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Atomkraft

AKW-Abriss dauert Jahrzehnte

Er ist sehr teuer und nur drei Mal gelungen: Der Abriss eines Atomkraftwerks in Deutschland. Genau daran arbeitet Walter Hackel in Mülheim-Kärlich. Für ihn ein normaler Job - für Atomkritiker ein Problem ohne Lösung.

Arbeiter demontieren ein Notkühlsystem im AKW Mülheim-Kärlich (Foto: DPA)

Arbeiter demontieren ein Notkühlsystem im AKW Mülheim-Kärlich

Gerade einmal 13 Monate war das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich im normalen Betrieb. Sein Verschwinden aber wird fast 20 Jahre dauern. 1987 ging der Reaktor ans Netz, schon 1988 stoppten ihn Rechtsstreits um das Genehmigungsverfahren: Das Kraftwerk liegt in einer von Erdbebeben gefährdeten Region. Der Betreiber entschloss sich schließlich zur Stilllegung. Seit 2004 reißt Walter Hackel die Anlage nun Stück für Stück ab.

Hackel ist Ingenieur und Werksleiter des stillgelegten Kraftwerks, am Abriss und in der Verwaltung der Stilllegung arbeiten rund 250 Menschen. "Das ist ein Prozess, der von innen nach außen geht", sagt Hackel. "Man beginnt mit den Systemen im Kernkraftwerk. Das sind Rohrleitungen, Kabeltrassen, Pumpen, Maschinen. Die werden abgebaut, zerlegt, gereinigt - wir nennen das Dekontamination - und gehen dann auf den Schrott."


Mit dem Kärcher gegen Kontamination

AKW Mülheim-Kärlich (Foto: DPA)

AKW Mülheim-Kärlich: 13 Monate am Netz - und mindestens 16 Jahre für die Demontage

Das kontaminierte Material bestehe zum Großteil aus Schmutzpartikeln, Rost und Farbresten. "Wir reinigen das überwiegend mit einem ganz normalen Hochdruckreiniger. Mit einem Kärcher, wie man ihn im Baumarkt kaufen kann. Und in dem Wasser ist dann der gelöste Schmutz, die gelöste Radioaktivität", sagt Hackel. Das eigentliche Metallteil sei danach sauber und könne wieder verwendet werden. Das kontaminierte Wasser wiederum werde verdampft, am Ende des Prozess bleibe sauberes Wasser einerseits und ein kontaminiertes Konzentrat andererseits.

Die größte Herausforderung steht Hackel in Mülheim-Kärlich aber noch bevor: Der mehrere Hundert Tonnen schwere Reaktordruckbehälter soll im Innern des Kraftwerks unter Wasser zerlegt und dann verpackt werden. Wann es so weit sein wird, ist allerdings noch nicht klar - die Antwort auf diese Frage hängt eng mit der Endlager-Frage zusammen.

"Ein normaler ingenieurmäßiger Job"


Ein Schaltschrank wird demontiert (Foto: DPA)

Abgebaut: ein Schaltschrank

Nach Hackels Schätzung werden 3000 Tonnen Überreste aus dem Abriss des Atomkraftwerks so kontaminiert sein, dass sie in ein Endlager gebracht werden müssen - von insgesamt 500.000 Tonnen, die beim Abriss entstehen. Ein solches Endlager aber gibt es nicht. Der dafür vorgesehen Schacht Konrad bei Salzgitter könnte frühestens 2014 in Betrieb gehen. Erst wenn es so weit ist, wird Hackel den Reaktor in Mülheim-Kärlich zerlegen und direkt in das ehemalige Eisenerzbergwerk bringen. Der Abrissmüll, der bislang entstanden ist, wird noch immer behandelt, das heißt verkleinert und verpackt. Kapazitäten für die Zwischenlagerung hat Hackel in Gorleben, Ahaus und Hanau.

Für den Techniker Hackel ist der AKW-Abriss ein "relativ normaler ingenieurmäßiger Job". Das Thema Radioaktivität habe der Abriss-Trupp "im Griff". "Die Mannschaft ist geschult, die Anlage ist darauf ausgelegt, und da gehen wir auch mit der notwendigen Sorgfalt vor", sagt er. Der Abriss von Mülheim-Kärlich werde insgesamt 700 Millionen Euro kosten. Die zahle der Betreiber RWE - nach 13 Monaten Laufzeit.

"Da lassen die uns nicht zugucken"

Blick auf das stillgelegte Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich (Foto: DPA)

2020 wieder eine grüne Wiese? Das stillgelegte Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich wird abgebaut.

Für die Atomkraftgegner ist ein AKW-Abriss allerdings kein normaler Job. Den eigentlichen Abriss-Prozess können sie meist nur aus der Ferne verfolgen. "Da lassen die uns nicht zugucken", sagt Raimund Kamm vom "Forum gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik" aus Holzheim bei Augsburg, nahe dem Atomkraftwerk Grundremmingen. Kamm weist darauf hin, dass "99,9 Prozent der Radioaktivität in den Brennelementen enthalten ist". Und die würden vor dem eigentlichen Abriss einer Anlage entfernt und deswegen oft nicht der Müllmenge zugerechnet. Aber für diesen strahlenden Müll gebe es bis heute weltweit kein Endlager.

Karin Wurzbacher vom Münchener Umweltinstitut sieht noch ein anderes Problem: Material, das bei einem AKW-Abriss entstehe, sollte nicht wiederverwandt werden, sagt sie. Bislang wird zum Beispiel Bauschutt für den Straßenbau benutzt, wenn dessen Restkontamination einen gewissen Wert nicht übersteige. "Diese Freimessgrenze ist viel zu hoch", sagt Wurzbacher.

Hackels Ziel ist die grüne Wiese

Das AKW Hamm-Uentrop (Foto: DPA)

Im "sicheren Einschluss" bis 2030: das AKW Hamm-Uentrop, abgeschaltet 1988

Nicht alle Atomkraftwerke können nach ihrer Stilllegung direkt abgerissen werden. Der Hochtemperaturreaktor im westfälischen Hamm-Uentrop zum Beispiel ist seit 1997 im "sicheren Einschluss" - sein Rückbau soll erst ab 2030 beginnen, wenn die Radioaktivität im Innern der Anlage abgeklungen ist.

Das Ziel von Walter Hackel ist eine grüne Wiese in Mülheim-Kärlich. Sie soll dort wachsen, wo heute noch Kühlturm und Reaktor aufragen. So etwas ist in Deutschland bis heute nur drei Mal gelungen: Bei den Versuchsreaktoren Großwelzheim nahe Aschaffenburg und Niederaichbach bei Landshut. Auf dem ehemaligen Standort des Versuchs-AKW Kahl bei Aschaffenburg will Walter Hackel in wenigen Wochen Rasen aussäen, auch diesen Abriss hat er geleitet. Alle drei Anlagen waren allerdings deutlich kleiner und trotzdem dauerte ihre Demontage weit über 20 Jahre.

Für Mülheim-Kärlich ist Hackel da vergleichsweise optimistisch: Er schätzt, dass dort ab 2020 wieder Gras wachsen könnte.

Autor: Christian Siepmann

Redaktion: Kay-Alexander Scholz