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Rassismus

Antiziganismus - uralte Vorurteile und gefährliche Feindseligkeit

"Fremd" und "tendenziell kriminell", solche alten Vorurteile über Sinti und Roma sind nach neuen Studien immer noch weit verbreitet. In der Nazi-Zeit führten sie zu Morden an Menschen, die man als "Zigeuner" ausgrenzte.

"Jede Menge Roma-Gruppen, die überall einbrechen", hieß es in einem Einspielfilm in der ARD-Talkshow "Günter Jauch" im Sommer 2014. Dieses Zitat ist für Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, ein Beispiel dafür, wie die "gesamte Minderheit unter Generalverdacht" gestellt wird. Rose beobachtet eine "zunehmende europaweite Hetze gegen die Minderheit". Eine Folge seien brutale Gewalttaten wie die gegen den 16-jährigen Roma Darius. Er wurde im Juni in Frankreich ins Koma geprügelt und lebensgefährlich verletzt.

"Sinti und Roma neigen zur Kriminalität", mehr als jeder zweite Befragte stimmte dieser Aussage zu, so das Ergebnis einer Rechtsextremismus-Studie der Universität Leipzig vom Juni 2014. Ähnlich hoch war die Zustimmung zu der Aussage "Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten". Die Forscher sehen einen Grund für diese "abwertenden Aggressionen" auch in der öffentlichen Debatte zur sogenannten "Armutszuwanderung". Viele Politiker und Medien hatten "Armutszuwanderer" und Roma gleichgesetzt und sie pauschal als Sozialschmarotzer dargestellt. Das hat auch der Berliner Politikwissenschaftler Markus End beobachtet, der ein Mediengutachten über "Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit" geschrieben hat.

Buchcover: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung - Foto: Suhrkamp Verlag

Bogdal-Buchtitel: Beschreibung, was "Zigeunern" angedichtet wurde

Markus End und andere Forscher gehen davon aus, dass die meisten Menschen, die Sinti und Roma ablehnen, keine Mitglieder der Bevölkerungsgruppe kennen, gegen die sich ihre Feindseligkeit richtet. Das ist typisch für sogenannten Antiziganismus. Diese Form des Rassismus beruhe nicht auf Erfahrungen, sondern auf Projektionen der Mehrheitsgesellschaft, sagt Markus End: "Es ist möglich, antiziganistisch eingestellt zu sein, ohne dass man jemals konkreten Kontakt gehabt hat zu Menschen, die man als 'Zigeuner' wahrnimmt". Die Ablehnung speise sich aus einer jahrhundertelangen Überlieferung von Klischees wie Heimatlosigkeit, Faulheit oder Kriminalität, die auch in den Medien das Bild von Sinti und Roma prägen.

Das belegen die Forschungen des Literaturwissenschaftlers Klaus-Michael Bogdal. Für sein Buch "Europa erfindet die Zigeuner - Eine Geschichte von Faszination und Verachtung" hat er Quellenberichte und literarische Zeugnisse seit der Ankunft von Roma-Gruppen in Europa vor 600 Jahren ausgewertet. Er zeigt, wie in der Zeit, als sich Nationalstaaten bildeten, Angehörige der Minderheit als Zugewanderte und Fremde ausgegrenzt und verfolgt wurden. Man vertrieb oder ermordete sie. Schriftsteller von Cervantes über Shakespeare und Goethe bis hin zu modernen Autoren wie Günter Grass dichteten ihnen kriminelle Eigenschaften oder zügellose Wildheit an, man reagierte mit irrationalen Ängsten oder heimlicher Bewunderung. Auch vorgeblich positive Bilder wie das angeblich so freie und "lustige Zigeunerleben", sexuelle Freizügigkeit oder temperamentvolles Tanzen und Singen markierten Menschen als abweichend von den Normen der Mehrheitsgesellschaft.

Mit der Realität hat auch das nichts zu tun. "Solange nicht auch mal darauf hingewiesen wird, dass Sinti vielleicht gute Mathematiker und Mathematikerinnen sind", so Politologe Markus End, solange wirkten auch positive Zuschreibungen antiziganistisch. Um Diskriminierungen zu vermeiden, verschweigen viele Roma und Sinti, dass sie der Minderheit angehören. Genau dadurch aber werde die stereotype Wahrnehmung noch verstärkt, sagt End. Denn gerade erfolgreiche und seit langem integrierte Sinti und Roma fehlen im öffentlichen Bild dieser Minderheit.

