ende kommt die Einsicht

Am nächsten Morgen sinniere ich beim Frühstück im Nebenraum des prunkvollen Richard-Wagner-Saales im Elephant darüber, was ich von Weimar mitnehmen werde. Mehr Wissen schon mal nicht. Es ist eben ein großer Unterschied, ein Faust-Manuskript anzugucken oder Faust zu lesen. Einige Blicke und Empfindungen werde ich aber nicht so schnell vergessen: Der russische Soldatenfriedhof im Park an der Ilm mit den schlichten, kyrillisch beschrifteten weißen Grabsteinen, das friedliche Gasthaus "Zum weißen Schwan" in der nächtlichen Frauentorstraße, wo ich eine Bratwurst gegessen habe.

Bin ich Banause geworden? Gut möglich, aber als ich die frisch gemachten Rühreier mit Wildkräutern im geschichtsträchtigen Hotel Elephant verspeise, ist mir das egal. Irgendwann während meiner Wanderungen durch Weimar habe ich mir einen Goethe-Spruch notiert: "Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit näher." Recht hat er. Ich wäre zumindest lieber glücklich als klug.