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Literatur

Überleben, um zu erzählen: Irena Veisaite

Sie ist eine Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts, Überlebende des Ghettos Kaunas und eine führende Intellektuelle Litauens. Jetzt wird Irena Veisaite mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

Sie ist mit der Liebe zur deutschen Sprache, Kultur und Literatur groß geworden – eine Liebe, die sie bis heute begleitet und die auch zu ihrem Beruf geworden ist. Irena Veisaite war 13 Jahre alt, als sie Schillers Balladen lernte und dessen wunderbare Worte über Treue und Freundschaft las: "Diese Worte haben mir damals Mut gemacht", sagt sie – Mut zum Überleben, den das Mädchen in den Jahren zwischen 1941 und 1944 dringend brauchte. Die klassischen Verse las Irena in der Untergrund-Schule im Ghetto Kaunas.

Das Glück des Tages

Es war keine richtige Schule, erzählt die heute 84-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Welle. Zeit für regelmäßigen Unterricht war nicht vorgesehen. Denn auch die Kinder mussten für ein Stück Brot arbeiten, draußen, jenseits des Stacheldrahts, oder im Ghetto, wo die SS ab 1942 Werkstätten eingerichtet hatte. Nur die Allerjüngsten wurden von der Zwangsarbeit verschont. Buchstäblich bis zum Umfallen schuftete Irena am Flughafen der Stadt. Erst nachdem sie schwer erkrankt war, wurde die 13-Jährige in einer Werkstatt im Ghetto eingesetzt. "Es war eine sehr, sehr schlimme Zeit. Ich hatte immer Angst, umgebracht zu werden und war schrecklich hungrig. Ständig gab es sogenannte Aktionen mit Verhaftungen und Erschießungen. Wenn man am Ende eines Tages noch am Leben war, dann war es gut."

*****ACHTUNG!!!!!! Dieses Foto darf nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Jüdisches Leben in Litauen und das Projekt Spurensuche verwendet werden!**************************
Titel: Kinder in einer Untergrundschule im Ghetto Kaunas. Zugeliefert durch Cornelia Rabitz am 6.8.2012. Copyright: Litauisches Zentrales Staatsarchiv (Lietovos centrinis valstzbes archyvas)

Verbotenes Lernen: Kinder im Ghetto Kaunas

Angehaltene Zeit

Wir sitzen beim Tee in einem Arbeitszimmer voller Bücher und Bilder. Literatur in vielen Sprachen liegt gestapelt auf Tischen und Regalen. Irena Veisaite, eine der führenden Intellektuellen des Landes, liest und spricht neben ihrer Muttersprache Litauisch auch Russisch, Deutsch, Englisch, etwas Polnisch, Französisch und Estnisch. Sie liebt die Poesie Rainer Maria Rilkes, die Romane und Erzählungen von Thomas Mann, Franz Kafka, Hermann Hesse, sie liest historische und politische Literatur. Ihre Wohnung atmet förmlich Geschichte, und wenn die Wissenschaftlerin mit leiser Stimme erzählt, scheint die Zeit stehen zu bleiben in diesem Sommer 2012, in dem sie sagt: "Ich habe immer gedacht, ich muss überleben, um der Welt zu berichten, was geschehen ist."

Grab ohne Ort

Vor fast genau 71 Jahren, nach dem Einmarsch von Wehrmacht und SS in Litauen im Juni 1941, musste das Mädchen mit seiner Tante und den Großeltern ins Ghetto Kaunas umsiedeln. Der Vater lebte damals schon getrennt von der Familie in Westeuropa, die Mutter hatte man unmittelbar nach einer schweren Operation vom Krankenbett weg verhaftet: "Ich konnte sie noch ein Mal im Krankenhaus sehen und ihr ein Mal Essen ins Gefängnis bringen", erzählt Irena. Ihre Mutter habe ihr im letzten Gespräch drei Gebote als eine Art Vermächtnis hinterlassen. Sie solle selbständig sein, mit der Wahrheit leben und nie aus persönlichen Gründen Rache üben: "Ich erinnere mich noch genau an ihre Worte, aber den Sinn habe ich wohl erst später verstanden." Ein paar Tage danach ist die Mutter schon nicht mehr da – sie wurde verschleppt und ermordet in einer der historischen Festungsanlagen, die die Stadt Kaunas umgeben und die nun zur Grabstätte für zehntausende Juden aus ganz Europa werden sollten.

Flucht aus dem Ghetto

Freunde ihrer Eltern machen das Mädchen im Ghetto ausfindig und organisieren ihre Flucht. Bald schon lebt sie mit falschen Papieren als angebliche Waise vom Land bei einer litauischen Familie in Vilnius – ein Leben, das Sicherheit freilich nur vorspiegelt. Sie spricht fließend litauisch, ohne den sonst typischen jüdischen Akzent, und dennoch: Gefahren lauern überall und ein falsches Wort kann dramatische Folgen haben. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen und für Irena muss eine andere Bleibe gesucht werden. Die Familie Ladigiene nimmt sie auf, ein siebtes zu den sechs Kindern, die sie bereits hat: "Stefania Ladigiene wurde meine zweite Mutter. Ich bin dort bis lange nach dem Krieg geblieben – ich hatte ja niemanden mehr. Inzwischen bin ich sogar in den Stammbaum aufgenommen und als Familienmitglied anerkannt worden!", erzählt Irena und sieht sehr glücklich dabei aus.

