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Vor jedem Auftritt überschlägt sich mein Herz

Andreas Leixnering7. Mai 2015

Am 23. Mai vertritt Ann Sophie Deutschland beim Eurovision Song Contest in Wien. Die Buchmacher sehen die Newcomerin eher auf den hinteren Plätzen. Doch die Hamburgerin lässt sich nicht so einfach verunsichern.

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Bild: Universal Music/Ben Wolf

Ann Sophie - Deutschlands Kandidatin beim Eurovision Song Contest

DW: Ann Sophie, Du trittst bald vor mehr als 120 Millionen TV-Zuschauern beim größten Musikwettbewerb der Welt auf. Kannst Du da noch ruhig schlafen?

Ann Sophie: Ich schlafe tatsächlich nicht viel, weil ich die ganze Zeit unterwegs bin und auch innerlich "an" bin. Ich bin wirklich sehr aufgeregt.

Du kamst als Außenseiterin in den deutschen Vorentscheid und hast in den letzten Wochen eine radikale Entwicklung durchgemacht: von einer nahezu unbekannten Soul-Pop-Sängerin zur deutschen Kandidatin beim Eurovision Song Contest (ESC). Geht Dir das nicht alles ein bisschen schnell?

Es ist natürlich viel auf einmal, wenn man gefühlt keinen einzigen Tag hat, an dem man sich ausruhen oder wirklich ausschlafen kann. Aber es ist so eine spannende Zeit und ich kann so viel mitnehmen. Ich möchte nicht, dass es aufhört, weil ich das wirklich liebe, was ich mache - mit allem, was dazu gehört.

Ann Sophie im Kleid
Als Tochter eines deutschen Bankers wurde Ann Sophie Dürmeyer (24) in London geboren.Bild: Universal Music/Ben Wolf

Du bist in London geboren und in Hamburg aufgewachsen, in New York hast du dann drei Jahre lang Schaupiel studiert und nachts in Jazz-Clubs gesungen. Wie kam es zu dem Entschluss, ganz auf die Musik zu setzen?

Die Schauspielerei bedeutet mir auch sehr viel und ich würde sie gerne weiter verfolgen. Die Musik und das Singen liegen mir aber noch mehr am Herzen. Wenn ich singe, bin ich in einer anderen Welt. Und wenn ich dort bin, will ich auch gar nicht mehr raus.

2013 kam bereits ein selbstproduziertes Album von Dir raus. Mitten im Trubel vor dem Eurovision Song Contest hast Du jetzt die Platte "Silver into Gold" veröffentlicht, dein erstes Album bei einer großen Plattenfirma. Bist du glücklich mit dem Ergebnis?

Ich bin total glücklich mit dem Ergebnis. Wir haben vier von den Songs genommen, die ich geschrieben habe. Ich fand es aber auch toll, Songs von anderen zu singen. Ich bin sehr zufrieden, auch wenn die Zeit im Studio extrem war, weil ich alles in fünf Tagen singen musste, das heißt jeden Tag zwölf Stunden. Hier auch mal ein Lob an meine Stimmbänder, die das alles mitgemacht haben [lacht].

Zurück zum ESC: Beim deutschen Vorentscheid in Hannover wählten die Zuschauer den Soul-Sänger Andreas Kümmert zum Sieger. Der machte dann einen Rückzieher und überließ Dir als Zweitplatzierter den Titel. Wie hast Du das erlebt?

ESC Vorentscheid in Hannover
Eklat beim ESC-Vorentscheid: Andreas Kümmert (rechts) gibt seinen Titel an Ann Sophie (Mitte)Bild: picture-alliance/dpa

Du freust Dich dann schon, weil du merkst: "Cool, ich kann doch nach Wien." Aber dann denkst du auch irgendwie: "Hm, irgendwie ist jetzt eine gemischte Stimmung im Publikum. Und er hat ja gewonnen, ich bin zweite. Hab ich das jetzt verdient, darf ich das jetzt?" Aber dann hab ich mir relativ schnell gesagt: "Nee, Ann-Sophie, komm, das ist ein riesiges Geschenk und du freust dich darauf!"

Für jemanden, der noch nicht sehr lange professionell Musik macht, bist Du ziemlich selbstsicher auf der Bühne. Hast Du Lampenfieber?

Total! Vor jedem Auftritt überschlägt sich mein Herz. Ich bin immer aufgeregt, ich hab immer Respekt vor der Situation, weil man nie weiß, was passiert. Die Stimme kann auch mal brechen.

Beim ESC-Finale in Wien trittst Du mit dem Song "Black Smoke" an. Darin geht es um eine zerbrechende Liebesbeziehung, die sich in "schwarzem Rauch" auflöst. Ist das nicht ein ziemlich düsteres Thema für den Sänger-Wettstreit?

Da gibt es düsterere Themen, glaube ich. Und die Liebe ist ja bei jedem jeden Tag präsent und deswegen ist das ein Thema, zu dem jeder Mensch einen Bezug finden kann. Außerdem ist der Song ja auch von der Struktur und vom Arrangement so aufgebaut, dass er einem gar nicht wie ein trauriger Song vorkommt. Man denkt ja die ganze Zeit so: "Yeah! Okay, es läuft!" [lacht]

Bei den ESC-Wettquoten der Buchmacher liegst Du eher auf den hinteren Plätzen. Wie gehst Du damit um?

Ann Sophie Videoclip
Beim ESC kämpft Ann Sophie gegen Konkurrenten aus 26 Ländern.Bild: Universal Music

Ich muss die drei Minuten nutzen. Ich muss mein Bestes geben. Und ich darf auf dieser großen Bühne auftreten, das ist an sich alles schon etwas Besonderes. Aber was dort passiert und was wer wie entscheidet, das liegt nicht in meiner Hand. Ich lese mir sowas nicht durch, weil mich das zu sehr verunsichern würde. Aber ich bin auch realistisch und weiß, dass ich mit allem rechnen muss, und es kann auch sein, dass ich ganz hinten lande.

Und auf welchem Platz würdest Du gerne landen?

Also ich würde mir wünschen, unter den ersten Zehn zu landen.

Du gehst ja für Deutschland an den Start, vertrittst also eine ganze Nation, wenn man so will. Ist das für dich eine Bürde oder siehst du eher den Spaßfaktor an dem Auftritt?

Ich persönlich sehe eher den Spaßfaktor. Und es ist eine wertvolle Zeit für mich, eine Chance, die nicht wieder kommt. Das einzige, wovor es einem natürlich bangt, falls man einen schlechten Platz macht, ist, dass sich dann ganz Deutschland aufregt und alle sagen: "Ja, wir haben es doch gesagt. Die ist ja nicht umsonst Zweite geworden." Aber was soll ich mir darüber so viele Gedanken machen.

Für manche Teilnehmer war der Eurovision Song Contest ein Karriere-Sprungbrett. Andere sind danach in der Versenkung verschwunden. Was erhoffst Du Dir?

Bis jetzt ist ja schon sehr viel passiert. Wir haben das Album gemacht. Ich bin mir sicher, dass es auch mit der Musik weiter geht. Außerdem habe ich ein Kinderbuch geschrieben, das möchte ich gerne veröffentlichen. Ansonsten würde ich mich auch gerne nochmal mit der Schauspielerei beschäftigen. Ich hoffe nicht, dass ich in der Versenkung verschwinde. Aber die "Versenkung" ist ja auch nur ein anderes Leben, das man dann eben führt.

Das Interview führte Andreas Leixnering.