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Katholizismus

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 hat sich die katholische Kirche um eine Aussöhnung mit der modernen Welt bemüht. Das Treffen erregte weltweit Aufsehen und sorgt bis heute für Diskussionsstoff.

ARCHIV - Eröffnungsgottesdienst des Zweiten Vatikanischen Konzils im Petersdom. Im Hintergrund auf dem Thron mit dem Baldachin von Bernini, Papst Johannes XXIII (Archivfoto vom 11. Oktober 1962). Das Vaticanum II hat mit einer Reihe von Reformen Kirchengeschichte gemacht. Vom Oktober 1962 bis Dezember 1965 haben in mehreren Sitzungsperioden insgesamt 2498 Kardinäle, Bischöfe, Ordensobere und andere katholische Würdenträger an der bis dahin größten «Generalversammlung» der Kirchengeschichte teilgenommen. Foto: Gerhard Rauchwetter (zu dpa-Hintergrund 0594 vom 03.02.2009) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren - am 11. Oktober 1962 - begann, wurde zu einem Weltereignis. Es führte rund 2.800 katholische Bischöfe und mehr als 100 nichtkatholische Beobachter von fünf Kontinenten und aus völlig unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen zusammen. Das erste kirchliche Großtreffen in Zeiten moderner Medien und Flugreisen – beides steigerte die Spannung beim Blick auf Rom.

Neues Denken

Doch vor allem war diese Spannung den Ankündigungen und weltweiten Erwartungen geschuldet. Denn als Johannes XXIII., noch keine vier Monate im Amt, am 25. Januar 1959 das Treffen ankündigte, war das eine Sensation und überraschte die gesamte Welt - weit über kirchliche Kreise hinaus. Alle katholischen Bischöfe der Welt sollten Fragen des Glaubens in Zeiten der Moderne debattieren und etwaige Veränderungen beschließen.

Papst Johannes XXIII. im Jahr 1961.

Papst Johannes XXIII

Der „Konzilspapst“ warnte schon bei der Eröffnung des Konzils davor, „nur die Lehre der Väter und der Theologen aus alter und neuer Zeit ständig zu wiederholen“. Vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 befassten sich die sogenannten Konzilsväter in vier herbstlichen Arbeitsperioden mit einer Fülle von Themen, die sich über Jahrzehnte angestaut hatten. Gut 92 Jahre waren seit dem Abbruch des bislang letzten Treffens, des Ersten Vatikanischen Konzils 1870, vergangen, das den Blick auf die Lehrgewalt des Papstes zentriert hatte.

Neue Schritte

Der Kölner Kardinal Joseph Frings (r) nahm den jungen Theologieprofessor Joseph Ratzinger als Berater mit zum Konzil nach Rom (undatiertes Foto). Ratzinger war am Dienstag (19.04.2005) in Rom zum neuen Papst gewählt worden. Er nennt sich Benedikt XVI. dpa/lby (nur s/w) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Kardinal Joseph Frings und der junge Joseph Ratzinger

Mit insgesamt 16 Dokumenten versuchte das Konzil eine Wiederannäherung an die Fragen der Zeit und brachte umfassende kirchliche Reformen. Die ersten Worte des Dokuments „Gaudium et Spes“ über die Kirche in der Welt von heute zeigen beispielhaft den Sprachstil, der viele Zeitgenossen damals beeindruckte: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände...“ Da formulierten Bischöfe eine Nähe zum Menschen, die seitdem für die Kirche Verpflichtung und durchaus auch verfehlter Maßstab ist.