Schlacht um Moskau/Wehrmachtssoldaten... 2. Weltkrieg / Russlandfeldzug 1941/42: Angriff der Heeresgruppe-Mitte der Wehr- macht auf Moskau (Unternehmen-Taifun), ab 2. Oktober 1941. - Wehrmachtssoldaten (handschr. bez.: Schlacht um Moskau).- Foto, undat.Schlacht, Moskau, Wehrmachtssoldaten

Überfall auf die Sowjetunion 1941

Die zweite Diktatur

Im Sommer 1944 endet die Schreckensherrschaft der Nazis, sowjetische Streitkräfte marschieren ein: "Für mich war es eine Befreiung, als die Rote Armee kam", sagt Irena heute. Sie kann wieder zur Schule gehen, lesen, lernen. Doch das Gefühl der Freiheit ist trügerisch. Bald schon legen sich die Schatten einer zweiten Besatzung auf das kleine Land, das nun Sowjetrepublik wird. Ihre Pflegemutter wird verhaftet, nach Sibirien verschleppt und kommt, gezeichnet von schwerer Krankheit, nach zehn Jahren von dort zurück. Und es beginnt die große Enttäuschung für die wenigen Juden, die den Genozid überlebt haben. Niemand habe sich für sie interessiert, sagt Irena Veisaite. Tabuisiert, verschwiegen, beschönigt: In der Sowjetrepublik Litauen sprach man nur von sowjetischen Opfern des Faschismus. Und schon bald wuchs unter dem Stalin-Regime ein neuer Antisemitismus heran, wurden sogenannte jüdische "Kosmopoliten", Ärzte und Intellektuelle verfolgt: "Die Sowjets waren sehr, sehr schlimm. Anders als die Nazis, aber nicht besser", meint die Literaturwissenschaftlerin.

Den Anfeindungen trotzen

Zum Studium geht Irena Veisaite dennoch nach Moskau. Der sowjetische Geheimdienst in Litauen hatte versucht, sie als Agentin anzuwerben und Druck auf sie auszuüben. Vergeblich: "Ich blieb ganz ruhig. Ich war sicher, dass ich nie ein Informant für sie werden würde. Und ich wäre sogar bereit gewesen, dafür nach Sibirien deportiert zu werden." Sie hat Glück, man zwingt sie, über den Anwerbeversuch zu schweigen und lässt sie laufen. An der Moskauer Universität bekommt die begabte, fleißige Studentin zunächst die besten Noten – bis ihr familiärer Hintergrund bekannt wird. Als Tochter eines im kapitalistischen Ausland lebenden "Bourgeois" und als Jüdin ist sie verdächtig, ein Stipendium wird ihr entzogen, die Noten werden herabgestuft. Irena beißt sich durch, promoviert, schafft es sogar gegen alle Widerstände, zurück nach Vilnius und an die dortige Universität zu kommen, wo sie schließlich viele Jahre lang Literatur und Theatergeschichte lehren wird.

Bücher und Bilder in Irena Veisaites Arbeitszimmer, Juli 2012
Foto: DW/Isaiah Urken

Ein Leben mit Büchern und Bildern

Zeugnis ablegen

Als Litauen 1990 unabhängig wird, ist Irena Veisaite 62 Jahre alt. Sie hat zwei Diktaturen erlebt und überlebt und ist nun eine Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts. Es hat lang gedauert, bis sie endlich über ihre Geschichte und die der vielen anderen jüdischen Verfolgten sprechen durfte. Und dennoch schmerzt es sie, dass immer noch aufgerechnet wird, dass es Streit gibt über die zwei Vergangenheiten ihres Heimatlandes, dass die Kollaboration eines Teils ihrer litauischen Landsleute mit den Nazi-Besatzern ein heikles Thema geblieben ist – und dass das Leiden der Juden trotz aller Bemühungen von Regierung, Historikern und Museen noch zu wenig gesellschaftliche Anerkennung findet.

Auch wenn ihr Schuldzuweisungen und Rachegefühle fern liegen, so ist Irena Veisaite doch der Meinung, dass man wissen müsse, was passiert ist, damit Fehler und Verbrechen sich nicht wiederholen. Es sei wichtig zu wissen, wie zerbrechlich Moral, Kultur und Menschlichkeit unter bestimmten Umständen sein können. Deutschland und sein Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ist für Irena Veisaite inzwischen ein Vorbild. "Man versucht nicht mehr, sich zu rechtfertigen. Man erkennt alles an. Man zahlt noch immer Geld für diejenigen, die gelitten und alles verloren haben. Das achte ich sehr."

Eine Auszeichnung, ein Geschenk

Irena Veisaite hat in ihrer Heimat schon viele Auszeichnungen bekommen. Jetzt aber wird sie in Deutschland geehrt – und das ist dann doch etwas ganz Besonderes. Am 28. August erhält sie in Weimar die Goethe-Medaille – für ihre Verdienste um die Versöhnung und den Kulturdialog mit Deutschland, ihren unabhängigen Geist, ihren politischen Mut, ihre Kreativität. "Das ist eine große Ehre, ein unerwartetes Geschenk", sagt sie und lächelt. Wenn da nur nicht die Aufregung vor dem Festakt wäre.

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