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Österreichs Rolle in der NS-Zeit

Birgit Görtz13. März 2013

75 Jahre nach dem sogenannten "Anschluss" an Hitlerdeutschland setzt sich Österreich mit seiner Mitverantwortung auseinander. Das ist umso wichtiger, weil es auch dort die Tendenz zum "Schlussstrich" gibt.

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Adolf Hitler grüßt die jubelnde Menschenmenge in Wien (Foto: dpa)
Adolf Hitler grüßt die jubelnde Menschenmenge in WienBild: picture-alliance/dpa

11. März 1938, 19:47 Uhr: Kurt Schuschnigg hielt seine letzte Rundfunkrede als österreichischer Bundeskanzler. "Gott schütze Österreich", waren seine letzten Worte. Hitler hatte Österreich erpresst: Entweder die Regierung tritt zurück oder deutsche Truppen besetzen Österreich. Der österreichische Präsident Miklas und Kanzler Schuschnigg wussten, Widerstand war zwecklos.

Der nächste Tag, der 12. März 1938, markierte das Ende des Staates Österreich. Um acht Uhr morgens marschierten die Truppen der 8. Armee der deutschen Wehrmacht in Österreich ein. Um kurz vor 16 Uhr rollte Adolf Hitlers Wagen bei Braunau am Inn, wo er 1889 geboren worden war, über die Grenze. Es gab keinen Widerstand, dafür umso mehr Jubel.

Freiwillig, gezwungen freiwillig oder gezwungen?

Die Fragen, die seit Kriegsende Historiker, Politiker und Gesellschaft vor allem in - aber auch außerhalb Österreichs immer wieder bewegten, lauten: Geschah der sogenannte "Anschluss", die Eingliederung der Alpenrepublik in das Deutsche Reich, freiwillig oder unter Zwang? War Österreich Opfer oder Mittäter?

Hitler im offenen Wagen stehend bei seinem Einzug in Braunau am Inn (Foto: picture-alliance)
Hitler im offenen Wagen stehend bei seinem Einzug in Braunau am InnBild: picture-alliance/akg-images

Ari Rath, gebürtiger Wiener jüdischen Glaubens, war damals 13 Jahre alt. Er kann sich noch gut an den 12. März 1938 erinnern: "Mein Bruder und ich gingen unsere Großmutter besuchen. Wir wollten sehen, ob alles in Ordnung ist. Dass Hakenkreuzfahnen an den Häusern gehisst waren, das hatten wir erwartet. Was uns aber schockierte war, dass schon am jenem Samstag, den 12. März, die gesamte Wiener Polizei mit Hakenkreuz-Armbinden ausgestattet war. Das muss ja vorbereitet gewesen sein." Das war es zweifellos.

Einen Monat zuvor, am 12. Februar 1938, hatte Hitler Österreichs Kanzler Schuschnigg auf dem Obersalzberg ein Abkommen diktiert: Demnach wurde Hitlers Gefolgsmann Seyß-Inquart österreichischer Innenminister und erlangte somit die Kontrolle über die Polizei. Zudem erpresste Hitler die Aufhebung des bis dahin gültigen Verbots der NSDAP in Österreich. Nun war der Weg frei für die Vorbereitung des "Anschluss" von innen, denn tatsächlich hatten die österreichischen Nationalsozialisten längst Exekutive und Verwaltung unterwandert.

Jubel in Wien

Einen Tag nach dem Einmarsch der Wehrmacht nach Österreich, am 13. März, erschien im in Berlin herausgegeben Reichsgesetzblatt das "Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich", gezeichnet vom Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Zwei Tage später ließ er sich von 250.000 Menschen auf dem Heldenplatz in Wien feiern.

Hitler während seiner Rede auf dem Wiener Heldenplatz am 15.3.1938 (Foto: Getty Images)
Hitler während seiner Rede auf dem Wiener Heldenplatz am 15.3.1938Bild: Getty Images

Mit wie immer schriller Stimme beschwor Hitler die deutsch-österreichische Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsame Geschichte und Mission: "Die älteste Ostmark des deutschen Reiches soll von jetzt ab das jüngste Bollwerk der deutschen Nation und damit des Deutschen Reiches sein." Den gemeinsamen Feind verortete Hitler im kommunistischen Osten. Der letzte Satz der Rede ging im tosenden, minutenlangen Applaus unter: "Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich."