"Sie sind alle gleich"

Das Gebäude der Beratungsstelle des Rom e.V. in Köln, vor dem Angehörige der Minderheit auf ihren Beratungstermin warten (Foto: DW)

Gut besucht: Die Sozialberatung des Rom e.V. in Köln

Hartnäckig haftende Vorurteile kennt auch Evgenia Georgieva, die beim Kölner Verein Rom e.V. Hilfe gesucht hat. Sie kam mit drei kleinen Töchtern aus Bulgarien nach Köln, damit ihre Kinder bessere Zukunftschancen haben. Die 30-Jährige legt ihre flache Hand auf die Stirn, als würde sie sich ein Etikett aufkleben: "Ein Mensch macht etwas Schlimmes und man klebt es auf alle und sagt, sie sind alle gleich." Sie lernt Deutsch, arbeitet als Reinigungskraft und möchte eine Ausbildung machen, wenn ihre Töchter größer sind.

Das Beratungsangebot des Rom e.V. nutzen zugewanderte EU-Bürger wie Evgenia Georgieva ebenso wie ehemalige Gastarbeiter und Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem früheren Jugoslawien. Es kommen aber auch Sinti und Roma, die seit vielen Generationen als Deutsche in Deutschland leben. Grundsätzlich sind Sinti und Roma in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt und genießen damit staatlichen Schutz. Doch bei einer repräsentativen Umfrage gaben drei von vier Sinti und Roma an, sie seien mehrfach diskriminiert worden: bei der Arbeit ebenso wie in ihrer Nachbarschaft.

"Rassistische Parolen gegenüber Sinti und Roma sind in Deutschland noch immer an der Tagesordnung", das hat man bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes festgestellt und eine Studie über die Einstellungen in der Bevölkerung in Auftrag gegeben. Die Forscher ermittelten, dass keine Minderheit in Deutschland auf so viel Ablehnung stoße wie Sinti und Roma. Vorurteilsforscher und Historiker Wolfgang Benz sagte, er sei schockiert, dass jeder Fünfte der Befragten nicht einmal wusste, dass Angehörige der Minderheit im Nationalsozialismus ermordet wurden.

Völkermord an Sinti und Roma

Journalisten betrachten in Weimar Bilder der Ausstellung 'Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma' (Foto: AP)

Ausstellung zum Völkermord an Sinti und Roma

Im nationalsozialistischen Deutschland wurden früh die Weichen für eine systematische Verfolgung gestellt: "Zigeuner" wurden wie Juden als "fremdrassig" definiert. 1936 erging ein "Erlass zur Bekämpfung der Zigeunerplage". In immer mehr Städten wurden ganze Familien in "Zigeunerlagern" interniert. Die "Rassenhygienische Forschungsstelle" wurde beauftragt, alle Sinti und Roma im Deutschen Reich zu erfassen. Erklärtes Ziel: "die endgültige Lösung der Zigeunerfrage".

Am 16. Dezember 1942 ordnete SS-Führer Heinrich Himmler im sogenannten "Auschwitz-Erlass" den Transport europäischer Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an. Hunderttausende Sinti und Roma wurden während der Nazi-Herrschaft in Europa ermordet: Sie starben in Gaskammern, durch Erschießungen, Zwangsarbeit, erbärmlichste Lebensbedingungen oder medizinische Experimente. "Ein immer noch vergessener Holocaust", sagte Zoni Weisz, Repräsentant der niederländischen Sinti und Roma, 2011 bei einer Rede im Deutschen Bundestag. Mit sieben Jahren entging er durch einen Zufall dem Transport nach Auschwitz; er verlor seine ganze Familie.

