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Geschichte

9. November 1938 - Die Reichspogromnacht

Die Judenverfolgung in Deutschland wird 1938 systematisch vorangetrieben. Ein Attentat in Paris dient den Nationalsozialisten als Vorwand für tödliche Übergriffe im ganzen Land, eine "Kriegserklärung an die Juden".

Gedenkstein auf einem jüdischen Friedhof in Rostock (Foto: AP)

Am Abend des 9. November 1938 dringen Nationalsozialisten in das Elternhaus von Ernst Cramer ein. Sie zerstören das Cello seines Vaters und die Porzellansammlung seiner Mutter. Er selbst wird bei Breslau festgenommen, im Konzentrationslager Buchenwald interniert und sechs Wochen dort festgehalten. Bald darauf flieht Cramer in die USA, seine Eltern und sein Bruder werden später von den Nationalsozialisten umgebracht.

SA-Männer 1938 bei einem Hetzmarsch durch die Straßen von Berlin gegen die jüdische Bevölkerung Deutschlands. Die mitgeführten Plakate tragen die Aufschrift 'Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei den Juden!' (Foto: dpa)

"Deutsche wehrt euch" - Die SA hetzt 1938 in Berlin gegen Juden

Cramers Schicksal ist nur eines von vielen in dieser Nacht vom 9. auf den 10. November. Damals brannten hunderte Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen in ganz Deutschland. Juden wurden vor den Augen ihrer nicht-jüdischen Nachbarn geschlagen, gedemütigt, ermordet und in den Selbstmord getrieben. Kaum eine Hand rührte sich zu ihrer Verteidigung.

Attentat in Paris als Vorwand

Den Nationalsozialisten dient ein Attentat eines jungen polnischen Juden in Paris als Vorwand. Der 17-Jährige schießt am 7. November in der Deutschen Botschaft auf einen Diplomaten, der kurz darauf stirbt. In Deutschland läuft daraufhin die Propaganda-Maschinerie an. In zivil gekleidete Angehörige der SA und der SS beginnen noch am selben Tag damit, Juden und ihre Geschäfte und Synagogen anzugreifen.

Am Abend des 9. November teilt Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den versammelten Partei- und SA-Führern die Nachricht vom Attentat mit. Den Tod des Diplomaten stellt er als Teil der "Jüdischen Weltverschwörung" dar. Anschließend lässt er Telegramme verschicken, in denen er anordnet, dass sämtliche jüdische Geschäfte sofort von SA-Männern in Uniform zerstört werden sollen. Nach den Verwüstungen und Übergriffen werden in den kommenden Tagen etwa 30.000 Juden in Konzentrationslager gebracht, Hunderte werden dort ermordet oder sterben an den Haftfolgen.

Zerstörte Fensterscheiben eines jüdischen Geschäftes am Tag nach der Reichskristallnacht 
(Foto: AP)

Der Tag nach der "Reichskristallnacht" - Zerstörte Fensterscheiben eines jüdischen Geschäftes

Wenige Jahre später wurden Juden aus ganz Europa zu Hunderttausenden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern getötet. Die Pogromnacht war der schreckliche Auftakt dazu. Sie markiert den Übergang von der überall vorhandenen Diskriminierung von Juden in Deutschland zu einer systematischen Verfolgung.

Tag des Erinnerns

Seit 1978 ist der 9. November ein festes Datum, um in der gesamten Bundesrepublik an die Ereignisse von 1938 zu erinnern, zum Beispiel mit Schweigemärschen gegen Neonazismus. Der Autor Wilfred Mairgünther wertet die Reichspogromnacht als "Kriegserklärung an die Juden" und unterstreicht damit die Wichtigkeit des Datums. Es hat einen festen Platz gefunden auch in der kommunalen und regionalen Erinnerungskultur. Besonders in Städten, in denen bis 1938 eine Synagoge stand, gibt es jedes Jahr Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Pogrome.

Ernst Cramer kehrte nach dem Krieg zurück nach Deutschland und wurde ein erfolgreicher Publizist. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr nahm er an zahlreichen Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht teil. Wenn der Mauerfall am 9. November 1989 der hellste Tag der deutschen Geschichte gewesen sei, sagte er 2009 in Berlin, dann sei der 9. November 1938 der dunkelste und verabscheuungswürdigste gewesen.

Autor: Klaus Jansen
Redakteur: Nils Naumann