Rund 40 Werke, die während des Nationalsozialismus entstanden sind, liegen heute noch im "Giftschrank". Sie dürfen gezeigt werden, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Ist das noch zeitgemäß?
Wie soll man mit nationalsozialistischem Propagandamaterial heute umgehen? Soll man Bücher und Texte, Symbole oder Filme wegschließen und verbieten? Oder muss man sie zu Verfügung stellen, um zu erfahren, wie die Nazis ihre Botschaften damals unters Volk brachten? Doch wenn ja, wer soll Zugang zu diesen Materialien erhalten? Nur Wissenschaftler? Oder alle? Ist die Gefahr nicht zu groß, dass solches Schriftgut bei Ewiggestrigen und jungen Rechtsextremen wieder auf fruchtbaren Boden stößt?
Eine aufkeimende Debatte
Eine befriedigende Antwort auf diese schwierigen Fragen gibt es nicht und kann es wohl auch nicht geben. Die Diskussion um Hitlers "Mein Kampf" ist gerade wieder in vollem Gange, im kommenden Jahr laufen die Urheberrechte für den Text ab. Komplizierter ist die Sache im Falle nationalsozialistischer Filme. Auch hier wird es in nächster Zeit wohl zu einer umfassenden Auseinandersetzung kommen. Das "Zeughauskino" im Deutschen Historischen Museum Berlin zeigt in seinem aktuellen Programm NS-Filme, auch im Münchner Filmmuseum läuft demnächst eine Reihe mit den berüchtigten Werken der Ära. Zudem fand gerade in München ein Symposium zum Thema statt.
Im Kern handelt es sich um rund 40 sogenannte "Vorbehaltsfilme". Diese etwas umständliche Bezeichnung betrifft Werke, die nur unter einem bestimmten Vorbehalt gezeigt werden dürfen, nicht von jedem und auch nur im Rahmen einer wissenschaftlichen Einführung und Diskussion. Dazu gehören bekannte Propagandastreifen wie "Jud Süß" oder antisemitische "Dokumentationen" wie "Der ewige Jude". Die meisten dieser Vorbehaltsfilme dürften heutigen Kinogängern unbekannt sein. Allen diesen Werken ist jedoch eines gemeinsam: Sie gelten als kriegsverherrlichend, als antipolnisch oder antibritisch, als Hassfilme mit antisemitischem oder anderen Propagandainhalten.
Schwieriger Nachlaß
Nach Ende des 2. Weltkriegs waren die über 1200 Filme, die während der Jahre 1933 - 1945 in Deutschland entstanden, zunächst von den Alliierten einkassiert und in drei Kategorien unterteilt worden. Die meisten wurden anschließend freigegeben, andere nur mit Schnittauflagen, ein kleinerer Rest wurde als Vorbehaltsfilm klassifiziert. Dieser Korpus veränderte sich in den folgenden Jahrzehnten, wurde den Zeitläufen angepasst. Es blieben schließlich rund 40 "Vorbehaltsfilme" übrig. Die in Wiesbaden ansässige Friedrich Wilhelm Murnau-Stiftung sowie das Bundesarchiv in Koblenz verwalten diese Werke, die Stiftung ist für die Spielfilme zuständig, das Archiv für Dokumentationen.
In jüngster Zeit kam es zu Vorwürfen, dass die Vorbehaltsfilme von den beiden Lizenzgebern zu Unrecht zurückgehalten würden. Es werde "Zensur durch die Hintertür ausgeübt, über das Urheberrecht" schrieb beispielsweise ein Journalist in der Tageszeitung "Die Welt". Ein Vorwurf, den der Direktor der Friedrich Wilhelm Murnau-Stiftung Ernst Szebedits so nicht stehen lassen will: "Die Murnau-Stiftung hat qua Satzung den Auftrag, mit diesen Filmen sorgsam umzugehen und sie nicht unkontrolliert der Öffentlichkeit zugänglich zu machen." Dies sei ein öffentlicher Auftrag der Bundesregierung, betont Szebedits. Außerdem: "Das Urheberrecht ist keine Zensurmaßnahme".