Verfolgung nach 1945

Sichtlich geschwächt liegen hungerstreikende Sinti 1980 auf Liegestühlen (Archiv/Foto: dpa)

Hungerstreikende Sinti im ehemaligen KZ Dachau (1980)

Nach 1945 kämpften die Überlebenden und die Angehörigen der Ermordeten jahrelang vergeblich für eine Anerkennung ihrer Verfolgung. Grundsätzlich waren deutsche Sinti entschädigungsberechtigt, sagt Antiziganismusforscher Markus End, doch viele erlebten die Nachkriegszeit als zweite Verfolgung. Die deutsche Rechtsprechung bezog mehrheitlich den Standpunkt, die Verfolgung sei bis zum "Auschwitz-Erlass" nicht aus rassischen Gründen erfolgt. Zum Teil wurden NS-Täter - frühere Mitarbeiter der "Dienststellen für Zigeunerfragen" - zu Gutachtern über ihre eigenen Taten. Sie gaben zu Protokoll, man habe die Menschen "wegen ihrer asozialen und kriminellen Haltung" inhaftiert. Die Opfer erhielten keine Entschädigung. Sie erlebten, wie NS-Täter weiter über ihr Schicksal entschieden. Markus End: "Nicht wenige deutsche Sinti haben berichtet, dass sie bei Gesundheitsprüfungen auf ihre ehemaligen Peiniger gestoßen sind, die dann wiederum Gutachten über sie erstellt haben".

1980 führte Romani Rose im ehemaligen Konzentrationslager Dachau einen Hungerstreik deutscher Sinti an. Sie kämpften für die Anerkennung des Völkermords und protestierten gegen die Weiterverwendung von NS-"Zigeuner-Rasse"-Akten durch die Polizei und andere deutsche Behörden. Erst im März 1982 erkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt den rassistisch motivierten Völkermord an den Sinti und Roma offiziell an. Für viele, die die Verfolgung überlebt hatten, kam das zu spät, sie waren verstorben. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma kämpft seit dieser Zeit unter der Leitung von Romani Rose gegen Antiziganismus und Diskriminierung.

Gefährliche Stimmungsmache gegen die Minderheit

Obwohl in Deutschland seit 1945 die ethnische Minderheit nicht erfasst und gezählt wird, gab es viele Berichte über "tausende Roma", die zuwanderten und noch viel mehr, die zu erwarten seien. Antiziganismusforscher Markus End erinnern solche Stimmungen mit alarmistischen Tönen stark an die Situation Anfang der 1990er Jahre in Rostock-Lichtenhagen.

Dort kam es nach Dauerberichterstattung und wochenlangen Debatten über Flüchtlinge, darunter auch Roma, zu Ausschreitungen und Brandanschlägen auf ein Asylbewerberheim. "Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört", gab damals die 16-jährige Ramona zu Protokoll. Die Schülerin hatte Benzinbomben in ein Haus voller Menschen geschleudert.

Die Polizei und die Minderheit

Demonstration von Sinti und Roma gegen die polizeiliche Erfassung der Minderheit (Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma)

1983: Protest vor dem Bundeskriminalamt

Für die öffentliche Wahrnehmung spielen die Berichte der Polizei eine wichtige Rolle. Die ist gehalten, in ihren Pressemeldungen Verdächtige oder Straftäter nicht als Minderheiten zu markieren. Doch Antiziganismusforscher End hat öffentlich zugängliche Polizeimeldungen durchgesehen und festgestellt, dass es immer neue Codes zur Kennzeichnung gab: "Das war anfangs der 'Landfahrer', dann wurde das zum 'häufig wechselnden Aufenthaltsort' oder später zur 'mobilen ethnischen Minderheit', oder es wird von Südosteuropäerinnen gesprochen, die einer Minderheit angehören."

Schon 1983 hatte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gegen ethnische Stigmatisierung protestiert. Doch auch nach dem Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter 2007, den man heute der rechtsextremistischen NSU-Terrorgruppe zuordnet, kritisiert Herbert Heuss vom Zentralrat: "waren Sinti und Roma pauschal und in haltloser Weise von Polizei und Justiz als potentielle Täter ('aus dem Sinti-Roma-Milieu') öffentlich stigmatisiert worden."

Genau davor hat Romani Rose noch einmal im Zusammenhang mit dem Überfall auf den französischen Teenager Darius vom Juni gewarnt. Wenn die Minderheitenzugehörigkeit immer wieder bei Beschuldigten genannt wird, werde "der Hass und die Ressentiments gegen Sinti und Roma geschürt". Die Angriffe auf die Minderheit gehen weiter: Nach Berichten über viele Einbrüche verabredeten sich in Südspanien Anfang Juli rund 400 Personen über soziale Netzwerke zu einer Kundgebung. Sie griffen Wohnungen von Roma an und setzten sie in Brand.

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