Dass aus dem selbstständigen österreichischen Staat nun die Ostmark des Deutschen Reiches wurde, darüber ließ Hitler nicht das Parlament abstimmen, sondern das österreichische Volk. Am 10. April stimmten 99,7 Prozent der Wahlberechtigten zu – ein Ergebnis, das auf eine für den Nationalsozialismus typische Weise zustande kam: durch Beeinflussung, Propaganda und Terror. Nicht zu vergessen ist aber, dass der österreichische Patriotismus nach der Auflösung des Habsburger Imperiums 1918 schwach entwickelt und der Wunsch nach einem Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich in weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden war.

Die Genese der Opferthese

Noch während des Krieges beschäftigten sich die Alliierten mit Österreichs Rolle in der NS-Zeit. Im Oktober 1943 tagten die Außenminister der USA, Großbritanniens und der UdSSR in Moskau. Sie veröffentlichten die sogenannte Moskauer Deklaration, in der es heißt: "Österreich (ist) das erste freie Land, das der Hitlerschen Aggression zum Opfer gefallen ist...". Dieser Passus bildete die Grundlage der sogenannten "Opferthese" und wurde nach dem Krieg zur österreichischen Staatsräson.

Dass die Erklärung damit nicht zu Ende war, wurde meist übergangen – ob absichtlich oder unwissentlich: dass nämlich die Alliierten die Österreicher zum Widerstand gegen das NS-Regime aufforderten und an Österreichs Mitverantwortung für den Krieg an der Seite Hitler-Deutschlands erinnerten. "Für die österreichische Identitätskonstruktion war das Abschieben aller Belastung und Verantwortung auf die spätere Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Krücke, um ein eigenständiges Nationalbewusstsein zu entwickeln", sagt Oliver Rathkolb, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien.

Das zerstörte Wien 1945 (Foto: dpa)
Das zerstörte Wien 1945Bild: picture-alliance/dpa

Der Abschied von der bequemen Opferrolle

Geändert hat sich diese Perspektive seit den späten 1970er Jahren: Unter österreichischen Historiker sei seitdem Konsens, dass es einen sehr starken Anschluss von innen gegeben habe. Zudem existierte ein breites Ausmaß an Kollaboration an Mittäterschaft, so Rathkolb. "Über die teils brutalen Exzesse nach dem Anschluss gegenüber Jüdinnen und Juden wurde auch schon viel publiziert. Was sich geändert hat, ist die öffentliche Einstellung zum 'Anschluss'."

Der Wiener Historiker Oliver Rathkolb (Foto: dpa)
Der Wiener Historiker Oliver RathkolbBild: picture-alliance/dpa

Rathkolb meint vor allem die Haltung der politischen Eliten, mit Ausnahme der FPÖ, wie er betont. Die Freiheitliche Partei Österreichs werde den 75. Jahrestag eher still an sich vorbeigehen lassen, glaubt der Wiener Historiker. Die FPÖ ist in der Vergangenheit immer wieder mit rassistischen, homophoben und islamfeindlichen Äußerungen aufgefallen.

"Interessant ist, dass die FPÖ das Thema nach innen nach wie vor nicht angenommen hat“, sagt Historiker Rathkolb. Nach außen werde die Staatsdoktrin über die österreichische Rolle während der NS-Zeit mitgetragen. Aber in Einzelfällen gebe es immer wieder sehr klare Abweichungen. Unter FPÖ-Wählern könne man eine stärkere Tendenz verzeichnen, die Historie nicht zu thematisieren. "Aber die Mehrheit in der Bevölkerung tendiert zu einer selbstkritischen Aufarbeitung", sagt Oliver Rathkolb.

Wahlplakat von 2012: Die FPÖ fällt immer wieder mit rassistischen Parolen auf (Foto: Mohamed Massad)
Wahlplakat von 2012: Die FPÖ fällt immer wieder mit rassistischen Parolen aufBild: DW

Was tun mit Hitlers Geburtshaus?

