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Al-Tayyeb: "Was IS macht, ist falsch"

Khalid El Kaoutit21. April 2015

Großscheich Ahmad Mohammad al-Tayyeb ist Rektor der Al-Azhar-Universität in Kairo und eine der höchsten religiösen Instanzen im sunnitischen Islam. Im DW-Interview erklärt er, wie er den Islam vom Terror abgrenzen will.

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Ahmad Mohammad al-Tayyeb (Foto: REUTERS/Mohamed Abd El Ghany)
Bild: Reuters

Deutsche Welle: Herr Großscheich, die Al Azhar hat im Moment mit völlig neuen Herausforderungen zu kämpfen. Der Islamische Staat IS errichtet sein Imperium in der arabischen Welt auf Grundlage des Islam. Wie geht die Al Azhar damit um?

Ahmad Mohammad al-Tayyeb: Im Namen Gottes, des gütigen, des barmherzigen, lassen Sie uns auf die Bezeichnung "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) einigen. Zurzeit gibt es keinen islamischen Staat in diesem Sinne. Ich bin auch nicht damit einverstanden, wenn Sie sagen, ISIS hat die arabische Welt eingenommen. Das ist deren Propaganda. Und Al Azhar als Institution lehrt seine Studenten, dass der Islam nicht mittels Waffen herrschen und sich verbreiten kann, sondern durch Argumente, Logik und Überzeugung. Was die islamistischen bewaffneten Bewegungen machen, ist falsch. Al Azhar ist damit nicht einverstanden und steht nicht dahinter.

Was sind die Gründe für die Entstehung solcher islamistischen Gruppen?

Unter anderem die vielen Rückschläge für die Jugendlichen. Die wirtschaftliche Rückständigkeit, die Arbeitslosigkeit. Das heißt, wir brauchen eine Belebung der Wirtschaft. Da muss auch der Westen seine Verantwortung wahrnehmen und den arabischen Ländern helfen, sich von der Bestie Terror zu befreien. Das kann zum Beispiel über wirtschaftliche Zusammenarbeit geschehen und durch politische Unterstützung. Die westlichen Länder müssen den arabischen Ländern einen Schutzwall garantieren. Denn sollte der Terror hier bleiben, wäre es falsch zu denken, dass der Westen verschont bleibt. Wir wissen alle, dass auch Menschen aus dem Westen freiwillig und aus Eigeninitiative Waffen tragen, um ihre eigenen Länder und eigenen Leute zu bekämpfen.

Sie nennen wirtschaftliche Gründe für die Entstehung von IS. Aber diese Gruppen berufen sich auf den Islam. Wäre es also nicht eher erforderlich, das Bild des Islam zu verändern?

Nein. Erforderlich ist es, den Islam so zu präsentieren, wie er ist, wie er den anderen respektiert, an den anderen glaubt und ihm die Glaubensfreiheit gewährt. Es funktioniert nicht so, wie manche es fordern: Ändert euer kulturelles Erbe, ändert den Koran. Nein, der Koran ändert sich nicht. So, wie sich die Bibel nicht ändert.

Aber selbst Präsident Abdel Fattah Al Sisi hat zu einem neuen religiösen Diskurs aufgerufen. Braucht der Islam eine fundamentale Erneuerung?

Fundamental? Nein. Weil das bedeutet, den Koran und die Fundamente der Religion anzutasten. Der Präsident hat gesagt, dass er keine neue Interpretation der Schriften meint, sondern, dass wir neue Probleme haben, die es früher nicht gab und für die es heute keinen Diskurs gibt. Erforderlich ist es, einen neuen Diskurs zu finden, der diese Herausforderung aufgreift.

Was macht Al Azhar konkret?

Unter anderem bauen wir gerade ein mehrsprachiges Beobachtungszentrum auf, um zu verfolgen, was ISIS und die anderen bewaffneten Bewegungen in der Welt verbreiten. All das wird einer Kommission von Al Azhar-Studierten vorgetragen und analysiert. Es werden dann Antworten formuliert, übersetzt und auf der Webseite von Al Azhar veröffentlicht.

Konnten sich Bewegungen wie IS auch deshalb so schnell ausbreiten, weil die arabischen Staaten sich nicht einig sind?

Die arabische Welt hat jetzt angefangen, sich zu einigen. Wir sehen das in der Jemen-Frage. Was dort gerade passiert, wird auch im Kampf gegen die islamistischen bewaffneten Bewegungen passieren.

Der Krieg im Jemen scheint ein Krieg zwischen Schiiten und Sunniten zu sein. Und Sie sagen, die arabische Welt habe sich geeinigt? Gegen die Schiiten, weil der Iran die Huthis unterstützt?

Nein. Diese Frage ist sehr gefährlich. Die Araber haben nie Waffen gegen Schiiten gerichtet. Sondern gegen die Abtrünnigen, die sich gegen die Legitimität des jemenitischen Staates mit Waffengewalt stellen. Und das sind an erster Stelle Araber, Jemeniten. Der Jemen hat die arabische Welt um Hilfe gebeten und die arabische Welt ist Jemen zu Hilfe geeilt. Aber dass gesagt wird, dass die Araber sich jetzt vereint haben, um Waffen gegen die Schiiten zu richten, das ist definitiv nicht passiert.

Ahmad Mohammad al-Tayyeb ist ein ägyptischer Islamgelehrter. 2010 wurde er zum Scheich al-Azhar ernannt. Als solcher ist er gleichzeitig Imam der al-Azhar-Moschee und gilt als eine wichtige religiöse Autorität des sunnitischen Islams. In der Regierung der Arabischen Republik Ägypten hat der Großscheich automatisch den protokollarischen Rang eines Ministerpräsidenten und kann nur vom Präsidenten der Republik abberufen werden. Als Rektor der al-Azhar Universität hatte al-Tayyeb zuvor schon den Rang eines Ministers inne.