Offenerer Umgang mit den Filmen angestrebt
Szebedits, der erst seit einigen Monaten der Stiftung vorsteht, gibt sich allerdings offen für den künftigen Umgang mit den Vorbehaltsfilmen. Die Stiftung sei in den vergangenen Jahren zu defensiv mit dem Thema umgegangen. Auch für zuständige Politiker seien die Nazi-Filme immer ein heißes Eisen gewesen, sie hätten lieber die Finger davon gelassen. Szebedits plädiert für ein neues Fundament bei der künftigen Beschäftigung mit den umstrittenen Filmen: Warum nicht ein Gremium mit Fachleuten bilden, das debattiert und neue Richtlinien entwirft?
Schließlich hätte sich auch die Wirkung der NS-Filme auf die Zuschauer in den Jahrzehnten verändert. Manches, was noch von den Alliierten und nachfolgenden Generationen als gefährliche NS-Propaganda gebrandmarkt worden sei, wäre in seiner Plumpheit heute wohl kaum noch eine Gefahr. Einige Filme auf der Vorbehaltsliste könnte man durchaus freigeben. Auf der anderen Seite gebe es Werke, die frei zugänglich sind, die also nicht zu den Vorbehaltsfilmen zählten, die aber psychologisch oder auch thematisch viel raffinierter seien.
Den Dialog mit den Zuschauern suchen
Auch Jörg Frieß vom Deutschen Historischen Museum spricht sich für einen neuen Umgang mit den NS-Filmen aus. Das "Zeughauskino" zeigt in diesen Wochen "Vorbehaltsfilme" wie "Ein schöner Tag" oder "Mein Sohn, der Herr Minister", Filme, die nicht mit offensichtlichen Propaganda-Filmen wie "Jud Süß" zu vergleichen sind. "Wir befinden uns in einem offenen Prozess", sagt Frieß. Man sollte sich diese Filme zunächst einmal wieder alle anschauen und - im Dialog mit den Zuschauern - eine Meinung bilden.
"Der ganze Korpus der Vorbehaltsfilme ist kein genuiner a-historischer, sondern ein Korpus, der immer in Bewegung war und immer in Bewegung bleiben wird." Man müsse eine Diskussion führen zum politischen Gehalt, zur politischen Wirkungsmächtigkeit von Filmen. Gerade im Hinblick auf Genres wie der Komödie, die ganz unterschiedlich ausgerichtete Interpretationen zulässt: "Der Rezeptionskontext ist heute ein ganz anderer als in den 30er und frühen 40er Jahren", betont Frieß.
Sehr unterschiedliche Reaktionen
Frieß beobachtet bei den Vorstellungen im Zeughauskino zwei unterschiedliche Positionen und Reaktionen im Zuschauerraum. Viele ältere Zuschauer würden auf die fortbestehende Brisanz der Filme hinweisen und sich für weiterhin geltende einschränkende Regeln für bestimmte Nazi-Filme aussprechen. Jüngere Jahrgänge hingegen hätten ein deutlich anderes Verhältnis zu den Vorbehaltsfilmen. "Unsere Demokratie ist stark genug für den offenen Umgang mit diesen Filmen", sagt diese Gruppe. Nachwachsende Generationen verwehrten sich meist gegen die Einführungen, die ganz bestimmte Lesarten der Filme nahelegen. Der "Gestus der Didaktisierung, der Anleitung, der Medien- und Filmpädagogik" wird vom jüngeren Publikum nicht begrüßt, berichtet Frieß. Eine Reaktion, die auch Ernst Szebedits beobachtet und die er nachvollziehen kann. Mit klaren Ausnahmen allerdings: Eindeutig antisemitische Hasswerke wie "Jud Süß" oder "Der ewige Jude" sollten auch in Zukunft nur unter "Vorbehalt“ gezeigt werden.
Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Angela Müller