Wie schwierig der Umgang mit der NS-Vergangenheit mancherorts ist, zeigt die Diskussion um Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn. Die Republik Österreich hatte es 1952 angemietet und als Stadtbücherei, Bankinstitut, Schule und Behindertenwerkstatt genutzt. Der Braunauaer Bürgermeister Waidbacher hatte die Idee, dort ein Wohnhaus einzurichten. Nach einem Sturm der Entrüstung ruderte er zurück. Dem russischen Duma-Abgeordneten Franz Klinzewitsch platzte offenbar der Kragen: Er wollte zwei Millionen Euro sammeln, das Haus kaufen und abreißen.

Der Historiker Andreas Maislinger kommt aus der Nähe von Braunau. Er glaubt, dass die Verantwortlichen in Braunau überfordert sind mit dem schweren Erbe. "Der Bürgermeister und der Gemeinderat einer Kleinstadt beschäftigen sich in der Regel mit kommunalen Themen und nicht mit europäischer und Weltgeschichte." Auch andere Orte hätten Schwierigkeiten im Umgang mit der eigenen Vergangenheit. "Aber in Braunau ist es ein besonderes Problem, weil dort außer der Geburt eigentlich nichts stattgefunden hat. Daher neigt man dazu, es immer wieder auch zu verdrängen, weil man sagt: Er ist dort nur auf die Welt gekommen, hat nur ganz kurz dort gelebt. Das wird aber auf der ganzen Welt anders gesehen, man verbindet Braunau mit Adolf Hitler und Adolf Hitler mit Braunau." Vor Ort werde das aber nicht wirklich verstanden.

Geburtshaus Hitlers im oberösterreichischen Braunau (Foto: dpa)
Seit mehr als einem Jahr steht das Geburtshaus Hitlers im oberösterreichischen Braunau leerBild: picture-alliance/dpa

Andreas Maislinger hatte im schon Jahr 2000 den Vorschlag gemacht, im Geburtshaus ein Haus der Verantwortung einzurichten, eine internationale Begegnungsstätte, die sich auch Zukunftsthemen widmen sollte. Sponsoren hatte er auch schon an der Hand. In Kürze will das Wiener Innenministerium laut Maislinger definitiv über die Nutzung entscheiden, doch das sein Vorschlag zum Zug kommt, daran glaubt er nicht. Favorisierte Idee scheint zu sein, im Hitler-Geburtshaus eine soziale Einrichtung einzuquartieren. Dagegen sei prinzipiell nichts einzuwenden. "Nur man soll darüber nachdenken, ob es nicht so aussieht, als ob eine soziale Einrichtung dafür benutzt wird, dem Haus ein positives Image zu geben." Denn wirklich gerne ziehe wohl niemand dort ein.

Neue Generation – neue Zugänge

Was unterdessen dem Wiener Historiker Oliver Rathkolb zu denken gibt, sind jüngste Umfragen aus Österreich und Deutschland. Sie zeigen zwar, dass es hier wie dort eine kritische Sicht auf den Nationalsozialismus und auf den Antisemitismus gebe. "Aber es gibt in beiden Staaten eine sehr starke Schlussstrich-Tendenz unter den jüngeren Generationen", schildert Rathkolb. Er zieht daraus den Schluss, dass Geschichte alle zehn Jahre neu diskutiert und für die Folgegeneration aufbereitet werden müsse. Daher sei der 75. Jahrestag ein passender Anlass, um noch einmal die öffentliche Auseinandersetzung um Österreichs Rolle führen und auch ein Wiederaufkeimen der Opferdoktrin zu verhindern.

Ari Rath (Foto: Paul Zsolnay / Leonhard Hilzensauer)
Ari Rath floh Ende 1938 nach PalästinaBild: Leonhard Hilzensauer

Ari Rath ist fest überzeugt, dass Österreich den 12. März 2013 würdig begehen wird. Mit seiner Heimat, der er im Alter von 13 Jahren den Rücken kehrte, hat er Frieden gemacht. "Es hat sehr lange gedauert, bis ich bereitet war, die österreichische Staatsbürgerschaft wieder anzunehmen." Doch jetzt, 75 Jahre später, hat er wieder "einen Koffer in Wien".