Kontroverse Debatten

Während der Beratungen des Konzils wurde, in großem Rahmen und in kleinen Kreisen, kontrovers debattiert und auch munter und laut gestritten. Für ein dialogisches Konzept kein Defizit. Dabei gehörten Deutsche neben anderen Nordeuropäern zu den bedeutenden Wortführern der Reformkräfte: so der Kölner Kardinal Josef Frings (1887-1978) und die jungen Theologen Joseph Ratzinger (heute 85 Jahre alt) und Hans Küng (heute 84 Jahre alt), deren Wege dann jedoch drastisch auseinandergingen. Der eine steht als Benedikt XVI. seit 2005 der katholischen Kirche vor, der andere ist seit Jahrzehnten der vielleicht prominenteste Kritiker des römischen Kurses.

Kardinal Walter Kasper, bei Konzilsbeginn 29 Jahre alter Priester, bewertet im Rückblick die Aufbruchstimmung des Konzils als „Erfüllung einer Sehnsucht“. Das Konzil habe die Kirche als eine charismatische Größe betont und eben nicht primär institutionell gesehen. Kasper wünscht sich eine Rückbesinnung auf das Konzil und die geistliche Dimension der Kirche.

Auseinandersetzungen ohne Ende

Einzug der Bischöfe zur Fortführung des von dem verstorbenen Papst Johannes XXIII. 1962 eröffneten II. Vatikanischen Konzil im Petersdom, das von dem neuen Papst Paul VI. fortgeführt wird (1963).

Einzug der "Gladiatoren" - Ringen um Konturen

Aber daraus spricht auch eine Ernüchterung über zwei gegenläufige Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre: das Wiedererstarken der römischen Kurie hier, der Ruf nach Reformen von Seiten der kirchlichen Basis dort. Letztlich ringt die katholische Kirche bis heute um die konkrete Bestimmung von Kontinuität und Wandel, die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil einhergingen. So ist sie in ihrem theologischen Kern nach dem Konzil die gleiche wie vor dem Konzil. Es ist keine neue, aber eben eine erneuerte Kirche in der Spur der Tradition.

Die Auseinandersetzung um die Ausrichtung des Konzils und der Nachkonzilskirche bestimmt derzeit die katholische Kirche wieder stärker. Der Kurs der eher kleinen Gruppe um den französischen Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991), der während der Beratungen zu den wichtigsten Kritikern der Reformen zählte, stellt die Kirchenleitung bis heute vor Probleme. Während des Konzils blieb der Stimmenanteil der Reformgegner lediglich bei wenigen Dutzend; die Konzilsväter beschlossen, oft nach kontroversen Debatten, sämtliche Dokumente mit überwältigenden Mehrheiten. So die betonte Einbeziehung der Gläubigen in die nun muttersprachliche Liturgie, die Betonung der staatlichen Religionsfreiheit, die Aufwertung des Bischofskollegiums gegenüber dem Papst oder die Abkehr von Antijudaismus und der neue Respekt gegenüber dem Judentum.

"Unheilspropheten" ohne Klugheit

Besucher auf dem weitläufigen Petersplatz vor dem Petersdom. Aufnahme von 2007. Foto: Friedel Gierth +++(c) dpa - Report+++

Petersplatz und Petersdom

Hinter den konkurrierenden Flügeln stand nicht zuletzt ein Gegensatz, der während der Konzilsarbeit immer wieder aufflammte. Da war auf der einen Seite – bei den konservativen Kräften - eine konsequente Ausrichtung an lehramtlichen Verlautbarungen der zwei, drei Jahrhunderte vor dem Konzil, auf der anderen Seite die betonte Rückführung auf die Heilige Schrift und Texte der ersten frühchristlichen Jahrhunderte. Dieser Gegensatz bleibt. Dabei hatte Johannes XXIII. bereits in seiner Ankündigung des Konzils die Bedenkenträger angesprochen. Er nannte sie „Unheilspropheten“, „die zwar von großem Eifer zeugen, doch nicht von übermäßigem Sinn für Klugheit und für das rechte Maß“. In den modernen Zeiten sähen sie nur Unrecht und Niedergang und verhielten sich, „als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt“. Dabei sei die Geschichte doch „Lehrmeisterin des Lebens“.

DW.DE